Immunsystem Demokratie
19.06.2026 PersönlichIm Zuge des Abstimmungskampfs um die «10-Millionen-Schweiz» war ich sehr bemüht, mit Menschen zu reden, die diese Initiative unterstützten. Es heisst ja, dass wir uns zu viel in unseren eigenen Meinungskammern bewegen. Aber natürlich bin ich selbst Migrantin, wenn ich ...
Im Zuge des Abstimmungskampfs um die «10-Millionen-Schweiz» war ich sehr bemüht, mit Menschen zu reden, die diese Initiative unterstützten. Es heisst ja, dass wir uns zu viel in unseren eigenen Meinungskammern bewegen. Aber natürlich bin ich selbst Migrantin, wenn ich auch das Glück hatte, in eine Schweiz einzuwandern, die sich noch nicht so eingeigelt hatte. Ich stelle fest, viele «10-Millionen-Schweizer» vergöttern diese Schweiz von vor 30 Jahren. In der musste mein Arbeitgeber übrigens schon beweisen, dass ich keinem biologischen Helveten den Job wegnehme. Gott sei Dank gab es damals nur eine Handvoll Politologinnen in der Schweiz. Mittlerweile haben sie sich deutlich vermehrt, sind aber in der Mehrheit Helvetinnen, weil die Direktdemokratie so komplex ist, dass man schon fast von einer natürlichen Migrationsmauer reden kann.
Etwas teile ich aber mit den «10-Millionen-Schweizern». Wir sehnen uns nach dieser gelasseneren Schweiz zurück. Damals wäre niemand auf die Idee gekommen, mir vorzuschlagen, ich solle doch Schweizerdeutsch reden. Man hätte meinen Akzent anmassend gefunden. In den Gesprächen unter Nostalgikern scheiterte ich dennoch regelmässig. Etwa beim Hinweis darauf, dass die Partei, die uns so inflationär mit Initiativen verwöhnt (im September schon wieder die «Neutralitätsinitiative») uns mit ihrer politischen Beschäftigungstherapie schön regelmässig vom Wesentlichen ablenkt. Gut, einfach ist es nicht für die Hellebardisten, wenn sie mittlerweile sogar schon auf die grüne Nachhaltigkeit zugreifen müssen, weil ihnen die Initiativnamen ausgehen. Sie sehen schon, Kraut (ich) und Riebli (Rübli) wollen nicht zusammenpassen.
Mich stört aber vor allem die Flutung der politischen Zone mit Schaufensterpolitik. Weil sie keines unserer Probleme löst. Die Mieten steigen ebenso fröhlich weiter wie die Krankenkassenprämien. Letztere werden auch nächstes Jahr wieder zuverlässig steigen, um etwa 3,7 Prozent – mit oder ohne Zuwanderung. Ohne diese hätten wir dann einfach noch ein teures Knappheitsproblem bei Ärztinnen und den Wissenschaftlern gehabt. Diese verstehen wir zwar in einer der letzten verbliebenen Bäckereien nicht mehr unbedingt, weil sie bloss Englisch reden, aber sie forschen hier und bringen uns damit Geld herein, das wir ohne die Forschung niemals erwirtschaften könnten.
Als Handwerkerin der Politik weiss ich, dass es keine einfache Lösungen für komplexe Gesellschaften gibt. Aber wie man daraus schliessen kann, dass gerade die SVP hausgemachte Probleme über weniger Einwanderung lösen kann, bleibt meinem einfach strukturierten Hirn einfach ein Rätsel. Die Forschung bestätigt: Menschen mit starkem Misstrauen gegenüber Staat, Medien oder Wissenschaft vernetzen sich digital, bestätigen sich dann gegenseitig in ihrem Misstrauen und entwickeln so eine eigene soziale und politische Dynamik. Was in gesundem Mass das Immunsystem der Demokratie stärkt, wird gerade zu einer Autoimmunerkrankung: definitiv nicht mehr gesund.
Petra Huth ist Politikwissenschaftlerin und Ökonomin. Sie lebt in Anwil und amtet dort als Gemeinderätin.

