Hier atmet Geschichte, dort Vergänglichkeit
01.09.2026 Gelterkinden, SissachUrsula Pfister und Kitty Schaertlin eröffnen ihre Ausstellungen
Die Künstlerinnen und Kunstveranstalterinnen Ursula Pfister und Kitty Schaertlin haben zwei grundverschiedene Ausstellungen eröffnet. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten: An beiden hielt ein Gast eine Rede, der ...
Ursula Pfister und Kitty Schaertlin eröffnen ihre Ausstellungen
Die Künstlerinnen und Kunstveranstalterinnen Ursula Pfister und Kitty Schaertlin haben zwei grundverschiedene Ausstellungen eröffnet. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten: An beiden hielt ein Gast eine Rede, der sich selber als Kulturmuffel bezeichnete.
Jürg Gohl
Ungewohnte Hektik herrschte vergangene Woche in der Oberbaselbieter Kunst- und Kulturszene. Am Donnerstag wurde in Sissach Kitty Schaertlins Fotoausstellung zum Jubiläum des Schlosses Ebenrain eröffnet; am Freitag folgte der Auftakt zu Ursula Pfisters neuestem Projekt mit dem Titel «Höi Heu» (die «Volksstimme» berichtete) beim «Heu-Schüürli» Raine in Gelterkinden. Die Hauptdarstellerinnen, beide preisgekrönt und als Veranstalterinnen mit einem riesigen Palmarès ausgestattet, liessen es sich nicht nehmen, als Gast jeweils die Vernissage ihrer Kollegin zu besuchen.
Dem jeweiligen Thema entsprechend fanden die beiden Vernissagen in unterschiedlichen Umgebungen statt. Am sonnigen Donnerstag lud Kitty Schaertlin in den schmucken, kopfsteingepflasterten Innenhof des Schlosses Ebenrain ein, das reiche Basler Bändeliherren vor 250 Jahren im Herzen des von ihnen geknechteten Oberbaselbiets errichten liessen. Am regnerischen Freitag traf man sich bei einer Baselbieter Feldscheune mitten im Kulturland zwischen Gelterkinden und Rickenbach.
Damit stehen die beiden Schauplätze architektonisch wie auch sozial in einem krassen Gegensatz: Hier wird Geschichte, dort Vergänglichkeit geatmet. Als müsste dies noch zusätzlich betont werden, sind die Plakate im «Ebenrain» acht Monate lang rund um die Uhr zu sehen, während «Höi Heu» bereits nach zweieinhalb Wochen endet. Diese kurze Spanne ist dafür aber gefüllt mit Lesungen, Musik, Theater und mehr.
Das Gestern im Heute
Rechtzeitig zur Eröffnung im «Ebenrain» reichte es, den eben sanierten Schlossweiher wenigstens zur Hälfte zu füllen. Das ist ein Kompromiss: Einerseits beugen sich die Betreiber damit dem Gebot der Stunde, Wasser zu sparen. Andererseits soll sich die Anlage möglichst so präsentieren, wie sie das heute unter normalen Umständen tun würde. Schliesslich möchte die Freilicht-Ausstellung erreichen, dass frühe, bis zu 130 Jahre alte Fotografien des Schlosses gleich an Ort und Stelle mit dem normalen Erscheinungsbild von heute verglichen werden können.
Die Bilder wurden auf Plakatformat vergrössert und stellenweise mit Texten ergänzt, zum Beispiel Reminiszenzen der Sissacher Schriftstellerin Margaretha Schwab-Plüss. So ist zum Weiher zu erfahren, dass Alfred Rasser alias HD Läppli in seiner Jugend einmal ein unfreiwilliges Bad im Teich genommen haben soll. Meist ist im Heute das Gestern leicht zu erkennen, manchmal aber sind die Änderungen frappant.
