Gehirn, Internet und Weisheit
18.06.2026 BaselbietDen Begriff der Weisheit, den ich im Titel verwende, möchte ich etwas mehr umschreiben. Er hat mit dem Verständnis von Zusammenhängen in der Natur, im Leben und in der Gesellschaft zu tun, mit dem Ziel, daraus schlüssige Antworten bei Herausforderungen und Problemen zu finden. ...
Den Begriff der Weisheit, den ich im Titel verwende, möchte ich etwas mehr umschreiben. Er hat mit dem Verständnis von Zusammenhängen in der Natur, im Leben und in der Gesellschaft zu tun, mit dem Ziel, daraus schlüssige Antworten bei Herausforderungen und Problemen zu finden. Irgendwie bewegt man sich dabei zwischen Rationalität und Intuition, zwischen Wissen und Glauben, zwischen Erfahrung und Instinkt.
Das Gehirn verbindet Sinneseindrücke, Erfahrungen und Umweltreize zu einer Form von Vernunft. Diese hilft uns, Bedrohungen zu erkennen und das eigene Überleben zu sichern. Auch andere Lebewesen zeigen solche Reaktionsweisen, selbst Organismen ohne Gehirn oder Bewusstsein sind in der Lage, ihre Weiterexistenz zu sichern.
Wenn aber selbst Bakterien, Pilze und Insekten äusserst gut darin sind, zu überleben und bei Bedrohungen ihr Verhalten zu ändern, so reden wir bei ihnen von vererbten oder angepassten Verhaltensweisen und bewundern ihre kreative Vielfalt. Wie finden wir Menschen uns in einer zunehmend komplexeren und sich ständig ändernden Umwelt zurecht?
Auslagerung des Wissens
Problematisch ist, dass wir unser Wissen zunehmend ausgelagert haben. Früher wurde Wissen in der Geschichtsschreibung, in Lexika, in Bibliotheken, in Lehrbüchern und in Geschichten, Romanen und Literatur festgehalten. Heute suchen wir unser Wissen mehrheitlich im Internet, brauchen dazu eine elektronische Verbindung oder einen Anschluss an eine Datenbank.
Unsere Fähigkeit besteht dann darin, zu wissen, wie und wo man sicher an verlässliche Daten herankommt. Es wird zum sogenannten Navigationswissen. Wer ist der Besitzer dieser Daten, wie wurden sie erhoben und wer besitzt die Datenhoheit dieser grossen Sprachmodelle, die eine allgemeine Künstliche Intelligenz versprechen, welche die menschliche Intelligenz übertreffen soll? Bereits werden Prozesse in der Produktion automatisiert und optimiert und damit menschliche Arbeit ersetzt. Künstliche Intelligenz kann medizinische Diagnosen verbessern, Forschung beschleunigen und Routinearbeiten erleichtern.
Gerade deshalb ist die Frage wichtig, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sie eingesetzt wird. Unangenehm ist die Tatsache, dass der Mensch dabei zunehmend entbehrlich wird. Für Unternehmen, aber auch für Regierungen wird er zu einem zu kostspieligen Mitglied der Gesellschaft abgewertet. Findet er aber keinen Ersatz für seine Arbeit, dann fällt er als Steuerzahler aus und muss irgendwie von der Gemeinschaft unterstützt werden. Er sieht für sich keinen Sinn mehr und hat auch keine Erfolgserlebnisse.
Wie diese grossen Sprachmodelle in Zukunft finanziert werden sollen und wie der vermessene Energiebedarf für deren Unterhalt geleistet werden soll oder wie die Umweltbelastungen sich auswirken werden, ist meiner Ansicht nach nirgends glaubwürdig gelöst. Genügen Versprechungen für eine goldene Zukunft, welche die Börsenkurse in schwindelerregende Höhe treiben und vorläufig Geld für die Entwicklung ansammeln, auch weiterhin?
Werbung und Abonnements werden die notwendigen Unsummen kaum genügend generieren können. Vorläufig geht es um Geld und Macht in gegenseitiger Konkurrenz der Akteure, ohne dass der Nutzer ein Mitspracherecht hat oder ihm Einsicht in die Struktur der komplex agierenden Modelle gewährt wird. Wieso vertrauen wir diesen Chatbots?
