Gämsen auf dem Vormarsch
05.03.2026 BaselbietDer Bestand dürfte in den vergangenen Jahren gewachsen sein
Die Jura-Gämsen sind in der «Volksstimme» mittlerweile so etwas wie kleine «Volksklick»- Stars. Wird einfach mehr fotografiert, oder gibt es tatsächlich mehr Gämsen im Baselbiet? Eine ...
Der Bestand dürfte in den vergangenen Jahren gewachsen sein
Die Jura-Gämsen sind in der «Volksstimme» mittlerweile so etwas wie kleine «Volksklick»- Stars. Wird einfach mehr fotografiert, oder gibt es tatsächlich mehr Gämsen im Baselbiet? Eine Auswertung deutet auf Letzteres hin.
David Thommen
Wer in den vergangenen Monaten die «Volksklicks» in der «Volksstimme» aufmerksam betrachtete oder auf «Facebook» oder «Instagram» Baselbieter Accounts verfolgte, kommt um den Eindruck nicht herum: Gämsen zeigen sich in unserem Gebiet immer häufiger – vorwitzige Exemplare auch sehr nahe am Siedlungsgebiet. Gibt es tatsächlich immer mehr Gämsen, oder wird den fotogenen Tieren einfach mehr Beachtung geschenkt?
Im Sommer 2024 veröffentlichte das Amt für Wald und Wild beider Basel die Resultate eines umfassenden Gamsmonitorings. Die verschiedenen Zählungen deuten darauf hin, dass der Bestand in den letzten Jahren tatsächlich zugenommen hat.
Im Frühling 2024 wurden sämtliche Baselbieter Jagdgesellschaften befragt. Sie schätzten den Bestand kantonsweit auf 598 Gämsen, davon 565 Tiere in den eigentlichen Gamswildräumen entlang des Jurakamms. 2020 waren es erst 456 Tiere. Besonders im Gebiet von Bretzwil/ Lauwil über Oberdorf/Langenbruck bis Eptingen/Läufelfingen zeigt sich gemäss Bericht eine deutliche Zunahme.
Solche Revierschätzungen bergen allerdings die Gefahr von Doppelzählungen, da sich Gämsen über Reviergrenzen hinweg bewegen. Deshalb wurde am 15. März 2024 zusätzlich eine koordinierte Bodenzählung durchgeführt. Zwischen 6 und 9 Uhr erfassten die Jägerinnen und Jäger 212 Gämsen innerhalb der Gamswildräume. Rund 82 Prozent der Tiere wurden im Offenland gesichtet, 18 Prozent im Wald.
Bei den Tieren mit bestimmtem Alter handelte es sich zu 22 Prozent um Kitze vom Vorjahr. Zudem wurden deutlich mehr Geissen als Böcke registriert, was ungewöhnlich wäre. Der Bericht relativiert diese Zahlen jedoch stark: Bei 18 Prozent der Tiere blieb das Alter unklar, bei rund 30 Prozent das Geschlecht. Eine einzelne Morgenzählung reiche nicht aus, um verlässliche Aussagen zur Bestandesstruktur zu machen.
Armee-Helikopter im Einsatz
Erstmals gab es im Baselbiet zusätzlich eine Zählung aus der Luft. Ein Super-Puma-Helikopter der Schweizer Armee mit Wärmebildkamera überflog am selben Morgen während knapp einer Stunde ein definiertes Gebiet in den Revieren Eptingen, Diegten-Känerkinden, Langenbruck, Läufelfingen und Waldenburg – in rund 700 bis 1200 Metern über Grund.
Dabei wurden 61 Gämsen auf Baselbieter Gebiet gezählt. Auffällig war, dass aus der Luft deutlich mehr Gämsen im Wald entdeckt wurden (57 Prozent) als vom Boden aus (18 Prozent).
Ein direkter Vergleich zeigt die Grenzen beider Methoden: Innerhalb des überflogenen Perimeters wurden auf Baselbieter Gebiet am gleichen Morgen vom Boden aus 73 Gämsen gezählt – also ein Dutzend mehr als aus der Luft. Eine verlässliche «Dunkelziffer» lasse sich daraus nicht ableiten, wie dem Bericht zu entnehmen ist.
