Immer mit dem Kopf oben
06.02.2026 Sport, EishockeyRaoul Seiler geht mit dem EHC Zunzgen-Sissach in die Play-offs
Am Dienstag starten die Playoffs für Qualifikationssieger Zunzgen-Sissach mit den Halbfinals. Ein Schlüsselspieler ist der Center der ersten Sturmlinie, Raoul Seiler. Der Basler hat im Eishockey schon viel gesehen ...
Raoul Seiler geht mit dem EHC Zunzgen-Sissach in die Play-offs
Am Dienstag starten die Playoffs für Qualifikationssieger Zunzgen-Sissach mit den Halbfinals. Ein Schlüsselspieler ist der Center der ersten Sturmlinie, Raoul Seiler. Der Basler hat im Eishockey schon viel gesehen – auch wüste Verletzungen.
Sebastian Wirz
Es ist eine Gala-Vorstellung, die der EHC Zunzgen-Sissach am 11. Dezember 2024 gegen den EHC Bucheggberg zeigt. 11:3 führt das Heimteam 2 Minuten vor Schluss. Es ist eine dieser Situationen, in denen sich Spieler zu Recht fragen dürften: «Warum spielen wir diesen Match überhaupt zu Ende?» Genau in dieser bedeutungslosen Situation fährt ein Bucheggberger aus Versehen Raoul Seiler über den Unterschenkel. Die Kufe des Schlittschuhs trennt die Achillessehne des ZS-Stürmers entzwei. Der Schock in der Halle ist gross, die Bilder, die Anwesende vom Anblick des Fusses im Gespräch zeichnen, sind nicht sehr appetitlich. Dazu gesellt sich anhand des Spielstands und der nahenden Schlusssirene bei allen: «So unnötig.»
«Verletzungen können immer passieren, damit muss man umgehen können», sagt Seiler ein gutes Jahr später. «Das ist wirklich sehr blöd gelaufen und da kann niemand etwas dafür.» Eishockey sei nun einmal ein körperliches Spiel. Mit zunehmender Lebenserfahrung habe er gelernt, nicht zu hadern, während er sich bei Verletzungen in jungen Jahren noch gefragt habe: «Warum ich?» Die Frage, ob er aufhören sollte, stellte sich der heute 32-Jährige gar nicht. «Mir war schnell klar: Jetzt gibt es die Operation, dann die Reha und kommende Saison greife ich wieder an», sagt der Routinier und lacht: «Meine Frau hätte gar keine Freude, wenn ich mit Eishockey aufhören würde und immer zu Hause wäre.»
Zehn Monate nach dem Unfall stand Seiler zum Auftakt der neuen Saison wieder auf dem Eis. Auch mit über 30 will er noch Siege einfahren und Ziele erreichen: Aktuell ist es der Schweizer Meistertitel der 2. Liga mit ZS. Dies, obwohl er schon alles gesehen hat, was man unterhalb des Profi-Eishockeys in der Schweiz sehen kann.
Auf dem Weg zu den Profis
Raoul Seiler ist in Basel aufgewachsen. Seine Mutter habe ihn in verschiedene Sportvereine geschickt. Bald trat Judo in den Hintergrund und Eishockey blieb übrig. «Es hat mir am meisten Spass gemacht und es war klar, dass ich dort am meisten Talent besitze», sagt der Basler. In der Hockeyschule und Nachwuchsabteilung des EHC Basel entwickelte er sich zum hoffnungsvollen «Prospect». Ein Austauschjahr an einer «Prep-School» in Banff passte ebenfalls in den Lebenslauf eines angehenden Eishockey-Profis, wobei Gymnasiast Seiler auch wegen des Englischlernens nach Kanada ging.
Zurück beim EHC Basel tastete sich Seiler über U20 und 1. Liga an die Nationalliga B heran. 2013/14 kam er bei den damaligen «Sharks» denn auch auf 29 Spiele auf zweithöchster Ebene, erhielt aber nicht die Chancen, sich aufzudrängen und zu zeigen, was er sich erhofft hatte. Daher fiel mit 20 die Entscheidung gegen die Profi-Karriere und zugunsten einer höheren Ausbildung: Als die EHC Basel Sharks im Sommer 2014 Konkurs gingen, war Seiler bereits im Bachelor-Studiengang Elektronik und Informationstechnologien an der ETH eingeschrieben – und beim EHC Dübendorf in der 1. Liga unter Vertrag.
Für die GCK Lions kamen in den Folgejahren zwar noch sieben sporadische NLB-Einsätze dazu, doch grundsätzlich lief Seiler während des Studiums für Dübendorf auf. Das vormalige 1.-Liga-Spitzenteam sicherte sich mit dem Angreifer in der Saison 2017/18 den Meistertitel in der neu geschaffenen «My-SportsLeague», der dritthöchsten Schweizer Spielklasse.