Das liegt vermutlich weniger an ihnen als an uns, auch im guten Sinn. Menschen sind extrem soziale Wesen, die überall Absichten, Handlungen oder bewusst handelnde Personen wahrnehmen. Entwicklungsgeschichtlich half es uns einmal, rasch genug einen Feind, ein Raubtier oder einen Fremden zu entdecken, bevor es zu spät war. Weil so viel menschliches Wissen in diesen Sprachmodellen steckt, werden sie als menschlich erlebt.
Es entstehen Gefühle der Zuneigung. Man glaubt ihnen, dass sie menschliche Fähigkeiten übertreffen werden und fähig sein sollen, sich selbstständig zu verbessern, um dann den Menschen zunehmend zu ersetzen. Der Glaube an die grossartige Zukunft der internetbasierten Verbesserungen der Arbeitsprozesse und der Vereinfachung von Abläufen ist allgegenwärtig.
Dass dabei die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer schwindet, weil sie ersetzt werden, ist den meisten nicht klar. Wenn eine Firma für sich entscheidet, an diesem Wettlauf teilzunehmen, sind die Arbeitnehmer nicht einbezogen. Auch der Staat wird nicht mehr ins Gesundheitswesen oder in die Kinderbetreuung investieren, er fördert allgemein nicht die Menschen, sondern lässt sie schliesslich auch für Information selbst bezahlen.
Man meint, man müsse keine Investitionen in das Grossziehen von Menschen investieren, die allgemeine Künstliche Intelligenz schaffe das ebenso gut und rascher. Es zeigt sich jedoch bereits, dass Bildung als Voraussetzung im Umgang mit Künstlicher Intelligenz immer wichtiger wird. Die rasche Transformation, die unserer Gesellschaft droht, erzeugt aber auch Unbehagen und Angst.
KI ist ein Produkt
Wir vergessen, dass die Künstliche Intelligenz ein Produkt ist und nicht eine Person, so wie sie zurzeit angepriesen wird oder wie wir sie empfinden. Wenn die Weisheit darin besteht, sich dies zu vergegenwärtigen, dann besteht für ein Produkt bereits eine Produktehaftung mit Haftungsvorschriften. Dabei müssten Massnahmen für die öffentliche Sicherheit definiert sein, es müsste ein Schutz für sogenannte «Whistleblower» bestehen, die Einsicht in die Gefahren der Entwicklung melden dürfen, ohne ihre Arbeit zu verlieren.
Da die Künstliche Intelligenz keine Person ist, hat sie auch kein Recht auf freie Meinungsäusserung. Als Produkt ist sie verpflichtet, Verbraucherschutz-Standards zu erfüllen, Sorgfaltspflichten und Haftung müssen definiert sein, denn auch die Gesellschaft soll gegen Entmenschlichung durch Technologie vorgehen können. Steigen wegen diesen noch nicht bestätigten Versprechungen die Strompreise oder wächst mit ihnen die Umweltbelastung, so soll man sich wehren können.
Viele Studien diskutieren den Zusammenhang zwischen digitalem Medienkonsum, sozialem Druck und psychischen Belastungen bei Jugendlichen (aber auch bei Erwachsenen). Deshalb gibt es zunehmend Länder und Staaten oder sogar Kontinente wie Australien, die den Jugendschutz ernst nehmen und Soziale Medien bis zu einem gewissen Alter verbieten.
Die Künstliche Intelligenz sollte nicht zu einer menschenfeindlichen Zukunft führen. Wenn alle Senior-Chirurgen oder Senior-Anwälte oder Handwerker ersetzt werden, wer bildet später erfahrene Chirurgen und Anwälte oder Handwerker aus? Es wäre eine weise Entscheidung, die menschlichen Folgen und Gefahren durch den unkontrollierten und ungehinderten Gebrauch der Künstlichen Intelligenz zu überdenken. Lassen wir diese Entwicklung zu, sind wir in Zukunft selbst das Produkt und ohnmächtig, uns dagegen zu wehren.

