Jetzt kann ich’s
11.08.2026 Persönlich«Gut gespielt», sagt mein zufälliger Golfpartner am 18. Grün – und meint es als Kompliment. Dabei ärgere ich mich gerade über den verzogenen Abschlag, zwei viel zu kurze Annäherungen zuvor und einen verpatzten Bunkerschlag am 8. Loch. Jahrzehnte spiele ich ...
«Gut gespielt», sagt mein zufälliger Golfpartner am 18. Grün – und meint es als Kompliment. Dabei ärgere ich mich gerade über den verzogenen Abschlag, zwei viel zu kurze Annäherungen zuvor und einen verpatzten Bunkerschlag am 8. Loch. Jahrzehnte spiele ich jetzt schon Golf – und auf der Heimfahrt vom Platz beschäftigt mich nicht die Zahl der Schläge, die ich gebraucht habe, sondern die eine Bewegung, die ich noch nicht beherrsche.
Das klingt nach Undankbarkeit, aber es ist das Gegenteil. Denn genau das hält mich bei diesem Sport. Golf ist kein Spiel, das man irgendwann «kann». Es ist ein Treppenhaus ohne oberstes Stockwerk: Als Anfänger will man einfach nur den Ball treffen. Dann soll er geradeaus fliegen. Ist das geschafft, soll er dorthin, wo man ihn haben will – und bald darauf möchte man ihn mit Spin so in eine Kurve zwingen, dass er nach links um einen Baum herum aufs Grün fliegt. Jede gemeisterte Stufe schaltet die nächste frei. Saison für Saison, in kleinen oder grösseren Schritten.
Andere Hobbys langweilen mich, sobald ich ein gewisses Level erreicht habe. Golf sorgt dafür, dass dieser Moment nie eintritt. Kaum glaube ich, das Ziel erreicht zu haben, ist es weitergewandert – exakt so weit, wie ich selber vorangekommen bin. Ich hole einen Horizont ein, der freundlich zurückweicht. Der Fortschritt ist dabei durchaus messbar; neu erlernte Techniken machen zusätzlich Spass auf dem Platz, das Handicap sinkt, langsam, über die Jahre. Aber ausgeschöpft ist das Spiel deswegen nie. Der kürzeste Golferwitz? Siehe Titel.
Golf ist eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger grossen Fehlern. Den perfekten Schlag gibt es nicht. Sobald der Ball zum Stillstand kommt, stellt sich die nächste Aufgabe, die von unzähligen Faktoren wie Lage, Wind, Richtung und Hindernissen beeinflusst wird. Und von meiner Fähigkeit, diese Umstände zu meistern. Dabei gilt es, die eigenen Erwartungen im Zaum zu halten. Arroganz wird meistens drakonisch bestraft, realistische Vernunft hingegen – bescheiden – belohnt.
Das verlangt Demut. Aber nicht die Sorte, die klein macht. Sondern die heilsame, die den Kopf frei macht: Auf dem Platz zählt nur der nächste Schlag. Alles, was mich sonst umtreibt – Termine, Deadlines, Dutzende ungelesener Mails –, hat vier Stunden lang Pause. Ich kann nicht gleichzeitig grübeln und gut putten; das eine schliesst das andere aus. Es ist die günstigste Therapie, die ich kenne. Und vor der nächsten Fahne ist der Weltklassespieler genauso Lernender wie ich, nur ein paar Stockwerke höher auf der endlosen Treppe.
«Gut gespielt», sagt mein Flightpartner, der nicht weiss, was ich wirklich hätte spielen können. Und das Schönste daran ist, dass er sich irrt. Weil ich weiss, dass es noch besser geht: «Gut» hiesse fertig. Und fertig hiesse: vorbei. Ich habe nicht die Absicht, mit diesem Spiel je fertig zu werden. Ich werde jetzt nochmals Annäherungen üben, und Bunkerschläge.
Und auf der nächsten Runde zeigt mir dann der Ball, was ich alles noch nicht kann.
Peter Sennhauser, Redaktor «Volksstimme»