Nach abgeschlossenem Master-Studium zog Seiler zurück nach Basel und schloss sich in derselben Liga wieder dem EHC Basel an. Doch der Verein hatte sich den Aufstieg in die zweithöchste Liga als Ziel gesetzt, war deutlich professioneller und zeitintensiver unterwegs. Seiler merkte: «Für diesen Aufwand kann ich auch nach Dübendorf pendeln» – und absolvierte drei weitere Saisons an der Grenze zum Profitum in Zürich.
Klasse, Ruhe und Übersicht
Neben einer 100-Prozent-Stelle als Daten-Wissenschaftler bei einem Schweizer Hersteller von elektrischen Steckverbindern war das höchste Amateurniveau dann aber doch zu viel. Und der logische nächste Schritt hiess 2023: EHC Zunzgen-Sissach in der 2. Liga. «Alle meine Junioren-Freunde und ehemaligen Mitspieler beim EHC Basel sowie sonstige Freunde spielen in Sissach», sagt Seiler. «Die Leute» seien entsprechend der Hauptgrund für den Wechsel auf die «Kunsti» gewesen. Dass dieser aber auch sportlich Sinn ergab, zeigte sich sofort. Gemeinsam mit ZS-Urgestein Remo Hunziker und ZS-Rückkehrer Silian Gyger bildete Seiler die Top-Sturmlinie, die massgeblich am Gewinn des Zentralschweizer 2.-Liga-Titels 2023/24 beteiligt war.
Diesen Spielern ist anzusehen, dass sie Erfahrung auf höherem Niveau haben. Bei Seiler zeigt sich dies beispielhaft, wenn der Zuschauer für einmal nicht auf Schläger und Puck, sondern auf den – seit der zweiten gröberen Gesichtsverletzung mit einem Gitter ergänzten – Helm schaut: Wenn Seiler den Puck führt, ist der Kopf immer oben, der Blick umsichtig auf Mit- und Gegenspieler gerichtet. Der Puck kommt automatisch mit, er ist in mehr als 300 Spielen in der zweitund dritthöchsten Liga zur natürlichen Verlängerung des eigenen Körpers geworden.
Der Center spielt so in grösster Bedrängnis kurze, kluge Pässe, während andere den Puck entweder unkontrolliert wegspedieren oder mit den Schlittschuhen blockieren würden. Besonders viele Spieler mit dieser Kombination aus Klasse, Ruhe und Übersicht können Amateurteams nicht vorweisen. Kurz gesagt: Seiler ist eines der Beispiele dafür, wie sehr das individuelle Niveau bei Zunzgen-Sissach in der 2. Liga in den vergangenen Jahren gestiegen ist, das den Verein zum Dauergast an der Spitze dieser Liga gemacht hat.
«Wir können alle schlagen»
Mit der aktuellen Saison ist der Routinier zufrieden: «Unser Ziel war der Qualifikationssieg, das haben wir geschafft», sagt er. Sachen, die im Oktober noch nicht gut waren, hätte das Team in den Griff bekommen. Und: «Zum Abschluss haben wir wieder einmal Zuchwil geschlagen und gezeigt, dass wir das immer noch können.» Dies ist mit Blick auf die Play-offs nach zuvor saisonübergreifend vier Niederlagen in Serie gegen die Solothurner wichtig.
Auf Zuchwil könnte Qualifikationssieger ZS erst im Final treffen. Davor wartet im Halbfinal ab Dienstag wahrscheinlich Bucheggberg: Der EHCB, der Fünftplatzierte vor den Play-offs, hat sich im ersten Viertelfinalspiel gegen Sursee (4. Platz) deutlich durchgesetzt (5:0) und könnte sich gestern nach Redaktionsschluss bereits zum Halbfinalisten gemacht haben. Andernfalls steht morgen die Entscheidung an. Dasselbe gilt in der anderen Serie: Am Dienstag hat Meinisberg (3.) Koppigen (6.) erwartungsgemäss 6:1 besiegt. Auch hier hat gestern Abend Spiel 2 stattgefunden und Meinisberg könnte bereits Halbfinal-Gegner von Zuchwil sein.
Für Raoul Seiler ist es nicht sehr entscheidend, wer der Gegner ist. «Wir können alle schlagen», sagt der Stürmer, «darum bin ich sehr positiv gestimmt für die Play-offs.» Dort fallen die Matches weg, in denen sich Spieler fragen: «Warum spielen wir überhaupt zu Ende?» Und hoffentlich entfährt keinem Zuschauer auf der «Kunsti» in den kommenden Wochen: «So unnötig.»


