«General Sutter» – vom Kaufmann zum brutalen Kolonialherrn
08.04.2026 BaselbietJohann August Sutters Aufstieg in Kalifornien beruhte auch auf Zwangsarbeit und Gewalt – so wird im neuen Bericht von Historiker Andreas Zangger beschrieben
Johann August Sutter mit Heimatgemeinde Rünenberg gilt als berühmtester Auswanderer mit Wurzeln im Baselbiet. ...
Johann August Sutters Aufstieg in Kalifornien beruhte auch auf Zwangsarbeit und Gewalt – so wird im neuen Bericht von Historiker Andreas Zangger beschrieben
Johann August Sutter mit Heimatgemeinde Rünenberg gilt als berühmtester Auswanderer mit Wurzeln im Baselbiet. Der neue Forschungsbericht zeigt jedoch erwartungsgemäss ein widersprüchliches Bild: Sein zeitweiliger Aufstieg war eng mit Zwangsarbeit und Gewalt verbunden.
vs. So wird «General Sutter» in der neuen Studie «Koloniale Vergangenheit von Baselbieter Persönlichkeiten» im Wortlaut beschrieben:
Der bekannteste Baselbieter Auswanderer ist zweifellos Johann August Sutter, oder Suter, wie sein Taufname eingetragen wurde. Dem Mythos um «General Sutter» wird im sechsten Kapitel zur medialen Präsenz des Kolonialismus im Baselbiet nachgegangen. An dieser Stelle wird nur sein Lebenslauf in Kürze nachgezeichnet.
Als Enkel eines Mitte des 18. Jahrhunderts aus Rünenberg Ausgewanderten kam er am 15. Februar in Kandern (Markgrafschaft Baden) zur Welt. Seine Mutter war Pfarrerstochter und sein Vater Vorarbeiter in einer Papiermühle. Er besuchte ein Jahr eine Privatschule im Kanton Neuenburg und trat 1819 in der Thurneysen’schen Druckerei und Verlagsbuchhandlung in Basel eine kaufmännische Lehre an.
Handel mit gestohlenen Pferden
Danach arbeitete er als Commis in Aarburg und Burgdorf. Hier heiratete er im Oktober 1826 Anna Dübold einen Tag vor der Geburt ihres ersten gemeinsamen Kindes. Im Jahr 1828 meldete er sich nicht als Freiwilliger in der bernischen Miliz, wo er als Unteroffizier diente, und gründete im selben Jahr mit der finanziellen Unterstützung von Annas Mutter eine Tuch- und Kurzwarenhandlung.
Allerdings lebte Sutter über seine Verhältnisse und geriet an schlechte Geschäftspartner – ein Muster, das sich in seinem Leben noch mehrmals wiederholen sollte. Hoch verschuldet flüchtete Sutter im Mai 1834 vor seinen Gläubigern in die USA, nach New York, und liess dabei seine Frau sowie ihre fünf gemeinsamen Kinder in der Schweiz zurück. Von New York zog Sutter nach St. Louis (Missouri), wo er sich als Händler versuchte. Er organisierte Handelskarawanen über die mexikanisch-amerikanische Grenze und war zeitweise auch in den illegalen Handel mit gestohlenen Pferden involviert. Während dieser Zeit verfiel Sutter dem Alkoholismus, eine Sucht, die ihn die nächsten drei Jahrzehnte verfolgte.
1837 eröffnete er in Westport, heute ein Quartier in Kansas City, ein Gasthaus und einen kleinen Laden. Nach anfänglichen Erfolgen geriet Sutter erneut in Schulden. Als er im folgenden Jahr deswegen eine Vorladung zum Gericht erhielt, entschied er sich, nach Kalifornien – zu diesem Zeitpunkt noch Teil Mexikos – zu flüchten.
