Jakob Felber, der Ermöglicher
17.07.2026 Sissach, Bezirk Sissach, SissachRobert Bösiger
Sissachs Entwicklung ist eng mit dem Aufbau der Infrastruktur verbunden: dem Anschluss ans Eisenbahnnetz, der Elektrizität für Gewerbe und Haushalte, geteerten Strassen sowie einem funktionierenden Wasser- und Abwassersystem. Der technische Fortschritt ...
Robert Bösiger
Sissachs Entwicklung ist eng mit dem Aufbau der Infrastruktur verbunden: dem Anschluss ans Eisenbahnnetz, der Elektrizität für Gewerbe und Haushalte, geteerten Strassen sowie einem funktionierenden Wasser- und Abwassersystem. Der technische Fortschritt verändert den Alltag grundlegend und bringt neue Herausforderungen mit sich. Treibende Kraft war Rektor Jakob Felber, der viele Jahre als erster Verwaltungsratspräsident der Elektra Sissach wirkte.
Jakob Felber-Nyffenegger (26. August 1886 – 15. Februar 1964), aufgewachsen als Sohn des einstigen Sissacher Gemeindepräsidenten Jakob Felber-Frei, hat sich nicht nur für die Sekundarschule eingesetzt. Sein Engagement erstreckte sich auch auf diverse Vereine und Gesellschaften. Auch bei der Realisierung des Freibads hatte er seine Finger im Spiel.
Als die «Volksstimme» in ihrer Ausgabe vom 18. Februar 1964 eine ganze Seite Todesanzeigen publizierte, dürfte den interessierten Leserinnen und Lesern aufgefallen sein: Gleich fünf der Anzeigen waren für ein und dieselbe Person aufgegeben worden. Nämlich für Dr. phil. Jakob Felber-Nyffenegger, der am 15. Februar verstorben war. Neben der Trauerfamilie haben die Elektra Sissach, der Kaufmännische Verein und die Kaufmännische Berufsschule Baselland, der Turnverein Sissach sowie die Krankenkasse des Bezirks Sissach je eine Todesanzeige aufgegeben.
Wer dieser Jakob Felber-Nyffenegger war, konnte man gleichentags in einer ausgiebigen Würdigung lesen. Auch jenen, die ihn bis dahin nicht oder kaum kannten, dürfte ein Licht aufgegangen sein, welch bedeutende Persönlichkeit an diesem Dienstag zu Grabe getragen wurde. Tatsächlich: Jakob Felber war jahrzehntelang Sekundarlehrer und Rektor, hatte diverse Ämter inne und engagierte sich überdurchschnittlich fürs Gemeinwesen.
Sohn des Gemeindepräsidenten
Wir schreiben den 26. August 1886, als Jakob Felber als ältester Sohn von Jakob und Maria Felber-Frei das Licht der Welt erblickt. Sein Vater, Jakob Felber-Frei (1861 – 1918), ist wie später sein Sohn ein wichtiger Mann in Sissach: Er, ein gelernter Schuhmacher, sitzt von 1899 bis 1917 im Sissacher Gemeinderat, ab 1905 bis 1917 sogar als Gemeindepräsident. Von 1907 bis 1918 amtet er als Bezirksrichter und ab Juli 1914 ist er bis 1918 Mitglied des Baselbieter Landrats sowie Präsident des Stenographenvereins Sissach. Seine Frau Maria Felber, geborene Frei (1860 – 1948), ist eine Fabrikarbeiterin. Zur Familie gehören die drei Söhne Ernst (geboren 1891), Karl (geboren 1893) und eben Jakob (geboren 1886). Im September 1890 erhält das Paar Jakob und Maria Felber-Frei das Bürgerrecht von Sissach.
Jakob Felber jun. absolviert die Schulen in Sissach und Böckten und macht dann in Basel die Matur, um Naturwissenschaften zu studieren. Bereits mit jungen 22 Jahren promoviert er und erwirbt mit seiner Dissertation über die Köcherfliege den Titel Dr. phil. Seinen Nachkommen wird er später berichten, dass die Zeit des Studiums extrem streng gewesen sei, weil seine Eltern wegen der finanziellen Belastung von ihm gefordert hätten, mit dem Studium möglichst rasch fertig zu werden. Zudem habe er mit seinen Eltern vereinbaren müssen, nach abgeschlossenem Studium seinen jüngeren Bruder Ernst beim Medizinstudium zu unterstützen. Andere Zeiten – andere Sitten …
Am 15. Oktober 1914 heiraten Jakob Felber und die 9 Jahre jüngere Frieda Nyffenegger (1895 – 1972). Auch Frieda besucht in Sissach die Schulen. Im letzten Schuljahr gehört sie zu den Schülerinnen ihres späteren Ehemannes Jakob Felber. Im Jahr 1918 erwerben sie die Liegenschaft an der Schulstrasse 11 in Sissach, wo sie zeitlebens wohnen werden. 1915 wird Sohn Franz Werner geboren. Dieser stirbt bereits im zarten Alter von drei Jahren an den Folgen einer tuberkulösen Hirnhautentzündung. Mit der Geburt von Tochter Rosmarie anno 1920 (bis 2004) und dem Sohn Hans-Jakob 1923 (bis 2014) kehrt das Familienglück zurück.
