«Ins Wasser sollte nur gehen, wer sich sicher fühlt»
07.08.2026 PersönlichNächsten Dienstag findet in Basel das traditionelle Rheinschwimmen statt. Der Anlass begeistert viele, birgt aber auch Risiken. Christoph Merki, Mediensprecher der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft, erklärt, welche Gefahren beim Baden in Flüssen und Seen häufig ...
Nächsten Dienstag findet in Basel das traditionelle Rheinschwimmen statt. Der Anlass begeistert viele, birgt aber auch Risiken. Christoph Merki, Mediensprecher der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft, erklärt, welche Gefahren beim Baden in Flüssen und Seen häufig unterschätzt werden.
Pascal Kamber
Herr Merki, im vergangenen Jahr nahmen mehr als 5000 Personen am Rheinschwimmen teil. Warum ist dieser Anlass so beliebt?
Christoph Merki: Das Rheinschwimmen an sich ist in Basel schon fast zur Institution geworden. Es hat etwas Befreiendes, Schönes und Idyllisches. Mit dieser malerischen Kulisse tut es der Seele in einem hektischen Alltag gut, wenn man so abschalten und sich gleichzeitig abkühlen kann.
Was unterscheidet den Fluss von einem See oder Schwimmbad?
Beim Einstieg sollte man die Bedingungen vor Ort prüfen: Wie rutschig ist das Ufer? Wie hoch ist der Pegelstand? Ich muss darauf achten, wie ich ins Wasser komme, ohne mich zu verletzen. Das Gleiche gilt beim Ausstieg. Ich muss frühzeitig planen, wo ich den Fluss verlassen will. Gefährlich werden können auch Hindernisse wie Brückenpfeiler oder Treibholz, das nach einem Sturm flussabwärts getrieben wird und dann oft unerwartet auftaucht.
Wegen der Trockenheit führt der Rhein deutlich weniger Wasser. Was bedeutet dies für das Rheinschwimmen?
Die Gefahren bleiben grundsätzlich dieselben, aber mit dem tiefen Wasserstand verändern sich die Bedingungen. Der Untergrund oder Hindernisse sowie Seegras können an ungewohnten Stellen und vermehrt eine Rolle spielen. Man muss vielleicht auch an einem anderen Ort aus dem Fluss steigen. Für geübte Schwimmer ist das meist kein Problem, Unerfahrene können dadurch jedoch verunsichert werden, was die Sicherheit beeinträchtigen kann.
Welche Risiken werden von den Gästen beim Rheinschwimmen am meisten unterschätzt?
Grundsätzlich werden die Risiken und Gefahren unterschätzt und die eigenen körperlichen Fähigkeiten und Wasserkompetenzen überschätzt. Diese Kombination macht es schwierig. Was man immer wieder sieht, sind Menschen, die ins Wasser springen. Sei es von der Brücke oder von der Seite. Das kann sehr gefährlich sein – vor allem in Basel, wo Schiffe durchfahren, oder ganz allgemein jetzt, wenn der Wasserstand niedrig ist.
Für wen ist das Rheinschwimmen nicht geeignet?
Grundsätzlich sollten nur Leute in ein offenes Gewässer steigen, die gut und sicher schwimmen können. Wer sich noch nicht ganz sicher fühlt, sollte von einer erfahrenen Kollegin oder einem erfahrenen Kollegen begleitet werden. Positiv beim Rheinschwimmen ist, dass viele Rettungsschwimmer anwesend sind, die man im Notfall auf sich aufmerksam machen kann.
Abgesehen von Naturgefahren: Worauf muss man achten, bevor man ins Wasser steigt?
Vor dem Einstieg sollte man flussaufwärts schauen und darauf achten, dass niemand entgegenkommt. Wegen des Temperaturunterschieds zwischen Luft und Wasser ist es zudem wichtig, den Körper langsam ans kalte Wasser zu gewöhnen: erst anfeuchten, dann langsam einsteigen – und nur ins Wasser gehen, wenn man sich fit fühlt.
Viele Teilnehmende haben einen Wickelfisch dabei. Wie stark verleitet dieser zu einem falschen Sicherheitsgefühl?
