Jetzt ist der Regen entscheidend
28.07.2026 BaselbietNach der Getreideernte bereitet die Zwischensaat den Landwirtschaftsbetrieben Sorgen
Die Getreideernte ist trotz Trockenheit weniger schlecht ausgefallen als befürchtet. Doch Entwarnung geben die Landwirte nicht: Bleibt der Regen aus, geraten Zwischensaaten, Winterkulturen und die ...
Nach der Getreideernte bereitet die Zwischensaat den Landwirtschaftsbetrieben Sorgen
Die Getreideernte ist trotz Trockenheit weniger schlecht ausgefallen als befürchtet. Doch Entwarnung geben die Landwirte nicht: Bleibt der Regen aus, geraten Zwischensaaten, Winterkulturen und die Futterversorgung des kommenden Jahres stark unter Druck.
Brigitt Buser
Blickt man derzeit über die Felder der Region, erinnern viele eher an eine Steppe als an das Baselbiet. Zwei Hitzewellen mit Temperaturen von über 34 Grad haben ihre Spuren hinterlassen, und laut Wetterprognosen könnte bereits die nächste mit Werten gegen 40 Grad bevorstehen.
Besonders stark betroffen ist das Grünland. Wie die «Volksstimme» bereits berichtete, fielen in vielen Regionen zwei der vier jährlichen Grasschnitte – darunter Heu und Emd – weitgehend aus. Doch auch beim Getreide blieb die Trockenheit nicht ohne Folgen. Auf leichten Böden und in besonders trockenen Lagen setzte bei einzelnen Kulturen eine sogenannte Notreife ein. Dabei wird die Kornfüllung vorzeitig beendet, wodurch kleinere und leichtere Körner entstehen – im Volksmund früher auch «Hühnerweizen» genannt.
Trotzdem fällt die Bilanz bei den meisten Getreidearten besser aus als erwartet. «Die Ertragseinbussen halten sich insgesamt in Grenzen», sagt René Ritter, der den Leimenhof in Wenslingen seit 25 Jahren gemeinsam mit Andi Gass nach nachhaltigen IP-Richtlinien bewirtschaftet.
Dass die Auswirkungen der Hitze bisher abgefedert werden konnten, führen Ritter und auch Marc Miesch vom biodynamisch geführten Demeter-Betrieb in Wittinsburg auf eine breite Betriebsstruktur zurück. Neben der Milchwirtschaft bauen sie unter anderem Weizen, Dinkel, Roggen, Gemüse sowie Spezialkulturen wie Linsen oder Kichererbsen an. Auf dem Hof der Familie Miesch gehören zudem Eier aus der Freiland-Mobilstallhaltung zum Angebot.
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Auf vielen abgeernteten Feldern sind inzwischen nur noch Stoppeln zu sehen. Der Boden wird bereits flach bearbeitet, denn unter normalen Bedingungen folgt kurz nach der Ernte die Aussaat einer Zwischenkultur oder Gründüngung. Diese verbessert die Bodenfruchtbarkeit und die Bodenstruktur, schützt vor Erosion und unterdrückt Unkraut. Gleichzeitig sorgt die lockere Bodenoberfläche dafür, dass Starkregen besser versickern kann, anstatt oberflächlich abzufliessen. Der Haken: Jede Bodenbearbeitung entzieht dem Boden zusätzlich Feuchtigkeit – besonders dann, wenn über die Hochebenen des Tafeljuras ein trockener Wind weht. Trotzdem wollen die Landwirte vorbereitet sein, sobald der lang ersehnte Wetterumschwung einsetzt.
«Momentan ist es schwierig abzuschätzen, wann der richtige Zeitpunkt für die Zwischensaat ist», sagt Marc Brodbeck, Präsident des Bauernverbands beider Basel. «Bleibt es trocken, keimt sie gar nicht. Sät man zu spät, erfüllt sie ihren Zweck nur teilweise oder gar nicht. Keimt sie nach wenig Regen und folgt im Spätsommer erneut eine Trockenperiode, geht sie wieder ein.»