Darauf ging auch Regierungspräsident Thomi Jourdan in seiner Ansprache ein. Als Vorsteher der Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesund-
heitsdirektion ist er der Schlossherr des Ebenrains. Das gilt für den Renommierbau wie auch für das Landwirtschaftliche Zentrum. Jourdan sprach vom Zusammenspiel «vom Gebliebenen und vom Wechsel». Es sei wichtig, sich immer seiner Wurzeln bewusst zu sein. Neben Jourdan mischte sich auch Matthias Liechti, der in einem Monat zur Regierung stösst, unter die Gäste. Der SVP-Politiker und Isaac-Reber-Nachfolger aus Rümlingen lebte selber in seiner Jugend zwölf Jahre lang im Ebenrain – nein, nicht im Schloss, sondern auf dem bäuerlichen Betrieb.
Stiller Zeuge
Seit etwas mehr als zwei Jahren wird das Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung, so der offizielle Name, von Christoph Böbner geleitet. In seiner Rolle als Gastgeber begrüsste er am Donnerstag die Gäste. Nur 24 Stunden später ergriff der Berner Bauernsohn, der sich selber als «Kul-
turmuffel» bezeichnet, auch an der zweiten Vernissage das Wort. Auf Wunsch der Künstlerin Ursula Pfister vermittelte er vor der Feldscheune allerlei Wissenswertes zur «konservierten Form des Grases», dem Futter für zwei Millionen Nutztiere in der Schweiz. Oder, kurz, Heu.
Esther Roth, die Leiterin der Abteilung Kultur im Kanton, ging als Gastrednerin speziell auf den Ausstellungsort ein. «Die Feldscheune ist ein stiller Zeuge einer bäuerlich geprägten Kulturlandschaft», sagt sie. Sie bezeichnet Ursula Pfister als «bekannte kulturelle Grundversorgerin». Zu diesem Kreis zählt sie auch Kaspar Geiger. Der Theatermann aus Tenniken und Betreiber des Sissacher Kulturlokals «Cheesmeyer» hat vor eineinhalb Jahren die Künstlerin dazu ermuntert, sich dem Heu thematisch zuzuwenden. Gemeinsam haben sie die Ausstellung und das Rahmenprogramm gestaltet. Dieses wartet bis zur Finissage am 13. September mit zahlreichen kulturellen Veranstaltungen auf, die zum Thema passen. Neben den Flöten- und Klarinetten-Improvisationen von Samuel
Freiburghaus sah das Programm am Eröffnungstag auch eine kurze Lesung von Heu-Texten aus der Feder von Schweizer Autoren durch Kaspar Geiger vor. Der Mitveranstalter fokussierte sich aber mehr darauf, über Heu zu philosophieren statt darüber zu lesen.
Die Natur, speziell die Botanik, bildet schon länger einen Schwerpunkt in Ursula Pfisters Schaffen. Das liegt auch an ihrem Ehemann, dem Botaniker und «Volksstimme»-Kolumnisten Andres Klein. Damit tut sich doch noch eine Parallele zur Vernissage vom Vortag auf: Kitty Schaertlins Ehemann Thomas Lüthi war als Kommunikationsfachmann und Journalist im «Ebenrain» für alles Textliche zuständig. Hinter jeder starken Frau steckt …
So erinnert ein Teil der Ausstellung in der Feldscheune an ein Herbarium aus Gymi-Zeiten. Auf diese Weise werden die verschiedenen Heupflanzen dargestellt. Die gemalten Bilder erinnern indes auf den ersten Blick an Ursula Pfisters Ausstellung «Im Gwächshuus blüets» vor vier Jahren, bis auf den zweiten Blick die filigran gemalten Ähren zu erkennen sind. Diese Bilder wirken so fein wie die grün-gelben Bestandteile, die sie mit einer Pinzette aus einem Heuhaufen gezogen und nach Farbe und Form zu kleinen Bildern angeordnet hat.
Am aussergewöhnlichsten sind die 16 Säckchen mit Heu. Gesammelt hat die Künstlerin diese bei verschiedenen Oberbaselbieter Landwirten, die sie dafür zur Vernissage einlud. Dieser Teil der Ausstellung ist bereichernd, weil sie für einmal den Geruchssinn in den Mittelpunkt rückt, der sonst in der Kultur (abgesehen von Patrick Süskinds Roman «Das Parfüm») nie bedient wird.





