Ist die Gemeinschaftspraxis ein Modell gegen den Ärztemangel?
08.05.2026 BaselbietFliessende Übergaben bieten grosse Vorteile
Es kommt vermehrt zu Praxisübergaben, bei denen der in Rente gehende Inhaber weiterhin als Angestellter praktiziert. Wie kann das funktionieren? Die «Volksstimme» hat bei drei Ärzten aus dem Oberbaselbiet ...
Fliessende Übergaben bieten grosse Vorteile
Es kommt vermehrt zu Praxisübergaben, bei denen der in Rente gehende Inhaber weiterhin als Angestellter praktiziert. Wie kann das funktionieren? Die «Volksstimme» hat bei drei Ärzten aus dem Oberbaselbiet nachgefragt.
Sander van Riemsdijk
Dr. med. Reto Misteli, Hausarztpraxis in Zunzgen: «Die Übergabe meiner Praxis an ein dreiköpfiges Team verlief absolut fliessend. Ursprünglich als Einzelfirma mit Angestellten geführt, leiteten wir vor einigen Jahren einen schrittweisen Generationswechsel ein: In einer etwa zweijährigen Übergangsphase wandelten wir die Struktur um, indem ich die Teilhaberschaft mit drei ehemaligen Angestellten viertelte. Dass alle drei bereits ihre Praxisausbildung bei mir absolviert hatten und den Betrieb bestens kannten, war ein entscheidender Vorteil für einen reibungslosen Ablauf. Der Prozess folgte einem klaren Stufenmodell: Zuerst waren sie Angestellte, dann Teilhaber und schliesslich Inhaber. Mit dem Tag der finalen Übergabe kehrte sich die Rollenverteilung um – ich wurde zum Angestellten in meiner (ehemaligen) Praxis. Diese Form der Nachfolge erlaubte es uns, den gesamten Prozess sorgfältig vorzubereiten und im Sinne von ‹Work in Progress› auch die Geschäftsführung schrittweise zu übertragen. Ein solches Modell setzt zwar eine gewisse Praxisgrösse voraus, steigert aber die Attraktivität des Hausarztberufs enorm. Für mich ist dieser Weg ein wirksames Mittel, um dem demografischen Wandel und dem herrschenden Ärztemangel in der Grundversorgung aktiv entgegenzuwirken.»
Dr. med. Mathis Grehn, Hausarztpraxis Ziefen: «Meine gemeinsame Zeit mit Dr. med. Edi Riesen begann mit meiner Anstellung im Jahr 2012, drei Jahre später konnte ich die Praxis übernehmen. Edi Riesen wurde darauf zum Angestellten. Er arbeitete mit einem Teilpensum weiter bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2018. Ich hatte das grosse Glück, dass die Übergabe innerhalb der Familie mit Edi Riesen als meinem Schwiegervater erfolgte. Er konnte langsam ins zweite Glied zurücktreten und sukzessive die Verantwortung für die Praxis an mich übergeben. Ich traf die Entscheidungen und Edi Riesen konnte weiterhin praktizieren. Wichtig bei einer solchen Übergabe ist, dass der ehemalige Inhaber die Leitung übergeben kann und nicht wie eine graue Eminenz im Hintergrund immer noch grossen Einfluss zu nehmen versucht. Die Mischung aus erfahrenem Hausarzt und mir als ausgebildetem jungem Arzt war ideal. Wichtig ist die gegenseitige Wertschätzung, wie auch, dass der ehemalige Praxisinhaber seine Patienten loslassen kann. Noch besser, wenn er die Patienten aktiv ermutigt, zum Nachfolger zu wechseln. Der grosse Vorteil bei einem fliessenden Übergang ist, dass die Patienten sich langsam an den neuen Arzt gewöhnen können und so Vertrauen finden. Die jetzige Konstellation in der Praxis mit Dr. Graber und Dr. Kalbermatter ist ideal und sicher ein Modell für die Zukunft. Wir haben viel Kontakt miteinander und springen füreinander ein, wenn die Situation – Krankheit, Ferien und so weiter – dies verlangt. Für angehende Ärzte ist dies ein Supermodell und sicher attraktiv. Sie müssen nicht die volle Verantwortung tragen und können, falls gewünscht, in Teilzeit arbeiten. Das Modell wird sicher das Problem vom Ärztemangel entschärfen, auch wenn viele junge angehende Ärzte leider stadtorientiert sind und dem Land fernbleiben.»
Dr. med. Pascal Molteni, Ärztezentrum Molteni in Sissach: «Im Jahr 2021 bin ich in die Praxis meines Vaters, Dr. med. Angelo Molteni, der die Praxis 40 Jahre erfolgreich geführt hat, eingestiegen und ein Jahr später habe ich die Leitung übernommen. Mein Vater stand mit seiner Erfahrung weiter zur Verfügung. Die Praxisübergabe habe ich als angenehm empfunden. Ich hatte meine Vorstellungen, wie die Praxis zu führen ist, und stiess dabei bei meinem Vater auf keinen Widerstand. Der Vorteil ist, dass der neue Praxisinhaber bei diesem Modell von den Erfahrungen des ‹alten› Geschäftsinhabers profitieren kann. Die Übergabe ist rückblickend reibungslos verlaufen. Ebenso bei der Übernahme der Praxis von Dr. med. Martin Schwab per 1. Januar 2024. Wichtig bei einer Praxisübergabe ist aber, dass die Patienten eine nahtlose Anschlusslösung haben und dass die Verfügbarkeit gegeben ist, mit über das ganze Jahr guten und durchgehenden Öffnungszeiten. Das ist jedoch nur in einer grösseren Praxis mit mehreren Ärzten zu realisieren. So ein Modell kann für angehende Ärztinnen und Ärzte – insbesondere für diejenigen, die in Teilzeit arbeiten möchten – ein attraktiver Arbeitsort sein. Es läuft künftig darauf hinaus, dass es grössere Praxiszentren geben wird. Die jüngere Generation von Ärztinnen und Ärzten möchte nicht mehr in einer Einzelpraxis arbeiten, dieses System wird meines Erachtens aussterben. Das Modell Zentrum oder Praxis mit mehreren Ärztinnen und Ärzten wird helfen, dem Ärztemangel entgegenzuwirken.»

