Geföhnt und fi xiert
04.06.2026 BaselbietWie Jürg Biland Bart-Weltmeister wurde
Schnauz und Bart brachten Jürg Biland jede Menge Aufmerksamkeit, Titel wie Schweizermeister, Europameister und Weltmeister – und einen bösen Brief. Begonnen hatte alles im Alter von 15 Jahren und mit Fotos seiner beiden ...
Wie Jürg Biland Bart-Weltmeister wurde
Schnauz und Bart brachten Jürg Biland jede Menge Aufmerksamkeit, Titel wie Schweizermeister, Europameister und Weltmeister – und einen bösen Brief. Begonnen hatte alles im Alter von 15 Jahren und mit Fotos seiner beiden Grossväter.
Brigitte Keller
Als die ersten Haare im Gesicht von Jürg Biland, geboren 1954, zu spriessen begannen, war er gerade 15 Jahre alt. Schon bald erklärte er seinem Umfeld, dass er sich so einen Schnauz wachsen lassen wolle, wie ihn seine Grossväter auf alten Porträtfotos trugen. So einer würde bei ihm nie spriessen, hätte man ihm damals prophezeit. Bei der Erinnerung daran lacht Jürg Biland. Sein Ehrgeiz war geweckt. «‹Wartet nur›, sagte ich dann – und am Schluss war ich Weltmeister!»
Der angehende Metzger liess seinen Schnauz also wachsen und am Tag seiner Hochzeit mit 29 Jahren mass das Prachtsstück bereits stolze 31 Zentimeter. Zehn Jahre später machte ihn ein Kunde in der Metzgerei darauf aufmerksam, dass die Zeitschrift «Nebelspalter» den originellsten Schweizer Schnauz suche und Biland sich unbedingt melden sollte. Der Gipf-Oberfricker liess sich nicht zweimal bitten – und holte den Titel.
Der Bart wuchs, ebenso der Ehrgeiz des Trägers. 1995 nahm er erstmals an der Schweizer Meisterschaft der Bartträger teil und holte auf Anhieb den Sieg. Der Meistertitel wirkte auf ihn wie auf einen Sportler: Ein Ziel erreicht, also wird das nächste angepeilt. Auch die Aussenwirkung blieb nicht unentdeckt, erste Medienschaffende klopften an. «Das ist etwas, das du bei einem Mann verkaufen kannst», erklärt Biland mit einem Schmunzeln.
Anderthalb Meter Bart
Von da an war es um ihn geschehen und Biland pilgerte von Meisterschaft zu Meisterschaft. Wieder war es ein Foto, das ihn zu noch höheren Zielen antrieb. Auf dem Foto war ein amerikanischer Taxifahrer abgebildet mit einem fast einen Meter langen Blickfang im Gesicht. «Was der kann, kann ich auch», sagte sich der Fricktaler nach der Lektüre, wobei sich Biland auf die Länge des Barts konzentrierte und nicht auf die gut dotierte Hollywoodkarriere, die dem amerikanischen Bartträger laut dem Zeitungsartikel winkte.
Er sollte nicht nur Recht behalten, er übertraf die Länge sogar noch um einen Drittel. Exakt 1,47 Meter mass sein Prachtstück, das ihm 2003 den Weltmeistertitel im amerikanischen Carson City einbrachte. Die Jury bestand, wie Biland erzählt, aus. Leuten aus der «Haarbranche», bekannten Grössen aus Sport und Showbusiness, der aktuellen Miss Nevada und gar dem amtierenden Gouverneur von Nevada.
Ab da trafen regelmässig Medienanfragen beim Fricktaler ein. Im «Blick» und in der «Schweizer Illustrierten» war er ab da immer wieder einmal ein Thema. Alle hätten auch immer wissen wollen, wie es ist, einen solchen Bart zu tragen und was es an Pflege bräuchte. Jeden Abend müsse der Bart ausgewaschen werden, erklärt Biland, ebenso am Morgen, da er regelrecht zerzaust sei. Nachts eine Bartbinde zu tragen habe nichts gebracht, die sei immer verrutscht.
Nach dem Waschen am Morgen folgt das Föhnen. Und mithilfe von Haarspray wird der Gesichtsschmuck in Form gebracht. 30 bis 45 Minuten stand er dafür am Morgen jeweils vor dem Spiegel, vor Wettkämpfen bis zu anderthalb Stunden. «Ich hatte in jener Zeit auch immer mindestens einen Reiseföhn und ausreichend Haarspray bei mir», erzählt Biland, «und wann immer ich an einem Spiegel vorbeikam, prüfte ich mein Gesamtbild.» Für die Tätigkeit als Chef in der familieneigenen Metzgerei band er den Bart selbstverständlich jeweils hygienisch zusammen.
