Heimatkunde
07.07.2026 PersönlichDie Wassermelone ist ein Multitalent. Sie stillt den Durst und füllt den Magen, sie ist kalorienarm und vitaminreich und es gibt sie in Grössen für den Single-Haushalt bis zur Grossfamilie. Zudem sieht sie aufgeschnitten mit ihrem kräftig-roten, kerngepunkteten Fruchtfleisch ...
Die Wassermelone ist ein Multitalent. Sie stillt den Durst und füllt den Magen, sie ist kalorienarm und vitaminreich und es gibt sie in Grössen für den Single-Haushalt bis zur Grossfamilie. Zudem sieht sie aufgeschnitten mit ihrem kräftig-roten, kerngepunkteten Fruchtfleisch unverschämt gut aus.
Es gibt viele hundert Melonensorten. Als Kinder kannten wir nur das fussballgrosse Modell mit sehr vielen Kernen. Manche fanden das eher lästig, andere sahen darin Munition für Spuckschlachten. Wer von uns Kindern die Kerne weiter oder präziser durch die Luft schoss, daran erinnere ich mich nicht. Wohl aber, wie meine Geschwister und ich alles Rote der Melonenschnitze, die unsere Mutter für uns geschnitten hatte, mit den noch vorhandenen Milchzähnen von der Rinde raffelten.
Diese Erinnerung an meine längst verstorbene Mutter öffnete jüngst die Tür in die Vergangenheit und eine Welle der Nostalgie und heimatlicher Gefühle erfasste mich. Aus dem Nichts war der Wunsch geboren, meine Wurzeln zu erkunden: meinen Heimatort zu besuchen. Das einzige, was ich von meinem Vater von dem Dörflein am Tor zum Emmental wusste, war, dass die Einheimischen es nicht nach der offiziellen Schreibweise «Auswil» nennen, sondern «Ousu».
Einer glücklichen Fügung ist es zu verdanken, dass ich unlängst eine Frau kennengelernt habe, die gerne Rennvelo fährt, wie ich und dazu die Gegend wie ihre Westentasche kennt. Sie schlug vor, mich über die sanften Hügel des Emmentals zu meinem Heimatort zu lotsen. Ich würde von der Landschaft begeistert sein, versicherte sie. Zudem kenne sie die weltbeste Bäckerei, die das weltbeste Glace macht; diese liege auf der Route. Wer würde dazu schon Nein sagen? Ich nicht. Im Nachhinein hätte ich vielleicht hellhörig werden sollen, als sie von Vormittagstouren von 100 Kilometern und mehr erzählte, die sie in ihren Ferien jeweils absolviere. Das ist meilenweit weg von meinem Leistungspotenzial. Aber eben: sanfte Hügel, Heimatgefühle, eine Glace – vielleicht ein erfrischendes Wassermelonensorbet … zu verlockend.
Als wir uns trafen, machte ich ihr ein Kompliment für ihr hübsches Trikot – man ist ja galant –, worauf sie lächelnd entgegnete, dass sie überlegt habe, das Dress von der «Tortour» anzuziehen. Dazu muss man wissen: Bei der «Tortour» handelt es sich um ein Nonstop-Radrennen um die Schweiz mit etwa 1000 Kilometern Distanz, garniert mit 13 000 Höhenmetern. «Ein Teilnehmer-Trikot?», fragte ich unsicher. Ihr Lächeln gefror, sie stellte sich vor mich hin, Nasenspitze an Nasenspitze, und sagte tonlos: «Ich habe das Ding gewonnen.»
Müssig, zu erwähnen, dass die nächsten 100 Kilometer trotz viel Rücksicht, Geduld und gutem Zureden meiner Reiseleiterin zur Tortur wurden – für meine Beine. Fürs Gemüt aber war der Ritt durchs grüne Emmental unter blauem Himmel mit weissen Wattebausch-Wolken die reinste Droge. Da war auch zu verschmerzen, dass sich «Ousu», das ich mir als pittoreskes Bauerndörflein mit riesengrossen Bauernhäusern ausgemalt hatte, als eine von Neubauten dominierte Wohnsiedlung ohne viel Charme herausstellte. Und dass das Wassermelonensorbet in der Bäckerei ausverkauft war.
Christian Horisberger, stv. Chefredaktor «Volksstimme»