Die anhaltende Trockenheit beschäftigt inzwischen auch die Politik. Wie die «bz» in ihrer gestrigen Ausgabe berichtet, fordert Grünen-Landrat Simon Tschendlik mit einem Postulat eine bessere Absicherung der Wasserversorgung für Landwirtschaftsbetriebe ohne Anschluss an das öffentliche Wassernetz. Hintergrund seien sinkende Grundwasserstände und versiegende Quellen. Gemäss dem Bericht bemängelt Tschendlik, dass im Baselbiet bisher kein klares Vorgehen bestehe, falls die Wasserversorgung eines Betriebs ausfällt. Der Regierungsrat soll deshalb Möglichkeiten für eine koordinierte Notversorgung prüfen – etwa mit festgelegten Wasserbezugspunkten, einer zentralen Anlaufstelle oder einer Transportlogistik. Zudem soll abgeklärt werden, ob der Kanton den Bau von Speicheranlagen oder den Anschluss abgelegener Höfe ans öffentliche Wassernetz finanziell unterstützen könnte. Als Vorbild nennt Tschendlik den Kanton Solothurn, wie es im Artikel weiter heisst.
Winterweizen ist Brotweizen
Die Zwischensaat bildet die Grundlage für die Wintersaat, die normalerweise zwischen Mitte September und Mitte Oktober erfolgt. Zu den wichtigsten Winterkulturen gehören Winterweizen, Wintergerste und Winterroggen. Sie benötigen eine Kälteperiode – die sogenannte Vernalisation –, damit sie im folgenden Sommer Ähren und Körner bilden können. Die am häufigsten angebaute Brotgetreideart in der Schweiz ist der Winterweizen.
Voraussetzung für eine erfolgreiche Aussaat sind jedoch ausreichend feuchte Böden. Hält die Trockenheit länger an, wird stattdessen teilweise Gras angesät, damit im kommenden Jahr genügend Futter für die Tiere zur Verfügung steht.
Was jetzt noch zwischen den abgeernteten Feldern sattgrün leuchtet, ist Futtermais. Sein Wachstum hat sich durch die Bodentrockenheit verlangsamt oder stagniert. Hält die Trockenheit an, bilden sich nur wenige oder gar keine Kolben. Gerade diese sind wegen ihres hohen Stärkegehalts ein wichtiges energiereiches Futtermittel für Kühe und Rinder. Bereits jetzt ist deshalb mit deutlichen Ertragseinbussen zu rechnen.
Auch das Wachstum von Kartoffeln und Futterrüben stagniert mittlerweile. Bei den Obstbäumen zeigen sich erste Anzeichen von Trockenstress: Das Laub der Kirschbäume hängt bereits sichtbar herab, geschwächte Bäume sterben teilweise ab. Bis die Schäden an bislang gesunden Obstbäumen deutlich sichtbar werden, dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen.
Offener Brief fordert mehr Klimaschutz
vs. Mehr als 370 Landwirtinnen und Landwirte haben einen offenen Brief, welcher der «Volksstimme» am Sonntag zuging, an den Schweizer Bauernverband (SBV) unterzeichnet. Darin werfen sie dem Verband vor, sich zur aktuellen Hitze und Trockenheit zu wenig zu äussern und sich in der Vergangenheit gegen Klimaschutzmassnahmen gestellt zu haben. Zwar unterstützen die Unterzeichnenden Hilfen wie tiefere Zölle auf Futtermittel oder Lockerungen bei den «Auslauf im Freien»- Vorgaben. Langfristig brauche es aber wirksamen Klimaschutz und eine Landwirtschaft, die besser an zunehmende Extremwetter angepasst sei. Auch aus dem Baselbiet stammen Unterzeichnende, unter anderem aus Lausen, Langenbruck, Sissach, Buus, Wenslingen und Liestal.


