«Ich habe noch nie so viel über Menschen gelernt»
08.05.2026 PersönlichEin Informatiker, der Werbefilme dreht, baut eine mittelalterliche Taverne und verfilmt ein deutsches Kult-Rollenspiel: Morgen feiert Florian Moritz mit «Eine Nacht in Tobrien» seine Schweizer Premiere im Saal 1 in Basel.
Melanie Frei
Herr ...
Ein Informatiker, der Werbefilme dreht, baut eine mittelalterliche Taverne und verfilmt ein deutsches Kult-Rollenspiel: Morgen feiert Florian Moritz mit «Eine Nacht in Tobrien» seine Schweizer Premiere im Saal 1 in Basel.
Melanie Frei
Herr Moritz, wie wird man als Werbefi lmer aus dem Baselbiet zum Regisseur eines Fantasyfi lms?
Florian Moritz: Das fängt mit einer frustrierten Lebensphase an. Ich wollte beruflich etwas Neues anreissen. Dann kam vor gut sechs Jahren die Pandemie, und ich spielte mit Freunden «Das Schwarze Auge», kurz DSA. Irgendwann hatte Lennart – mein Mitstreiter und späterer Drehbuchautor – die Idee, daraus einen Film zu machen. Drei Tage später war die erste Fassung des Drehbuchs geschrieben.
Sie sind also nicht der glühende DSA-Fan, der jahrelang auf so ein Projekt gewartet hat?
Überhaupt nicht. Ich habe das Spiel während des Lockdowns ab und zu gespielt. Aber genau das hat mich vielleicht befreit. Ich bin ohne diese Ehrfurcht rangegangen, die jemand haben kann, der seit 20 Jahren in dieser Welt lebt.
Der Trailer von «Eine Nacht in Tobrien» hatte innert 24 Stunden 18 000 Aufrufe. Haben Sie das erwartet?
Erwartet nicht. Erhofft schon. Die Fangemeinde ist riesig und ausgehungert. Es gab schon mehrere DSA-Filmprojekte, die alle nicht geglückt waren. Der Druck war also schon spürbar. Dass der Trailer dann so einschlug, war ein Aufatmen.
Für die perfekte Fantasy-Kulisse haben Sie halb Deutschland abgeklappert – und sind am Ende in Arisdorf gelandet.
Wir haben Parks besucht, wissenschaftliche Dorfrekonstruktionen angeschaut, gesucht und noch mehr gesucht. Dann hat uns ein Bekannter auf die Theatermühle Arisdorf hingewiesen. Wir haben bei der zuständigen Immobilienfirma angerufen und die hat sofort Ja gesagt. Alles, was sich auf dem Gelände befindet, wird ohnehin abgerissen, also waren sie sehr offen für unsere Idee.
Haben Sie die Bauarbeiten selber übernommen?
Ja. Meistens waren wir zu zweit, Samuel Fischer und ich. Er ist neben Lennart, dem Drehbuchautoren, und mir der dritte im Bunde, handwerklich wie kreativ ein echtes Multitalent. Zusammen haben wir Altmaterial zusammengesucht, lokale Firmen haben uns unterstützt. Ob altes Holz oder Lehm für den Verputz, uns wurde praktisch alles geschenkt. Und dass die Theatermühle bereits ein Kulturort war, half enorm: Wir konnten zum Beispiel die Maskenräume im Theaterhaus nutzen.
Im Januar 2025 wurde dann gedreht – auf dem Bölchen, der Burg Reichenstein, in Arlesheim.
Ich erinnere mich besonders an die eisige Kälte damals. Vier Drehtage waren nötig, jeden Tag zwischen 12 und 17 Stunden. Das war wohl das Härteste und Schönste zugleich, was ich je gemacht habe.
Mit Annalena Miano, bekannt durch die Schweizer Fernsehserie «Tschugger», spielt eine Bekanntheit eine der Hauptrollen.
Wie kam das?
