Historische Wetteranomalien, Wölfe ringsum
02.10.2026 RegionAlte Chroniken erzählen von Hitze, Dürre, milden Wintern und Erdbeeren zu Neujahr
Extreme Hitze, ausbleibender Regen, blühende Kirschbäume im Winter: Was heute aussergewöhnlich erscheint, findet sich bereits in jahrhundertealten Chroniken. Doch die historischen ...
Alte Chroniken erzählen von Hitze, Dürre, milden Wintern und Erdbeeren zu Neujahr
Extreme Hitze, ausbleibender Regen, blühende Kirschbäume im Winter: Was heute aussergewöhnlich erscheint, findet sich bereits in jahrhundertealten Chroniken. Doch die historischen Wetterkapriolen unterscheiden sich in einem entscheidenden Punkt vom heutigen Klimawandel.
Dominik Wunderlin
Das Wetter beschäftigte die Menschen lange bevor es verlässliche Prognosen und wissenschaftliche Erklärungen dafür gab – nicht nur als Smalltalk im Lift. Während uns aber heute die Wetterkunde erklären kann, weshalb ein Sturm aufzieht, wieso es Regenperioden gibt oder warum monatelang täglich die Sonne vom Himmel brennt, sah man dies einst als Werk Gottes.
Dass es auch schon früher Wetteranomalien gab, verraten uns alte Chroniken. So hielt ein anonymer Basler Chronist fest, dass es 1537/38 von Martini (11. November) bis in die Fastenwochen gar keinen Winter gab. Jedermann wunderte sich über das warme Klima «und rüst noch Wyhnachten sin Reben mit Uffziehen, Schniden, Sticken, Binden». Als man dann Anfang April keine Kälte mehr erwarten konnte, standen die Reben entsprechend schön da. Doch in der Karwoche setzte «gross Himmelgfrist und Ryffen» ein und alles erfror. Die Folge war eine grosse Teuerung beim Basler Landwein und beim Elsässer. Zur Vermeidung allzu hoher Preise verfügte die Stadt darauf jegliche Ausfuhr.
Jahr der Gegensätze: Am Weihnachtstag 1537 fiel dann derart viel Schnee, dass in Inzlingen, dem Dorf hinter dem Chrischonaberg, ein Bauernhaus unter der Schneelast zusammenbrach und die vier Bewohner und der ganze Viehstand ums Leben kamen.
Elf Monate kein Regen
Zwei Jahre später vermeldete eine Chronik, als deren Verfasser Fridolin Ryff vermutet wird, dass 1539 «ein schöner, vollkommener und überflüssiger Herbst» war, «desgleichen kein Mensch erlebt, erhört noch gesehen hat, in allen Landen, wo Reben gepflanzt, im Elsass und allenthalben, dass der Wein nicht gefasst werden mochte wegen Fassmangels». Unvermeidlich waren eine grosse «Fasstheure» und ein massiver Preiszerfall beim Wein: Statt 45 Pfund kostete ein Fuder noch vier oder fünf Pfund; ein Fuder galt etwa 780 bis 1000 Liter! Kein Wunder, dass «viel Wein am Rebstocke hangen» blieb.
Der berühmte Basler Chronist Christian Wurstisen kommentierte die ungewöhnliche Situation: «Damit hat der l. Gott augenscheinlich anzeigen wöllen, dass Hunger und Völle, Theuerung und Wohlfeile in seiner Hand stehe und er um das tägliche Brot allein zu bitten seie.»
Dies zeigte der Allmächtige offenbar auch im nachfolgenden Sommer 1540, der gut dokumentiert ist. Eine im Jahr 2014 publizierte Studie hat etwa 300 Zeugnisse aus ganz Europa zusammengetragen. Demnach soll in gewissen Regionen elf Monate lang kein Regen gefallen sein, die Wälder brannten wegen der Megadürre und der Rauch verdunkelte den Himmel. Flüsse und Quellen versiegten. Die Insel Lindau war vom Bodenseeufer aus zu Fuss erreichbar und der Wein hatte einen so hohen Zuckergehalt, dass er als Jahrhundertwein galt.