Frieda Felber widmet sich primär der Familie, engagiert sich aber auch bei karitativen Organisationen: Sie ist wie ihr Mann Mitglied bei Pro Juventute, übt auch einige Jahre das Amt der Bezirkssekretärin aus. Sie ist Mitglied im Kirchenchor und besucht wenn immer möglich kulturelle Anlässe. Und: Kaum ein Sonntag vergeht, an dem das Paar Felber-Nyffenegger nicht im Gottesdienst zu sehen wäre.
Schulmeister und viele Ämter
Jakob Felber unterrichtet von Beginn an als Sekundarlehrer in Sissach. Überliefert wird, dass er wohl ein gestrenger Schulmeister war, aber kein böser. Während 28 Jahren amtet er zudem als Rektor und von 1922 bis 1958 unterrichtet er zusätzlich an der Kaufmännischen Berufsschule in Sissach (bis 1932) und in Liestal als (nicht fest angestellter) «Nebenlehrer» Stenografie und Kaufmännisches Rechnen. Im Schuljahr 1957/58 erklärt Felber – immerhin damals schon 72 Jahre alt – seinen Rücktritt als KV-Nebenlehrer.
Felber erlebte als Sissacher Schulmeister und Rektor (mit der Inkraftsetzung des Schulgesetzes von 1946) hautnah die Umwandlung der Sekundar- und Bezirksschulen zu den heutigen Sekundarschulen. Da Sissach anfänglich noch nicht über die notwendigen Schulräume verfügte, blieb die ehemalige Bezirksschule in Böckten vorläufig noch Schulort für Knaben. Erst 1952 waren in Sissach die Räumlichkeiten im Zwischentrakt des Primarschulhauses bezugsbereit. Und erst anno 1955 konnte die Sekundarschule Sissach mit damals rund 200 Schülerinnen und Schülern in acht Abteilungen in ihr eigenes Schulhaus «Tannenbrunn» umziehen.
In seiner Freizeit setzt sich Jakob Felber fürs Gemeinwohl ein: als Bezirks- und Gemeindesekretär von Pro Juventute. Als Präsident der Bezirkskrankenkasse, der Elektra Sissach und der freiwilligen Kirchenpflege.
Präsident der Elektra Sissach
Bei der 1923 gegründeten Elektra Sissach spielt Jakob Felber als erster Verwaltungsratspräsident eine zentrale Rolle. Zuvor war er schon Verwaltungsrat der Elektra Sissach-Gelterkinden. Im Verwaltungsrat der Elektra Sissach sitzt er fast 40 Jahre bis 1962, 34 Jahre davon als erster Präsident (1923 bis 1957). In seine Zeit fällt etwa die Übernahme des Dorfnetzes Sissach von der Elektra Sissach-Gelterkinden (gegründet 1898), der Bau von diversen Transformatorenstationen sowie die stetige Erweiterung des Leitungsnetzes.
Die Elektrifizierung von Sissach war in den Anfängen der Elektra Sissach vergleichsweise noch relativ bescheiden: Abgesehen von der pionierhaften Elektrifizierung der Sissach-Gelterkinden-Bahn (1891 bis 1916) hat die Heimposamenterei einen wichtigen Grund für die frühe und umfassende Elektrifizierung von Sissach geliefert. Um die Jahrhundertwende 1900 beschränkte sich die Elektrifizierung praktisch auf die Installation des elektrischen Lichts, während einige wenige Haushalte bereits ans Telefonnetz angeschlossen waren.
Allerdings tat sich das Telefon anfänglich ziemlich schwer, um von der Bevölkerung akzeptiert zu werden: Anno 1910 kamen auf 100 Einwohnerinnen und Einwohner nur gerade 0,9 Telefonapparate. Erst während des Zweiten Weltkriegs erlebte das Telefonieren einen rasanten Aufschwung.
