Im Bankrat herrschten «Asymmetrien»
12.09.2025 BaselbietDie oberste BLKB-Führung hat mitgemischt statt aufgepasst
Beim ersten öffentlichen Auftritt als Präsident des BLKB-Bankrats muss Thomas Bauer sein Gremium tadeln – die gleichen Leute, mit denen er das «Radicant»- Abenteuer aufarbeiten soll. Der Bankrat habe ...
Die oberste BLKB-Führung hat mitgemischt statt aufgepasst
Beim ersten öffentlichen Auftritt als Präsident des BLKB-Bankrats muss Thomas Bauer sein Gremium tadeln – die gleichen Leute, mit denen er das «Radicant»- Abenteuer aufarbeiten soll. Der Bankrat habe Rollen vermischt, sagt ein Bericht. Die Geschäftsleitung bleibt unerwähnt.
Peter Sennhauser
Der Bankrat der Basellandschaftlichen Kantonalbank BLKB hat im Fall der Übernahme der «Numarics» durch ihre Tochterbank Radicant seine Aufsichtspflicht nicht erfüllt – denn er sei bei der Übernahme sogar selber aktiv in die Transaktionsvorgänge involviert gewesen.
Das habe, sagte gestern der interimistische Bankratspräsident Thomas Bauer vor der Presse, «zu Informations-Asymmetrien» im Gremium geführt: Einzelne Mitglieder hätten aufgrund ihres Einsitzes in Arbeitsgruppen und dergleichen Wissen besessen, das andere Ratsmitglieder nicht hatten. Für Bauer ist diese Verletzung der Governance, der Gewaltentrennung in der Leitung des Unternehmens also, inakzeptabel und die gravierendste Erkenntnis des unabhängigen «Gutachtenberichts».
Bei der Übernahme der Treuhand-Digitalfirma Numarics im Herbst 2024 handelte es sich um den vermeintlichen Befreiungsschlag für die «Radicant»: Die von der BLKB gegründete Neo-Bank mit Nachhaltigkeitsschwerpunkt für Privatkunden kam nicht vom Fleck und sollte mit dem Digital-Dienstleister Numarics und dessen Kunden zur KMU-Treuhand-Bank aus- und umgebaut werden. Doch diese Pläne gingen nicht auf, die BLKB musste im Juni einen Abschreiber von 105 Millionen Franken bekannt geben, und inzwischen sind der BLKB-CEO John Häfelfinger und Bankratspräsident Thomas Schneider mit sofortiger Wirkung zurückgetreten.
Keine «Lesart» des Berichts
Den gestern präsentierten Bericht hatte der jetzt kritisierte Bankrat noch unter Schneider kurz vor dessen vorzeitigem Abgang in Auftrag gegeben. Um es vorwegzunehmen: Auch wenn der Bericht in drei konkreten Punkten Kritik übt, wird er kaum unmittelbare Konsequenzen haben. Allerdings war es auch keineswegs die Vorgabe für die externen Gutachter, Verantwortliche für das «Radicant»-Desaster zu benennen.
Thomas Bauer stellt sich auch ganz direkt gegen die Mutmassung, mit dem Bericht solle Ex-CEO John Häfelfinger zulasten des Bankrats aus der Schusslinie gebracht werden: «Wenn zu lesen war, hinter der Kulisse sei die richtige Lesart des Berichts bereits vorbereitet worden, so weise ich hier diese Unterstellung mit aller Deutlichkeit zurück», sagte er an der Pressekonferenz. Die Autoren des Berichts hätten vielmehr eine unabhängige Einschätzung vorgenommen.
Überhaupt beleuchtet die Untersuchung nur einen kleinen Ausschnitt. Die Gutachter von «Geissbühler Weber & Partner» (gwp) hätten ausschliesslich die organisatorischen Abläufe in der «Radicant»-Mutterbank, also der BLKB, und nur während der Übernahme der «Numarics» untersucht. «Die ökonomische Sinnhaftigkeit vom Investitionsentscheid selber» sei ebenso wenig Gegenstand des Berichts wie die «Transaktionsbewertung», sagte Bauer: Ob der Kurswechsel der Online-Bank überhaupt sinnvoll gewesen sei und ob «Numarics» zu einem überhöhten Preis gekauft worden war, bleibt also weiterhin offen.
Der Bericht kritisiert drei Punkte in den Abläufen: Die erwähnte Rollenüberschreitung des Bankrats, der sich aktiv eingemischt habe; Mängel im Due-Diligence-Prozess, also der gewissenhaften Prüfung der Werte der zu übernehmenden «Numarics», und schliesslich den Entscheid des Bankrats im Frühling 2025, erst später als es möglich gewesen wäre, über die Wertberichtigung zu informieren.
Neuer Präsident, alter Bankrat
Der Bankrat sei sich bewusst, «dass er als oberstes Führungsgremium die Verantwortung für das Scheitern eines grossen strategischen Projekts trägt», sagte Bauer: Mit dem Rücktritt seines Vorgängers sei hier bereits ein klares Zeichen gesetzt. Der vorliegende Bericht sei jetzt auch von der Finanzmarktaufsicht Finma zu würdigen. Er selber wolle mit der Bank bis Ende des Jahres die Lehren aus dem «Numarics»-Engagement und den Wertberichtigungen ziehen – die Analyse des Berichts werde keine Alibi-Übung.
Wie paradox es indes ist, dass Thomas Bauer als interimistisch berufener neuer Präsident mit den übrigen Ratsmitgliedern sowohl das weitere Vorgehen in der «Radicant»-Geschichte als auch deren Aufarbeitung und die Verantwortlichkeit untersuchen muss, zeigt sich sofort. Etwa darin, dass das Gremium, das noch vor einem Monat explizit an der Strategie der «Radicant» festhalten und mit deren Break-Even im Jahr 2029 rechnen wollte, inzwischen unter Bauer diese Strategie revidiert hat und, wie Bauer sagt, «alle Optionen prüft» – also wohl auch die Abwicklung der Digitalbank.
Auf Nachfrage hielt Bauer fest, dass bei der Aufarbeitung der Geschichte auch Verantwortlichkeitsklagen (der Bank gegen den Bankrat) denkbar seien, wenn es die dafür juristisch klar definierten Kriterien erforderten. «Wobei es wohl vorher zu Mutationen im Bankrat kommen würde», so Bauer.