Bei Fernseh-Talker «Aeschbi»
«Und was machen Sie jetzt mit dem Bart?» Diese Frage bekam der Rekordbartträger immer wieder zu hören – auch 2007, als es Biland und weitere 19 Bartträger mit einer Gesamt-Bartlänge von 19,05 Metern ins «Guinness-Buch der Weltrekorde» schafften. Damals klopften das Schweizer Fernsehen und mit ihm Kurt Aeschbacher beim Aargauer an. Als Biland sagte, er würde den Bart bald einmal abschneiden, versuchten die Fernsehleute, ihn zu überreden, den Bart live in der Talksendung «Aeschbacher» abzurasieren. Dazu kam es nicht, aber einen Auftritt in der Sendung hatte Biland trotzdem.
Drei Bundesordner füllen Jürg Bilands Diplome, Auszeichnungen und Medienberichte mittlerweile. Auch in der österreichischen Talksendung «Vera» mit Vera Russwurm war er eingeladen, und er spielte als Statist in einer Parodie von «Herr der Ringe» mit. In einem der Ordner ist auch ein «einzigartiger» Brief abgelegt. Eine Frau richtete geharnischte Worte an ihn: «Herr Biland, ich habe Sie in ‹Hopp de Bäse› gesehen mit dem elenden Schnauz …» Nach Meinung der Frau sollten Männern wie ihm nicht nur der Bart, sondern gleich der ganze «Grind» abgeschnitten werden. Und wie hat Empfänger Biland darauf reagiert? «Ich habe ihre Adresse herausgesucht und ihr eine Autogrammkarte zukommen lassen.»
Den weltmeisterlichen Bart abgeschnitten hat er dann am 1. Januar 2010. «Es wurde mir zu mühsam, einen so langen Bart zu haben. Die Pflege war mir zu aufwendig.» Biland hatte seinen Bart immer ohne fremde Hilfe in Form gebracht, auch an den Meisterschaften. «Man stösst auch immer irgendwo an oder die Leute verdrehen die Augen, wenn sie einem auf der Strasse begegnen.» Autofahren war ja ebenfalls nicht möglich damit und erst recht keine Besuche von Anlässen mit vielen Menschen und Gedränge.
Ohne geht gar nicht
Als der Bart dann tatsächlich «ratzeputz» ab war, erschreckte sich als Erste seine Frau Erika, als sie dem «fremden Mann» im Kühlraum der Metzgerei begegnete. «Und meine zwei Söhne sprachen drei Tage kein Wort mehr mit mir.» So konnte es nicht bleiben, das fand auch er nach zwei Monaten Glattrasur. Jürg Biland liess wieder Haare im Gesicht wachsen. Seither trägt er einen Bart des Typs «Musketier». So heisst auch die Kategorie bei den Bartmeisterschaften, in der Biland fortan startete. Dass er weitere Podestplätze in dieser Kategorie geholt hat, erklärt sich von selbst.
Jürg Bilands Frau Erika, die vor sieben Jahren viel zu früh verstorben ist, war ebenfalls sehr ambitioniert und dazu noch äusserst sportlich gewesen. Sie lief sieben Marathons und bestieg alle Viertausender der Schweiz. Sie arbeitete auch immer an der Seite ihres Mannes im familieneigenen Metzgereibetrieb und stand hinter dem zeitaufwendigen «haarigen» Hobby ihres Mannes.
Von Münzen bis zum Oldtimer
Und dann hat Biland ja noch eine weitere Leidenschaft: das Sammeln. Angefangen hat das schon in der Kindheit. Er suchte abends in der Ladenkasse des elterlichen Geschäfts nach alten Münzen. Mit dem Verkaufserlös kaufte er sich das erste alte Velo, später folgten Töffs und schliesslich Autos. «Was ich sammle, sind Fahrzeuge, die vor dem Zweiten Weltkrieg hergestellt wurden.» Ein besonderes Prunkstück ist ein Gespann aus einem Auto und einem Wohnwagen, beides aus England und mit Jahrgang 1925. Auch die Sammlung an Oldtimer-Trouvaillen ist mittlerweile weltmeisterlich. In den Räumlichkeiten, wo die alten Schätze schön ordentlich aufgereiht sind, empfängt er auf Nachfrage ab und zu auch Gruppen, zur Hauptsache ebenfalls Leute, die alte Dinge schätzen und sammeln.
Der 72-Jährige, der auch noch regelmässig in der Metzgerei, die von seinem Sohn weiterbetrieben wird, aushilft und seine Oldtimer am Laufen hält, hat sich selbstverständlich auch wieder zusammen mit anderen Bartträgern aus dem Kreis der «Schnauz- und Bartfreunde Schweiz» für kommende internationale Meisterschaften angemeldet. «Solange ich gesund bleibe, werde ich weitermachen.»


