Gretchenfrage: Mehr oder weniger Stau?
30.04.2026 BaselbietOrtsdurchfahrt soll für knapp 78 Millionen Franken neu gestaltet werden
Da es sich um eine Kantonsstrasse handelt, stimmt das Baselbiet am 14. Juni über die Neugestaltung der Ortsdurchfahrt Birsfelden ab. Kanton und Gemeinde sind vom Mehrwert überzeugt, das ...
Ortsdurchfahrt soll für knapp 78 Millionen Franken neu gestaltet werden
Da es sich um eine Kantonsstrasse handelt, stimmt das Baselbiet am 14. Juni über die Neugestaltung der Ortsdurchfahrt Birsfelden ab. Kanton und Gemeinde sind vom Mehrwert überzeugt, das Referendumskomitee warnt vor einer Verschlechterung der Situation.
Tobias Gfeller
Die Haupt- und Rheinfelderstrasse ist die wichtigste Verkehrsachse durch Birsfelden. Täglich verkehren hier gemäss Angaben des Kantons Baselland rund 11 000 Fahrzeuge sowie das Tram der Linie 3 der Basler Verkehrsbetriebe (BVB). Abends an den Werktagen ist Stau in Richtung Basel der Normalfall. Den Ausweichverkehr durch die Quartiere hat Birsfelden 2025 mit einem umstrittenen Durchfahrtsregime reduzieren können (siehe Frontseite).
Die kantonale Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) nutzt in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Birsfelden die sowieso notwendigen Erneuerungen der Tramgeleise, des Strassenbelags und der Werkleitungen für eine Neugestaltung der ganzen Ortsdurchfahrt. Die Tramhaltestellen müssen gemäss dem Behindertengleichstellungsgesetz ertüchtigt werden. Ein neuer Kreisel, breitere Trottoirs, mehr Platz für Velofahrende mit einem separaten Velostreifen und mehr Bäume sollen das Ortszentrum gestalterisch aufwerten. Dies sorge gerade für den Langsamverkehr für mehr Sicherheit, betont die ehemalige SP-Landrätin und Gemeinderätin Regula Meschberger als Koordinatorin des Komitees «Ja zur Neuen Ortsdurchfahrt Birsfelden». In den vergangenen zehn Jahren habe es gemäss Statistik 96 Unfälle auf dem betroffenen Perimeter gegeben. «Mit teilweise Schwerverletzten», fügt Meschberger an.
Zweifel bei den BVB
Kern und zugleich Zankapfel der Neugestaltung ist das auf einer Länge von rund 200 Metern gemeinsam genutzte Trassee für den Tram- und Autoverkehr. Durch ein «intelligentes Ampelsystem» erhält das Tram von der Endhaltestelle Birsfelden Hard her kommend bis zum neuen Kreisel in Richtung Stadt jeweils Vortritt vor dem motorisierten Individualverkehr. Anschliessend werden die Trassees geteilt. «So kann das Tram das Zentrum in der Regel flüssig und zuverlässig durchqueren», versichern die BUD und das Ja-Komitee. Es werde dadurch nicht keinen Stau mehr geben, sagt Regula Meschberger. «Durch das neue Ampelsystem wird der Verkehr gezielter gesteuert und kanalisiert.» Aktuell verkehrt das Tram durchgehend auf einem eigenen Trassee.
Dass es trotz deutlicher Zustimmung durch den Baselbieter Landrat zu einer Volksabstimmung kommt, liegt am Widerstand einer lokalen Interessengruppe aus Birsfelden. Ihr gelang es im Alleingang, die für ein Referendum nötigen Unterschriften zu sammeln. Für Komiteepräsident Roland Schacher hält das Argument, dass es im Birsfelder Zentrum weniger Stau geben wird, den Fakten nicht stand. Das viel gepriesene «intelligente Ampelsystem» werde nicht funktionieren, glaubt Schacher. «Es ist ein Trugschluss. Dadurch, dass Autos und Trams auf dem gleichen Trassee verkehren, wird es zu mehr Stau kommen.» Die Fahrpläne der Tramlinie 3 könnten aufgrund der dadurch feststeckenden Trams nicht mehr eingehalten werden. «Ich befürchte, dass die BVB das nicht lange mitmachen und auf Höhe Breite eine Tramschlaufe bauen und Birsfelden künftig nicht mehr bedienen werden.»
Die Basler Verkehrsbetriebe teilen die Sorgen des Referendumskomitees. Gegenüber der «Basler Zeitung» schrieb die Medienstelle kürzlich: «Unsere Fachleute gehen davon aus, dass es zu Verzögerungen kommen wird und die Fahrtzeit verlängert werden muss.»
Der Kanton wolle mit der neuen Ortsdurchfahrt Birsfelden zu viel, befürchtet Roland Schacher. «Man will alles durch diese Ortsdurchfahrt zwängen. Am Ende wird es nur Verlierer geben.» Schacher verneint nicht, dass die aktuelle Verkehrssituation für Birsfelden nicht gut ist. «Mit dem vorliegenden Projekt wird es aber nicht besser, im Gegenteil.» Zusammengefasst sagt der Präsident des Referendumskomitees: «Hohe Kosten ohne Mehrwert; die Ortsdurchfahrt wird gefährlicher, weil mehr auf gleicher Fläche passiert. Es wird mehr Stau geben – inklusive dem Tram. Fünf Jahre Bauzeit sind schlecht für das Gewerbe.»
Die Kosten für das Projekt betragen gemäss Bau- und Umweltschutzdirektion knapp 78 Millionen Franken. Der Bund beteiligt sich mit rund 6,7 Millionen Franken, die Gemeinde Birsfelden mit knapp einer Million Franken. Gemäss den Befürwortern würden alleine die sowieso notwendigen Erneuerungen der Tramgeleise, der Haltestellen, des Strassenbelags und der Werkleitungen rund 50 Millionen Franken kosten. Bei einer Zustimmung am 14. Juni durch die Baselbieter Stimmbevölkerung ist die Realisierung in den Jahren 2027 bis 2031 vorgesehen.

