Im Flugzeug nach Amerika
27.02.2026 PersönlichEs gibt diese Geschichte von Dürrenmatt, dem Schriftsteller, ich weiss nicht, ob sie wahr ist, aber ein Freund hat sie mir erzählt. Und dieser Freund kommt aus dem Emmental – ich denke nicht, dass Emmentaler Dinge erfinden, um sich wichtig zu machen.
Die Geschichte geht ...
Es gibt diese Geschichte von Dürrenmatt, dem Schriftsteller, ich weiss nicht, ob sie wahr ist, aber ein Freund hat sie mir erzählt. Und dieser Freund kommt aus dem Emmental – ich denke nicht, dass Emmentaler Dinge erfinden, um sich wichtig zu machen.
Die Geschichte geht so: Dürrenmatt reiste nach Amerika; so nannte man die USA zu jener Zeit. Denn das war Mitte der 1950er-Jahre, als «Der Besuch der alten Dame» am Broadway zum Kassenschlager wurde. Und weil Dürrenmatt eine Berühmtheit war, bekam er einen Sitz in der First Class spendiert. Zu seiner grossen Freude waren dort alle alkoholischen Getränke gratis, unabhängig von Qualität oder Quantität. Und so ein Flug dauerte damals, es war ja noch vor dem Jet-Zeitalter. Also nahm Dürrenmatt noch einen Cognac. Und als die DC-6 den obligaten Tankstopp einlegte, machte auch Dürrenmatt einen. Als das Flugzeug dann in New York landete, war Dürrenmatt so hageldicht, dass er nicht mehr aus dem elend kommoden First-Class-Sitz kam. Ein Krankenwagen musste gerufen werden.
An diese Geschichte musste ich denken, als ich auf einem Flug nach Los Angeles an einem Ort sass, an dem ich zuvor noch nie gewesen war: in der Business Class. Das Upgrade hatte ich nicht von der Airline spendiert bekommen, sondern mit meinen mühsam angesparten Flugmeilen erkauft. Und weil ich nicht vom Krankenwagen abgeholt werden wollte, trank ich bloss Mineralwasser – und spielte stattdessen mit all den vielen Knöpfen und Schaltern, mit denen man den Business-Class-Sitz elektromechanisch verstellen konnte. Faszinierend! Die Beine fuhren hoch, der Rücken runter – herrlich!
Da sprach mich die Frau im Nebensitz an. Sie war sehr nett. Es stellte sich heraus, dass sie Schauspielerin war und in «Mission Impossible 3» eine Nebenrolle spielte. Zudem war sie die Schwiegertochter von Sophia Loren. Eine typische Business-Class-Bekanntschaft eben.
Wir kamen auch auf Kinder zu sprechen. Sie war Mutter von zweien, ich Vater von ebenso vielen; folglich hatten wir mehr als genug Gesprächsstoff für einen Transatlantikflug. Und wer über Kinder spricht, der spricht auch über Sorgen und Ängste – auch angesichts der Weltlage und der Zukunft. Denn man selbst wird schon noch irgendwie klarkommen, die nächsten paar Jahre – die einem hoffentlich noch zustehen – irgendwie durchschaukeln. Aber hat man Kinder, denkt man weiter.
Das Gespräch mit Sophia Lorens Schwiegertochter fand vor 15 Jahren statt. Damals war unsere Flugdestination, die USA, noch ein zivilisiertes Land mit einer intakten Demokratie. Und die Welt eine andere. Müsste ich dieses Gespräch heute führen, würde ich danach wohl nicht beim Mineralwasser bleiben – sondern den Dürrenmatt machen; zumindest ein bisschen.
Max Küng wurde 1969 geboren und ist auf einem Bauernhof in Maisprach aufgewachsen. Heute lebt er mit seiner Familie in Zürich und ist ein landesweit bekannter Kolumnenschreiber.

