«Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche»
12.06.2026 BaselbietPflegende Angehörige leisten einen unverzichtbaren Beitrag für die Gesellschaft. Dennoch sprechen viele kaum über ihre Belastung. Die Pflegefachfrau Karin Gäumann-Felix erklärt, weshalb Überforderung oft tabuisiert wird und wie Angehörige entlastet werden ...
Pflegende Angehörige leisten einen unverzichtbaren Beitrag für die Gesellschaft. Dennoch sprechen viele kaum über ihre Belastung. Die Pflegefachfrau Karin Gäumann-Felix erklärt, weshalb Überforderung oft tabuisiert wird und wie Angehörige entlastet werden können.
Christian Horisberger
Frau Gäumann, pflegende Angehörige gelten oft als «stille Helfer» im Hintergrund. Wie gross ist deren Bedeutung für die Betreuung von erkrankten und betagten Menschen?
Karin Gäumann-Felix: Riesig. Laut Bundesamt für Gesundheit übernehmen in der Schweiz rund 600 000 Angehörige daheim Pflege- und Betreuungsaufgaben. Ohne diese Leistung würde unsere Gesundheitsversorgung zusammenbrechen.
Mit welchen Herausforderungen ist beispielsweise eine Frau, die ihren Ehemann pflegt, im Alltag besonders häufig konfrontiert?
Sie ist gebunden; die Pflege ist ein Ganztagesjob. Die Körperpflege kann eine physische Belastung darstellen. Häufiger jedoch erlebe ich Personen, die psychisch unter Druck stehen, vor allem dann, wenn ihr Partner eine demenzielle Erkrankung hat, die besonders grosse Herausforderungen mit sich bringt.
Welche?
Richtig zu reagieren. Dafür fehlt Angehörigen oft das Wissen. Ein Beispiel: Die demenzkranke Person kann sich nicht erinnern, was sie zum Zmittag gegessen hat, weil ihr Kurzzeitgedächtnis nachlässt. Versucht man, sie in die Realität zu holen mit «Du hattest doch Spaghetti, das weisst du doch», verschlimmert man die Situation nur. Sie ist überfordert, weil sie sich schlicht nicht daran erinnert.
Was löst so eine Situation aus?
Bei der betreuenden Person Überforderung und Hilflosigkeit; die kranke Person fühlt sich angegriffen und wehrt sich. Es bringt nichts, demenzerkrankte Menschen mit unserer Wirklichkeit zu konfrontieren, weil es nicht mehr ihre eigene Wirklichkeit ist.
Wie gehen Angehörige nach Ihrer Erfahrung damit um?
Sie brauchen lange, um zu akzeptieren und zu verstehen, dass eine erkrankte Person, sei es ein Elternteil, der Ehepartner oder die Ehepartnerin, ein bestimmtes Verhalten nicht bewusst an den Tag legt, sondern dass die Krankheit dies bewirkt. Das ist verständlich, wenn man Jahrzehnte miteinander verbracht hat. Daher ist es wichtig, dass sie Hintergrundwissen zur Krankheit bekommen. Erst wenn man Demenz versteht, kann man den Umgang mit der erkrankten Person verändern.
Sie beraten pflegende Angehörige. Was können Sie für einen Mann tun, dessen Frau eine Demenzerkrankung hat?
Ich zeige ihm auf, dass er die Wirklichkeit seiner Partnerin ernst nehmen muss, und wie es ihm gelingt, sich in diese Wirklichkeit zu begeben und sie zu teilen. Anhand von Beispielen aus deren Alltag üben wir Reaktionen auf bestimmte Situationen. Ein Beispiel: Eine Frau will zu Hause für die ganze Familie Znacht kochen, wie sie es früher immer tat. Anstatt ihr zu sagen, dass die Kinder erwachsen und ausgeflogen sind, nimmt man den Faden auf und beginnt, über die Freude am Kochen zu reden. Dann beginnt die Frau, aus ihrer Vergangenheit zu erzählen.
Was bringt das?
Durch diese Reaktion fühlt sich eine demenzkranke Person ernst genommen. Sie spürt Interesse, es hört ihr jemand zu und bringt ihr damit Wertschätzung entgegen. Das Bedürfnis, für die Familie zu kochen, gerät in den Hintergrund.