Über den Oregon Trail, Hawaii und Alaska erreichte Sutter Anfang Juli 1839 Monterey an der Küste Kaliforniens. Dort gewann er schnell das Vertrauen des Gouverneurs und wurde von diesem zum Vertreter der Regierung und der Justiz an der nördlichen Grenze Kaliforniens ernannt, mit dem Ziel, den dort weit verbreiteten Pferdediebstahl zu unterbinden. Auch erhielt Sutter ein beachtliches Stück Land im Tal von Sacramento zur Besiedelung. Sutter holte sich die Hilfe einiger weisser Männer, die sich ihm seit seiner Flucht aus den Vereinigten Staaten angeschlossen hatten, acht Kanaka-Männer und zweier Frauen aus Hawaii, die für ihn arbeiteten, sowie einiger indigenen Kalifornie, mit denen er sich befreundet hatte, und gründete die Kolonie Neu-Helvetien. Mit diesem Namen, so Sutters Hoffnung, sollten Schweizer und deutsche Siedler angezogen werden.
Zwangsarbeit für Indigene
Wichtig für den Erfolg von Neu-Helvetien waren die mehreren Hundert oder in gewissen Jahren bis zu Tausend indigenen Arbeiterinnen und Arbeiter, die Sutter zur Arbeit zwang. Daneben beteiligte er sich am Handel mit versklavten indigenen Kalifornierinnen und Kaliforniern. Zeitgenossen beschrieben, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter wie Schweine gefüttert wurden, und der Abenteurer James Clyman bemerkte, dass Sutter diese in einem Zustand der «kompletten Sklaverei» halten würde.
Der Grossteil der versklavten Arbeiterinnen und Arbeiter waren Miwok und Nisenan, die im Tal des Sacramento lebten. Zuerst hatte er diese mit Geschenken und Essen dazu bewegt, in die Nähe von Neu-Helvetien zu ziehen. Später bot er ihnen an, für einen kleinen Lohn, der allerdings nur in seinem Laden eingelöst werden konnte, zu arbeiten. Diese Arbeit war bald nicht mehr freiwillig und Sutter schreckte nicht davor zurück, denjenigen, die sich der Arbeit verweigerten, mit körperlicher Gewalt zu drohen und sie auch zu bestrafen. Über Nacht liess Sutter die nun versklavten Arbeiterinnen und Arbeiter einschliessen, und sollte es doch einigen gelingen zu entkommen, setzte er alles daran, diese wieder zu fassen. In Kriegen gegen weiter weg lebende indigene Nationen, die Sutter mit seiner Privatarmee führte, nahm er auch Frauen und Kinder gefangen. Diese zwang er in Neu-Helvetien zur Arbeit oder er verkaufte sie. Überdies soll Sutter gemäss einem seiner engsten Angestellten, Heinrich Lienhard, in Neu-Helvetien einen «Harem» mit indigenen Frauen und Mädchen ab elf Jahren geführt haben. Lienhard beschuldigte Sutter, ein Mädchen einmal so stark misshandelt zu haben, dass es gestorben sei.
Während des Mexikanisch-Amerikanischen Kriegs (1846–1848) lag Sutters Loyalität zu Beginn bei Mexiko. Doch als sich abzeichnete, dass die mexikanische Seite unterliegen würde, positionierte sich Sutter ohne zu zögern auf der Seite Amerikas, um seine Besitzungen zu schützen. Insgesamt spielte jedoch Sutter im Kriegsgeschehen keine bedeutende Rolle.
Anfang 1848 fanden einige von Sutters Mitarbeitern beim Bau einer Mühle Gold. Die Nachricht vom Goldfund verbreitete sich schnell und löste den «California Gold Rush» aus. Dieser zog Hunderttausende von Menschen aus den restlichen Staaten der USA und der ganzen Welt an, in der Hoffnung, ihr Glück – wörtlich – zu finden. Sutter gelang es nicht vom Goldrausch direkt zu profitieren, doch angesichts der vielen neuen Zuwandererinnen und Zuwanderer, die nach Kalifornien zogen und Land benötigten, steigerte sich der Wert seiner Ländereien massiv. Mithilfe seines Sohnes Johann August Sutter Jr., der im Herbst desselben Jahres in Kalifornien ankam, verkaufte Sutter Teile seines Landes, wodurch er fast seine gesamten Schulden, die er in Missouri und Kalifornien angehäuft hatte, zurückzahlen konnte.
Während dieser Zuwanderung zogen auch viele Schweizerinnen und Schweizer nach Kalifornien. Im Jahresbericht des Amtsjahrs 1852, verfasst von Théophile de Rutté, erster Konsul der Schweiz in Kalifornien, wurden 1500 Schweizerinnen und Schweizer, von denen 27 aus dem Kanton Basel-Landschaft stammen,verzeichnet. Im nächsten Bericht sollten es gemäss dem Konsul bereits über 2500 Schweizerinnen und Schweizer gewesen sein.
