Herbschtmärt
04.11.2025 PersönlichNoch acht Mal schlafen, dann ist Herbstmarkt. Mehr Menschen strömen nur am Fasnachtssonntag nach Sissach. Alle Schulen im Ort geben ihren Schülerinnen und Schülern für den Marktbesuch ganztags frei. Die Landwirte aus der Umgebung nehmen sich den Tag frei, weshalb auch die Rede ...
Noch acht Mal schlafen, dann ist Herbstmarkt. Mehr Menschen strömen nur am Fasnachtssonntag nach Sissach. Alle Schulen im Ort geben ihren Schülerinnen und Schülern für den Marktbesuch ganztags frei. Die Landwirte aus der Umgebung nehmen sich den Tag frei, weshalb auch die Rede vom Bauernsonntag ist, Mittwoch hin oder her. Für die Händler ist der Sissacher Herbstmarkt ebenfalls ein Tag zum Feiern: Nach der Basler Herbstmesse sei es für sie der rentabelste Anlass in der Nordwestschweiz, heisst es. Auf den «Herbschtmärt» mit seiner 300-jährigen Tradition darf sich das Oberbaselbiet also durchaus etwas einbilden, auch wenn die 550-jährige «Herbschtmäss» mit mehr als einer Million Besuchern während gut zwei Wochen die unangefochtene Nummer 1 in der Region bleibt. Sie bietet zwar keine Traktoren, Heugabeln und Kälberstricke, dafür umso mehr Adrenalinschübe, eine grössere kulinarische Vielfalt und ein vielseitigeres Warenangebot, das muss man neidlos zugeben.
Als Teenager ging ich so oft an «d Mäss», wie das Sackgeld reichte. Verpulvert habe ich es für Bahnen, die möglichst wild aussehen, aber milde zu meinem empfindlichen Magen sein mussten: Es galt, mit Heldenmut die jeweilige Dame meines Herzens zu gewinnen. Nachdem mir das nachhaltig gelungen war und wir samt Nachwuchs «d Mäss» besuchten, kämpften wir uns durch die «Druggede» auf dem Petersplatz; erstanden einen rosaroten Einhorn-Ballon fürs Kind und liessen uns von einem «Zürischnorri» eine Gemüseraffel aufschwatzen.
Als mein jüngeres Ich würde ich mich dafür schämen, was nun aus mir geworden ist: Bei meinem diesjährigen «Herbschtmäss»- Besuch streifte ich als erstes durch den «Häfelimärt» und liess mich vom Riesenrad über die Dächer von Basel heben – nicht der Romantik, sondern der Aussicht wegen. Und wahre Glücksgefühle empfand ich, als ich mein Lieblingsdessert entdeckte, dessen Namen keiner mehr ausspricht; von jenem Hersteller, der sich um politische Korrektheit foutiert. Diskriminierungssensibel verkniff ich mir den «Mohrenkopf» und erkundigte mich stattdessen bei einer Verkäuferin am Stand diskret, wie die Leute «dem da» nun sagen, und zeigte mit dem Finger auf die in Gold verpackte Süssigkeit. Verschwörerisch flüsterte sie, dass die meisten Menschen dazu noch immer «Mohrechopf» sagen würden. Ich war überrascht. Vor fünf Jahren war über den Hersteller meiner Lieblingssorte ein Shitstorm hereingebrochen, als er sich weigerte, sein Produkt wie alle anderen Produzenten in Schaumkuss, Schokokuss oder -kiss umzubenennen. Er ist übrigens bis heute stur geblieben.
Es bereitete mir Mühe, die korrekte Alternative zum eingeimpften «Mohrenkopf» in den Mund zu nehmen, erst recht, da ich auf Mundart einen «Schmutz» oder ein «Schmützli» zu verabreichen pflege und keinen «Kuss», nicht einmal ein «Küssli». Aber man will ja nicht als Ewiggestriger und schon gar nicht als Rassist gelten. Am Herbschtmärt werde ich mir deshalb ein Säckli Magenbrot gönnen.
Christian Horisberger, stv. Chefredaktor «Volksstimme»