Was passiert, wenn es zum Streit kommt? Welche Folgen hat das?
Von langer Dauer ist ein Konflikt nicht, aber es ist für die Pflegenden anstrengend, wenn sich die Situation oft wiederholt. Neben allen anderen Herausforderungen kann diese Belastung zu einer Überlastung führen. Ich höre oft von Ehepartnern, die ihren Mann oder ihre Frau betreuen: «Ich habe keine Energie und Geduld mehr.»
Viele Angehörige versuchen lange, die Betreuung allein zu bewältigen. Warum fällt es ihnen oft schwer, Hilfe zu suchen?
Sie meinen, sie müssten fähig sein, das selber zu stemmen – aus Pflichtgefühl. Man hat geheiratet, ist in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da. Es nicht zu schaffen, bedeutet für viele Schwäche und Versagen.
Welche Rolle spielen Schuldgefühle?
Eine riesige. Viele Angehörige haben sie, sogar schon dann, wenn sie ihren Partner nur für einen halben Tag fremdbetreuen lassen. Sie haben ein schlechtes Gewissen, weil sie das Gefühl haben, den Partner abzuschieben.
Warum? Man muss sich doch auch einmal erholen können und Zeit für sich haben.
Die Realität ist eine andere. Viele Angehörige ordnen der Betreuung alles unter, nehmen sich und all ihre Bedürfnisse zurück. Sie gehen nicht mehr aus, geben Hobbys auf. Dies kann zu sozialer Isolation und Vereinsamung führen – weitere Belastungsfaktoren. Es gäbe Entlastungsdienste, Selbsthilfegruppen, Angehörigencafés, Beratung oder Kurse. Diese werden jedoch selten wahrgenommen: Woher soll man neben der Betreuung auch die Zeit dafür nehmen? Es ist ein Teufelskreis.
Wenn jemand aus dem Teufelskreis ausbrechen will und sich an Sie wendet – was tun Sie?
In den Einzelberatungen lasse ich die Menschen erzählen. Ich habe die fachliche Expertise und eigene Erfahrung mit einem demenzerkrankten Schwiegervater. Ich kann nachvollziehen, was diese Menschen leisten, und sage ihnen, wie toll das ist. Das hören sie sonst in den seltensten Fällen. Verstehen und Wertschätzung sind der erste Schritt. Im weiteren Verlauf der Beratung verknüpfe ich Erfahrungen und erlebte Situationen der Klienten in ihrem Betreuungsalltag mit Fachwissen. Daraus ergeben sich Lösungsansätze, die sie dann zu Hause umsetzen können.
Oft kommt es zu der Situation, dass ein Umzug ins Pflegeheim unausweichlich wird. Wie gelingt es, dass beide Seiten damit klarkommen?
Ich empfehle beispielsweise zweiwöchige Ferien- oder Entlastungsaufenthalte in einem Pflegeheim. Das gibt dem oder der Angehörigen Erholungszeit und beide können die Institution kennenlernen und Vertrauen aufbauen. Dies vereinfacht auch einen späteren definitiven Eintritt.
Warum hört man kaum von überlasteten pflegenden Angehörigen?
Bevor jemand zugibt, dass er von der Situation überfordert ist, tut er sein Möglichstes, oft auf Kosten des eigenen Wohlbefindens. Darüber sprechen und Hilfe annehmen wird häufig mit Schwäche gleichgesetzt, also wird darauf verzichtet. Ich werte es als Stärke, wenn jemand eingesteht, dass er es nicht mehr schafft und Hilfe in Anspruch nimmt. An Angeboten fehlt es nicht.
Zur Person
ch. Karin Gäumann-Felix (57) ist Pflegefachfrau und Erwachsenenbildnerin. Sie war unter anderem als Pflegedienstleiterin im APH Homburg tätig. Seit Anfang 2026 ist sie als Beraterin für pflegende Angehörige selbstständig. Sie hält Fachvorträge, leitet Schulungen und führt mit Klienten Einzelgespräche. Gäumann ist zudem an der Höheren Fachschule Pflege (Olten) als Lehrperson tätig. Sie wohnt in Häfelfingen.

