Herr Müller geht nach Bern
16.10.2026 PersönlichHerr Müller (Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind reiner Zufall) entdeckte neulich, dass es noch genau 23 Monate bis zu seinem offiziellen Rentenalter sind. Wie alle Menschen, die den Grossteil ihres Arbeitslebens als Selbstständige (also ständig selbst) zugebracht haben, ...
Herr Müller (Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind reiner Zufall) entdeckte neulich, dass es noch genau 23 Monate bis zu seinem offiziellen Rentenalter sind. Wie alle Menschen, die den Grossteil ihres Arbeitslebens als Selbstständige (also ständig selbst) zugebracht haben, traf es ihn unvermittelt. Vielleicht war es der Schock, jedenfalls hat er gar keine Lust, sich vorgegeben verrenten zu lassen. Stattdessen kam ihm die Idee, Bundesrat zu werden, als er von Herrn Parmelins Rückzug zu Frau Parmelin hörte. Panikreaktionen sind in einer solch psychologisch heiklen Situation möglich.
Nun bin ich als seine Partnerin seine Spontaneingebungen gewöhnt und erklärte Herrn Müller, dass es da gewisse Mechanismen beim Wahlgremium «Vereinigte Bundesversammlung» zu beachten gebe. Zumindest sollte man diesem doch immerhin bekannt sein. Herr Müller verwies darauf, dass es sicher auch einen Bundesrat gegeben habe, der die Kriterien nicht erfüllt hätte, und in der Tat macht die Bundesverfassung keine Vorgaben. Tatsächlich gab es 1961 Hans Schaffner, der in den Bundesrat gewählt wurde, obwohl er zuvor kein Politiker war. Immerhin war er aber Direktor im Volkswirtschaftsdepartement und dem Parlament bekannt, weil er an der Efta-Gründung beteiligt war.
Ich erklärte also meinem Protagonisten, dass er weder die Efta gegründet noch sonst wie eine politische Rolle gespielt hat, ausser Mitglied der Ammeler Sozialhilfebehörde gewesen zu sein. Es würde ihm also wenig nützen, sich in Bundesbern einen Raum zu mieten, wie es der amtierende Verteidigungsminister vor seiner Wahl getan hat, in der Annahme, er bekäme dort regen Kennenlernbesuch. Gerüchtehalber soll das nicht der Fall gewesen sein …
Nun verfügt Herr Müller durchaus über Grundkompetenzen für einen guten Politiker: An einem Wahlkampfstand könnte man ihn problemlos deponieren und er würde das ganze Quartier unterhalten. Er hat Charme und ist schlagfertig. Zwar behauptet er immer, die grosse Politik interessiere ihn nicht, wichtig sei vielmehr, dass er in seinem direkten Umfeld nach dem Rechten schaue. Weswegen er jetzt zum Beispiel eine Lernveranstaltung zu KI organisierte, obwohl und gerade weil er davon keine Ahnung hat.
Im Widerspruch zu seiner Selbstwahrnehmung steht, dass er stets präzise informiert ist, ein ausgeprägtes Gefühl dafür hat, was die Bürgerinnen und Bürger bewegt und – ganz wichtig – sogar Mitmenschen mag, die in der Mehrheitsmeinung durchfallen. Ungünstig für das Amt ist dagegen, dass seine politischen Positionen eher tagesformabhängig sind: Von liberal bis Robin Hood liegt alles drin. Einzige Konstante: immer pragmatisch und mit eingebautem Wertekompass.
Der grosse Risikofaktor: Herr Müller wäre ein Anti-Diplomat und würde jeden Kommunikationsberater in den Selbstmord treiben. Es ist also besser, wenn er noch etwas länger ständig er selbst bleibt. Denn er ist mit Hingabe Zimmermann und einige Prozesse in Bundesbern wären ihm eindeutig zu langwierig. Systemkritische Kurzschlüsse wären nicht auszuschliessen.
Petra Huth ist Politikwissenschaftlerin und Ökonomin. Sie lebt in Anwil und amtet dort als Gemeinderätin.

