Der grosse Auftritt der Spinne im Kantonsmuseum
Spinnen polarisieren, faszinieren oder schrecken Menschen ab. Für den Biologen Holger Frick sind sie vor allem eines – die vielseitigsten Tiere überhaupt. Er sprach am Dienstag im Museum.BL in Liestal über die Tiere.
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Der grosse Auftritt der Spinne im Kantonsmuseum
Spinnen polarisieren, faszinieren oder schrecken Menschen ab. Für den Biologen Holger Frick sind sie vor allem eines – die vielseitigsten Tiere überhaupt. Er sprach am Dienstag im Museum.BL in Liestal über die Tiere.
Daniel Aenishänslin
Holger Frick ist 46 Jahre alt, Kurator und Leiter der naturwissenschaftlichen Sammlungen am Museum Baselland. Wenn er über Spinnen spricht, klingt es weniger nach Beruf als nach einer lebenslangen Verstrickung. Mit Hilfe einer Leinwand, aber ohne lebendes Modell, präsentiert er im Foyer unter dem Titel «Spinnen. Seide, Sex und Sinne» das Tier seiner Passion.
«Spinnen sind die mit Abstand spannendsten Tiere», sagt er. Die Techniken des Beutefangs, komplexe Paarungsrituale, eine Evolution, die sich über Hunderte Millionen Jahre erstreckt. Fricks Weg zu diesen Tieren begann er 22-jährig im Biologiestudium. Nach dem Grundstudium blieb er an einer Vorlesung hängen – und an jenem Professor, der sie hielt. Schliesslich schrieb er seine Doktorarbeit über die Welt der Zwergspinnen und ihre Stammesgeschichte der vergangenen 140 Millionen Jahre.
Bei ihm zu Hause leben keine einquartierten Spinnen. «Haustiere» interessieren ihn nicht. «Ich habe sie lieber in Alkohol konserviert», sagt er ohne Ironie. Nur so lassen sich die Details untersuchen, die ihn interessieren: die winzigen Kopulationsorgane, Verwandtschaften und die Evolution, untersucht anhand von Struktur und Form der Organismen.
Seine Forschung führt ihn deshalb weniger ins Feld als in Museen. Frick hat sich auf Zwergspinnen spezialisiert, die oft kaum grösser als zwei Millimeter sind. Wer sie sucht, geht nicht zwingend hinaus in die Natur, sondern hinein in die bestehenden Sammlungen.
Nur die Antarktis ist spinnenfrei
Die Zahlen sind beeindruckend: Rund 53 000 Spinnenarten sind bisher beschrieben, weltweit könnten es bis zu 100 000 sein. In der Schweiz leben etwa 1000 Arten, begünstigt durch die Vielfalt der Lebensräume. Nur ein Ort auf dieser Welt bleibt spinnenfrei: die Antarktis. Dort gibt es für Spinnen nichts zu essen.
So fremd Spinnen vielen erscheinen, so radikal ist auch ihr Körperbau. Ihre Nahrung muss flüssig sein, denn sie wird durch eine schmale «Wespentaille» transportiert. Die Speiseröhre führt zuvor direkt durch das Gehirn. Ist die Nahrung zu fest, drückt sie das Gehirn an die Innenwand des Spinnenkörpers. Die Spinne verliert das Bewusstsein. Ein biologisches Detail, das grotesk wirkt und doch funktional ist.
Holger Frick zeigt auf seiner Leinwand die Paarung von australischen Pfauenspringspinnen. Das Tier ist kaum vier Millimeter gross und führt ein Balzritual auf, das bis zu zwei Stunden dauern kann. Das Männchen tanzt, farbenprächtig und ausdauernd, während das unscheinbar braune Weibchen prüft und entscheidet.
«Wertvollere» Männchen
Unter Zwergspinnen geht es subtil zu. Die Männchen produzieren unter ihrer Kopfstruktur ein chemisches Signal, eine Art Parfüm. Während der Paarung nehmen die Weibchen es auf und bewerten so die Qualität des Partners. Und sie behalten die Kontrolle: Sie können Spermien speichern und, wenn ein genetisch «wertvolleres» Männchen auftaucht, die zuvor aufgenommenen einfach wieder ausstossen.
Spinnen sind Meisterinnen der Anpassung. Sie bauen Netze aus feinster Seide, spannen Rettungsleinen, produzieren komplexe Gifte und orientieren sich in einer Welt der Vibrationen, wahrgenommen über unzählige Sinneshaare. Viele von ihnen sind nahezu blind.
Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Fremdheit und Präzision, die sie so faszinierend macht. Spinnen lösen Emotionen aus, sagt Frick: Neugier im besten Fall, Ekel und Angst im schlimmsten.
Holger Frick präsentierte Geschichten aus einer verborgenen Dimension – leise, komplex und näher, als man denkt. «Spinnen. Seide, Sex und Sinne» fand statt in der Feierabend-Reihe «Museumsbar».