Wie viele sind es nun?
Die Summe der Revierschätzungen (598 Tiere) liegt deutlich über der effektiv gezählten Zahl (212 Tiere). Der Bericht kommt deshalb zum Schluss, dass der tatsächliche Bestand vermutlich zwischen diesen Werten liegt. Eine vorsichtige Hochrechnung auf Basis des Verhältnisses von Wald- und Offenlandsichtungen ergibt für die untersuchten Gebiete eine Grössenordnung von rund 340 Tieren. Diese Zahl ist jedoch mit erheblichen Unsicherheiten behaftet und lässt sich nicht direkt auf den gesamten Kanton übertragen.
Ein Indiz für eine Zunahme liefert auch die Langzeitstatistik: Die Zahl der erlegten Gämsen sowie der Fallwildfunde ist in den letzten rund 20 Jahren deutlich gestiegen. Wurden 2005 noch fünf Tiere erlegt, sind es in den vergangenen Jahren meist rund 25 pro Jagdjahr. Während vor 20 Jahren kaum jemals eine Gämse dem Verkehr zum Opfer fiel, sind es heute meist etwa 5 pro Jahr.
Angesichts der vermuteten Zunahme seien in den vergangenen Jahren die Abschusspläne für die Jagd etwas erhöht worden, sagt der Baselbieter Jagdverwalter Holger Stockhaus auf Nachfrage. Nachhaltig könnten 15 bis 20 Prozent des Bestandes erlegt werden. Es seien in einigen Revieren jedoch weniger Gämsen erlegt worden, als dies zulässig gewesen wäre. Somit sei der Nachwuchs höher als der Abgang, so Stockhaus. Und der Luchs springt als «Regulator» nicht ein? Stockhaus: «Der Luchs hat zwar einen Einfluss auf die Gämse, er kann die Jagd aber nicht ersetzen.»
Trotz der Hinweise aus den Zählungen bleibt die exakte Bestandeszahl eine Annäherung. Waldgämsen sind schwer zu erfassen, und jede Methode hat ihre Grenzen. Gemeinsam mit den Kantonen Solothurn und Aargau läuft deshalb ein mehrjähriges Projekt, das die Zählmethoden verbessern soll.
Zur Ausgangsfrage, ob die Gämsen bei uns tatsächlich häufiger geworden sind: Vieles spricht dafür. Sicher ist aber auch: Ganz genau weiss man es nicht. Jedenfalls freuen wir uns auf viele weitere Gämsen- «Volksklicks».
Wie die Gämse zurückkehrte
tho. Die Gämse gilt heute als fester Bestandteil der Jurafauna – doch im Baselbiet ist sie eine vergleichsweise junge Erscheinung. Zwar belegen Knochenfunde, dass sie bereits im Mittelalter im Jura vorkamen. Später verschwanden sie jedoch. Ihre eigentliche Rückkehr begann erst vor gut 65 Jahren.
1959 und 1960 wurden im Gebiet Gerstel bei Waldenburg insgesamt 14 Gämsen ausgesetzt – vier Böcke, fünf Geissen und mehrere Jungtiere. Die Tiere stammten aus dem Berner Oberland. Die damalige Idee stiess bei Gemeinden und Naturschutzkreisen auf breite Zustimmung. Teile des Felsgebiets wurden sogar unter Schutz gestellt.
Die kleine Kolonie entwickelte sich erstaunlich rasch. Bereits Anfang der 1960er-Jahre war der Bestand auf rund 40 Tiere angewachsen, wenige Jahre später zählte man etwa 80. Schon früh wanderten einzelne Böcke ab – beobachtet wurden sie unter anderem in Bretzwil, Muttenz oder bei Trimbach. So entstanden neue Teilpopulationen im Jura. Heute profitieren die Gämsen von den felsdurchsetzten Jurahängen, Mischwäldern und Weideflächen – ein Lebensraum, der ihrem ursprünglichen Habitat ähnelt. Als geschickte Kletterer nutzen sie steile Felszüge als Rückzugsorte, suchen im Winter aber auch tiefere Lagen auf.