Ein Wickelfisch ist ein Sicherheitsutensil, das in Notfällen hilfreich ist. Wenn ich mich unwohl fühle oder einen Krampf habe, kann ich mich daran festhalten und muss nicht selber aktiv den Körper über Wasser halten. Wichtig ist jedoch, Wickelfische oder ähnliche Schwimmutensilien nicht am Körper zu befestigen. Bleiben sie an einem Hindernis hängen, kann das gefährlich werden. Deshalb sollte man sie nur mitziehen oder in der Hand halten, damit sie im Notfall sofort losgelassen werden können.
Wie reagiert man richtig, wenn jemand im Wasser in Not gerät?
Am Rheinschwimmen sind viele Rettungsschwimmer unterwegs, die man darauf aufmerksam machen kann, wenn jemand Hilfe braucht. Wer ausserhalb des organisierten Schwimmens im Rhein unterwegs ist und eine Person in Not sieht, sollte die Polizei alarmieren. Wichtig ist, die Person nicht aus den Augen zu verlieren und ihren Standort möglichst genau anzugeben. Wenn möglich, sollte man der Person ein Auftriebsmittel zuwerfen, beruhigend zurufen oder ihr etwas reichen, um sie ans Ufer zu ziehen. Nur im äussersten Notfall sollte man selbst ins Wasser gehen – und auch dann nur, wenn man sich das zutraut oder entsprechend ausgebildet ist.
Im Juni sind in der Schweiz mindestens 15 Menschen ertrunken. Gemäss SLRG liegen die aktuellen Fallzahlen Ende Juli rund 10 Prozent über dem Vorjahreswert. Wo liegen die Gründe?
Der bisherige Sommer war sehr schön und heiss, weshalb sich deutlich mehr Menschen am und im Wasser aufhalten. Mit der höheren Anzahl Personen am Wasser steigt leider auch das Risiko von Ertrinkungsunfällen. Auch wenn das kühle Nass lockt, darf die eigene Sicherheit nicht ignoriert werden. Deshalb ist es besonders wichtig, die Baderegeln zu beachten und die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen.
Im Zehnjahresschnitt starben in Schweizer Gewässern rund 50 Menschen pro Jahr. Welches Muster erkennen Sie?
Seit Jahren sind um die 80 Prozent Männer von tödlichen Ertrinkungsunfällen betroffen. Die einzelnen Fälle aufzuarbeiten ist schwierig, aber die erhöhte Risikobereitschaft spielt sicher eine Rolle. Die Selbstüberschätzung ist bei Männern tendenziell ausgeprägter als bei Frauen. Generell befinden sich junge Erwachsene zwischen 16 und 32 Jahren besonders oft unter den Ertrunkenen – vermutlich wegen des Risikoverhaltens und der Gruppendynamik. Seit einigen Jahren stellen wir zudem einen Anstieg bei den Pensionierten fest.
Wie erklären Sie sich das?
Ältere Leute sind heutzutage viel aktiver. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre sportliche Tätigkeit ins Wasser verlegen. Das Problem: Oft nimmt die Leistungsfähigkeit im Alter ab. Während man an Land kurz anhalten und durchatmen kann, ist das im Wasser nicht möglich. Hinzu kommen auch medizinische Probleme als Ursache.
Welche Entwicklungen bereiten Ihnen Sorgen?
Es gibt immer wieder waghalsige Unterfangen, zum Teil auch wegen Social Media, bei denen sich die Menschen zu lebensgefährlichen Aktionen hinreissen lassen. Nebenbei schreitet die Entwicklung der Wassersportgeräte voran. Zurzeit liegen sogenannte «Pumpfoils» – ein surfähnliches Wassersportgerät mit Unterwasserflügel – im Trend. Hier sagen wir: Man soll das Wasser geniessen, es nutzen und Spass daran haben. Gleichzeitig soll man Rücksicht nehmen auf die anderen Wasserbenutzerinnen und -benutzer. Es geht darum, miteinander zu leben und den gesunden Menschenverstand einzuschalten.
Zur Person
kam. Christoph Merki ist 44 Jahre alt und wohnt in Lenzburg. Seit vier Jahren ist er Mediensprecher bei der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft.
Mehr Informationen auf www.slrg.ch