Die erste wärmetechnische Anwendung der Elektrizität in den Haushalten war wohl das elektrische Bügeleisen. Danach erst wurden das Kochen auf einem elektrischen Kochherd sowie weitere Anwendungen populär. Das Radiohören wurde erst ab den 1920er-Jahren zunächst zaghaft, dann sprunghaft beliebt. Von 1930 bis 1950 verzehnfachte sich die Zahl der Radiokonzessionen. Am Schluss der Elektrifizierung der Haushalte standen die Waschmaschinen, die Kühlschränke und weitere Geräte.
Felber und sein Team der Dorfgenossenschaft Elektra Sissach mussten sich in all der Zeit permanent den Bedürfnissen der Einwohnerschaft und den Errungenschaften der Zivilisation anpassen. Das bedeutete unter anderem: Erweiterung des Leitungsnetzes, Bau von Transformationenstationen, Erhöhung der Spannung, Ausbau der Verwaltung. So erlebt Verwaltungsratspräsident Jakob Felber insgesamt drei Umzüge der Geschäftssitze: von der Hauptstrasse 51 (heute Müller Optik; 1905 bis 1934) über die Bahnhofstrasse 11 (ehemals Gasthof «zum Bären»; 1934 bis 1959) bis an die Zunzgerstrasse 3 (1959 bis 1963).
Annemarie Häfelfinger-Felber, ein Grosskind von Jakob Felber, erinnert sich, dass der Grosspapa den Kindern einst als Spielzeug einen kleinen, elektrischen Herd mit Backofen und einmal ein elektrisches Bügeleisen zu Weihnachten geschenkt hat. Diese Spielsachen habe er via Elektra Sissach erstehen können.
In den Jahren 1930 und 1931 hat der Badanstaltsverein Sissach das erste Schwimmbad im Kanton erbaut. Auch hier gehörte Jakob Felber zu den Initianten. Es gelang ihm und seinen Mitstreitern, dass die Gemeinde das Areal in der «Prütschmatt» für 10 700 Franken kaufte und sogar eine Subvention von 15 000 Franken an die Anlage leistete. Erst 1963 ging die Anlage ins Eigentum der Gemeinde über.
Spassvogel und Respektsperson
Annemarie Häfelfinger-Felber beschreibt ihren Grosspapa als sehr fürsorglich, zuweilen fast ängstlich. Er sei ein ruhiger, angenehmer Mann gewesen. Die Ferien bei der Familie Felber seien immer sehr schön und abwechslungsreich gewesen. Als Kind, so Häfelfinger-Felber, habe man einen grossen Respekt vor Grossvater gehabt, ihn aber gleichzeitig sehr gemocht – auch, weil er immer zu einem Spässchen aufgelegt gewesen sei. Sehr oft sei er in seinem Studierzimmer gesessen, habe auf seiner Geige gespielt oder in seinen vielen Büchern gelesen. Gerne habe er auch gemalt und fotografiert. Felber, meist mit Hut und Krawatte unterwegs, hat zeitlebens wie viele andere Männer ein kurzes Schnäuzchen (wie Chaplin) getragen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Felbers ein jüdisches Mädchen namens Gerda Waldbaum (1937 – 2015) aufgenommen. Dieses Mädchen, so Annemarie Häfelfinger, habe dann quasi zur Familie gehört.
Gerda Waldbaum – damals noch ein kleines Mädchen – hat im Mai 1939 zusammen mit über 900 jüdischen Flüchtlingen Hamburg auf der «MS St. Louis» aus Angst vor den Nazis verlassen. Das Ziel war Kuba, doch sowohl die kubanische Regierung als auch die USA und Kanada verweigerten die Einreise. Nach einer monatelangen Irrfahrt kehrte die «MS St. Louis» nach Europa zurück und die Passagiere konnten endlich in Belgien, den Niederlanden, Frankreich und Grossbritannien an Land gehen. Gerda und ihre Familie gingen nach Frankreich, doch nach dem Einmarsch der Hitler-Truppen mussten sie erneut fliehen. Während die Eltern die folgenden Jahre in verschiedenen Flüchtlingslagern verbringen mussten, wurde Gerda unter dem Grenzzaun zur Schweiz hindurchgeschoben, wo sie von den Felbers aufgenommen wurde.
Annemarie Häfelfinger-Felber selber hat spätestens beim Tod von Jakob Felber realisiert, welch angesehener Mann ihr Grossvater gewesen war. «Nach seinem Tod war der Grossvater noch zwei Tage im Haus aufgebahrt. In diesem Zimmer befanden sich mindestens 15 riesige Kränze, die ihm zu Ehren abgegeben wurden.»