Schulden und Brandstiftung
Mit dem Gewinn, den Johann August Jr. durch den Verkauf von Land gemacht hatte, bezahlte er die Überfahrt seiner Mutter und Geschwister von der Schweiz nach Kalifornien. Die Familie war Anfang 1850 zum ersten Mal seit fast 16 Jahren wieder vereint. Doch der Familiensegen im Wohlstand sollte nicht lange halten. Sutter hatte den Verkauf seines Landes nicht selbst verwaltet, sondern hatte sich mit mehreren Geschäftspartnern eingelassen, die ihn ausnutzten. Ausserdem musste Sutter in den 1850er-Jahren in einem langen und teuren Prozess die Rechtmässigkeit seines Anspruchs auf das Land, das er von der mexikanisch-kalifornischen Regierung erhalten hatte, nachweisen. Erneut begannen die Schulden zu wachsen. Sutter musste fast sein gesamtes Land verkaufen. Nachdem 1865 auch noch ein Brandstifter die Hock Farm, auf die sich Sutter und seine Frau Anna zurückgezogen hatten, in Brand steckte, stand Sutter vor dem Nichts.
Zwar erhielt er von der kalifornischen Regierung ab 1864 für zehn Jahre finanzielle Unterstützung, doch hielt ihn nichts mehr dort. So zog er zuerst für einige Jahre nach Washington D.C., in der Hoffnung, vom Kongress eine Kompensation für seine Errungenschaften für die USA zu erhalten, ehe er und Anna sich 1871 im nahegelegenen Lititz niederliessen. Am 18. Juni 1880 verstarb Sutter während eines Besuchs in Washington D.C. Ziel der Reise war es im Kongress zu lobbyieren, um Geld zu erhalten. Ein halbes Jahr später verstarb auch seine Frau Anna Sutter in Lititz.
Vom gefeierten Abenteurer zur problematischen Symbolfigur
tho. Johann August Sutter wurde in der Schweiz lange Zeit vor allem als erfolgreicher Auswanderer und als Pionier des amerikanischen Westens wahrgenommen. «General Sutter» galt als Symbol für Mut, Unternehmergeist und Aufbruch in eine neue Welt. Besonders im Baselbiet wurde seine Biografie über Jahrzehnte hinweg positiv erwähnt und teilweise verklärt.
Diese Wahrnehmung wurde durch Erzählungen, populäre Darstellungen und lokale Erinnerungskultur geprägt. Sutter erschien darin als tatkräftiger Gründer von Neu-Helvetien und als zentrale Figur im Umfeld des Goldrauschs in Kalifornien. Dass der Goldfund auf seinem Land stattfand, verstärkte diesen Mythos zusätzlich. Vorab die kritische Neubewertung von Sutters Leben war ein wichtiger Anlass für die im Auftrag von Regierung und Landrat des Kantons Baselland erarbeitete Studie von Andreas Zangger. Erst in jüngerer Zeit hat sich das Bild deutlich verändert. Neue historische Forschungen – nicht zuletzt durch Historikerin Rachel Huber – rücken auch problematische Aspekte seines Handelns ins Blickfeld. Dazu gehören insbesondere der Einsatz von Zwangsarbeit, die Beteiligung am Handel mit indigenen Menschen sowie Gewalt gegenüber der lokalen Bevölkerung. Diese veränderte Sicht zeigt sich auch im öffentlichen Raum. So wurde das Sutter-Denkmal in Rünenberg mit einer erklärenden Tafeln ergänzt. In den USA wurde zudem eine Statue Sutters in Sacramento im Zuge einer kritischen Auseinandersetzung mit historischen Figuren entfernt.
Heute steht Sutter exemplarisch für eine breitere Auseinandersetzung mit der kolonialen Verflechtung von Personen aus der Schweiz. Seine Geschichte zeigt, wie eng Erfolg, Gewalt und Scheitern miteinander verbunden sein konnten – und wie sich historische Bilder im Lauf der Zeit verändern.