Beim Basler Chronisten Fridolin Ryff lesen wir über diesen Sommer: «Von Sommersanfang bis Martini (1540) fiel nicht dreimal ein ordentlicher Regen. Der Rhein stand so ab, dass man auf dem Geröll aus der kl. Stadt bis zum Käppeli-Joch trockenen Fusse gelangte. Auch konnte man im Flussbette von der Karthause fast halben Wegs bis nach Grenzach gehen. Bei St. Alban ragte eine Grieninsel aus dem Wasser, auf welcher Büchsenschützen ein Gesellenschiessen abhielten. Von diesem Stande schossen sie auf das Feld oberhalb der Karthause. Wegen des grossen Wassermangels wurden Mühlen auf dem Rhein angelegt. An einigen Stellen konnte der Rhein ganz bequem durchschritten werden. Alle Güter wurden auf die Basler Messe zu Wagen herbeigebracht.»
Die abschliessende Bemerkung erinnert doch sehr an die derzeitige Situation mit der kommerziellen Rheinschifffahrt, wo der tiefe Pegelstand nicht nur zu geringerem Beladen der Lastkähne führt, sondern auch zur Verlagerung der Transporte auf Schiene und Strasse.
Eine Analogie zur derzeit zu beobachtenden zweiten Obstblüte (siehe «Volksstimme» vom 24. September, Seite 2) gab es auch schon in früheren Zeiten. So berichteten Chronisten als Folge eines überaus milden Herbstes wiederholt von Kirschenblust um Weihnachten. Mehr noch: 1473 war eine derart unerträgliche Hitze, dass im Herbst die Kirschbäume nochmals blühten und die Kirschen sogar reif wurden.
Das Klima bei Johann Peter Hebel
Von Ausnahmewintern berichtet auch der 1760 in Basel geborene Kalendermann Johann Peter Hebel, den viele vor allem als Dichter alemannischer Gedichte kennen. In seinem «Rheinländischen Hausfreund oder Neuen Calender auf das Schaltjahr 1808» nennt er Details zu einer ganzen Reihe von warmen Wintern. In den vergangenen 700 Jahren habe es 28 Winter gegeben, die eigentlich keine waren. Den jüngsten erlebte man in der Napoleonischen Zeit und er lag somit noch gar nicht weit zurück: «Anno 6, als der Franzos in Polen war», habe man «zwischen Weihnacht und Neujahr Erdbeeren gegessen und Veielein gebrochen». Aus weiteren Beispielen, die uns Hebel liefert, seien hier die Folgenden herausgegriffen:
– «Im Jahr 1420 war der Winter und das Frühjahr so gelind, dass im Merz die Bäume schon verblüheten. Im April hatte man schon zeitige Kirschen, und der Weinstock blühte. Im Mai gab es schon ziemliche Trauben-Beerlein. Davon konnten wir im Frühjahr 1807 nichts rühmen.»
– «Im ersten Monat des Jahrs 1572 schlugen die Bäume aus, und im Februar brüteten die Vögel.»
– «Im Jahr 1585 stand am Ostertag das Korn in den Aehren.»
– «Im Jahr 1722 hörte man im Jänner schon wieder auf, die Stuben einzuheitzen.»
Und was hält der Dichterpfarrer Hebel von diesen klimatischen Unregelmässigkeiten? «Summa, es ist besser, wenn am Stephanstag (26.12.) die Bäume treiben, als wenn am St. Johannstag (24.06.) Eiszapfen daran hängen.»
«Külbi» und Kampf mit Wölfen
Das Jahr 1540 hat bei Basler Chronisten nicht nur weges des trockenen Sommers zu Einträgen geführt. So fand damals im Nachgang zu einer allgemeinen Musterung, die am Hirsmontag (Montag nach der Alten Fasnacht!) stattgefunden hatte, in Liestal eine «lustige burgerliche Külbi» statt, an der rund 6000 Menschen, vorwiegend wehrfähige Männer aus Stadt und Landschaft Basel, teilnahmen.