Ich hatte das Casting in meinem «Whatsapp»-Status ausgeschrieben und irgendwie ist es bei ihr gelandet. Sie hat mich angeschrieben. Ich bin grosser «Tschugger»-Fan, sie ist Fantasy-Fan, das hat sofort gepasst. Nach ihrer Zusage hat das einen gewissen Druck – aber einen positiven – ausgeübt. Aus der Zusammenarbeit ist inzwischen eine schöne Freundschaft entstanden. Auch die übrigen Schauspielenden kamen leicht an uns heran: Mateo Gudenrath, einer unserer weiteren Hauptdarsteller, ist der Cousin eines Kollegen aus Reigoldswil, und Cécile Gschwind kommt ebenfalls ursprünglich aus dem Dorf.
Sie haben das Projekt aus eigener Tasche finanziert. Ging die Rechnung auf?
Ja. Viele helfende Hände machten das möglich, wie eben die Materialspenden oder zum Beispiel ein hilfsbereiter Bauer, der uns seine Schafe und Wachteln für den Dreh zur Verfügung stellte. Die Schauspielenden, die ganze Crew wurde für ihre Arbeit nicht entlöhnt. Ein guter Freund von uns sowie der Vater von Sammy haben für uns gekocht und sind frühmorgens aufgestanden und haben Gipfeli aufgebacken, damit die Leute in der Maske etwas Warmes essen konnten.
Was war die grösste Herausforderung auf dem Set?
Das Stimmungs- und Erwartungsmanagement. Ein Probetag hat sich als unglaublich wichtig herausgestellt: Wer noch dachte, es werde ein «Schultheater», den konnte man dort abholen und überzeugen. Nicht alles ist «Juhu» und «Tralala», wenn man so ein Projekt durchzieht. Aber ich habe noch nie so viel über verschiedene Menschen gelernt.
Wann wäre dieser Film für Sie ein Misserfolg gewesen?
Das kann nicht mehr passieren. Allein die Reaktion in Deutschland bei der Vorpremiere hat das gezeigt. Ein Misserfolg wäre es gewesen, wenn die «Das Schwarze Auge»-Community den Film abgelehnt hätte. Ich hoffe, dass er in Basel ebenfalls gut ankommt.
Sie sprechen die Schweizer Premiere morgen in Basel im Saal 1 an. Sind Sie nervös?
Die 300 Plätze sind ausverkauft. Dass wir so viele Nerds finden würden, hätte ich nicht gedacht (lacht). Viele kommen anscheinend im Mittelalterkostüm, worauf ich mich freue. In Deutschland habe ich die ganze Zeit das Publikum beobachtet: Lachen sie? Sind sie berührt? Klappt das Skript? Jetzt, beim Heimspiel, will ich einfach dabei sein. Den Film auf der grossen Leinwand sehen. Und mit den Menschen feiern, die das möglich gemacht haben.
Und danach?
Ich möchte die Werbearbeit reduzieren und gehe dafür wieder verstärkt in die Informatik. Das gibt mir den finanziellen Spielraum für mehr solche Projekte. Wenn ich auf dieser Welt eines tun könnte, dann wäre es das.
Zur Person
mef. Florian Moritz ist in Reigoldswil aufgewachsen und lebt heute in Sissach. Nach einer Ausbildung in Informatik und einer Anstellung an der Uni Basel entdeckte er über die Fotografie den Weg zum Film.
Vor elf Jahren machte er sich selbstständig. Seither dreht er Werbefilme für regionale und nationale Unternehmen – von der Bäckerei bis zur vergangenen Naturparkdebatte.
In der Region bekannt ist er auch durch einen Kurzfilm mit Kabarettist und «Volksstimme»-Kolumnist Dominik Muheim. «Eine Nacht in Tobrien» ist der erste Kurzfilm von Florian Moritz.
Das Schwarze Auge
mef. «Das Schwarze Auge» (DSA) ist ein deutsches Pen-&-Paper-Rollenspiel, das 1984 erstmals erschien. Dabei erschaffen die Spielenden gemeinsam am Tisch Figuren in einer Fantasywelt, ähnlich wie beim bekannteren «Dungeons & Dragons». Während eine Person als Spielleiterin die Geschichte erzählt und Regeln anwendet, entscheiden die anderen, was ihre Figuren tun. Handlungen werden durch Würfelwürfe bestimmt. Das Spiel spielt in der Welt Aventurien, bevölkert von Elfen, Zwergen, Magiern und allerlei Fabelwesen. In Deutschland gehört DSA zu den meist gespielten Rollenspielen überhaupt.