In und um die Stadt Basel fürchtete man sich in jenem Jahr auch vor aggressiven Wölfen, die sich wahrscheinlich aus besonderer Not in Siedlungsnähe gewagt hatten. So hörte man im Januar von einem Wolfspaar, das im nahen Markgräfler Dorf Kirchen eine Frau beim Schweinefüttern angegriffen und ihr den Arm durchbissen hatte. Zwei Männer konnten dann mit Hellebarde und Muskete einen Wolf erlegen, der andere aber entkam. Vielleicht war dieser jedoch wieder dabei, als kurz darauf – und nur wenige Kilometer südlicher – zwei Wölfe den Knecht der Klybeck-Mühle angriffen und seinen Hund in Stücke rissen.
Auch vor dem St. Albantor kam es zu einem unangenehmen Zusammentreffen, als Bauernknechte ihre Feldarbeit beginnen wollten. Der Kampf mit dem wilden Vierbeiner endete mit dessen Tod durch einen gezielten Schlag mit einem Karst – dies geschah unweit des städtischen Hochgerichts auf dem Gellert.
Trotz aller Vergleiche von früher und heute: Seriöse Klimaforscher warnen zu Recht davor, die jüngst in gehäufter Form aufgetretenen Hitzesommer und milden Winter einfach als etwas zu betrachten, das es auch in der Vergangenheit immer wieder einmal gegeben hatte. Der Unterschied ist nämlich, dass die manchmal auch mehrere Jahre hintereinander folgenden klimatischen Abweichungen doch Ausnahmen im Langzeitvergleich blieben. Die heutige Klimakrise ist aber in Verbindung zu sehen mit einem deutlich höheren Temperaturniveau, das es zuletzt in der Eem-Warmzeit (Riss/Würm-Interglazial) vor etwa 125 000 Jahren gegeben hatte. Nach Berichten des Weltklimarats (IPCC) verläuft die gegenwärtige Erwärmung in ihrer Geschwindigkeit beispiellos und ist menschengemacht.
Auch der September …
sda./tho. Der September 2026 war in der Schweiz der zweitwärmste seit Messbeginn im Jahr 1864. Die landesweite Mitteltemperatur lag gemäss den provisorischen Daten von «MeteoSchweiz» bei 13,7 Grad und damit 3,2 Grad über der Norm der Referenzperiode 1991 – 2020. Nur der September 2023 war noch wärmer. Auch im Oberbaselbiet zeigte sich der Monat aussergewöhnlich warm. An der «MeteoSchweiz»-Station in Rünenberg auf 611 Metern wurde am 8. September mit 31,4 Grad der höchste Wert des Monats gemessen. Bereits vier Tage zuvor hatte das Thermometer 30,6 Grad erreicht. Im Durchschnitt stieg die Temperatur tagsüber auf 23,7 Grad. Das sind 5,6 Grad mehr als im langjährigen Septembermittel. Besonders auffällig war zudem die Trockenheit: In Rünenberg fielen im ganzen September lediglich 14,9 Millimeter Niederschlag. Im langjährigen Mittel sind es dort 82,3 Millimeter.
Schweizweit lagen die Niederschlagsmengen ebenfalls deutlich unter dem Durchschnitt. Regional fiel weniger als ein Fünftel der üblichen Septembermenge, am trockensten war es im Mittelland und im Jura. Gleichzeitig zeigte sich die Sonne vielerorts deutlich häufiger als üblich. An einzelnen Orten erreichte die Sonnenscheindauer mehr als 150 Prozent der Norm. Es handelt sich um provisorische Werte. Die definitiven Monatsdaten werden am 10. Oktober veröffentlicht.
Der warme und trockene September schloss ein aussergewöhnliches Sommerhalbjahr ab: Die Monate April bis September waren schweizweit nach den provisorischen Daten das wärmste und trockenste Sommerhalbjahr seit Beginn der Messungen vor mehr als 160 Jahren.
Dominik Wunderlin ist Kulturwissenschaftler und war bis zu seiner Pensionierung Kurator und Vizedirektor des Museums der Kulturen Basel.

