Gedankenspiele vom Geschichtenerfinder
22.10.2026 Baselbiet«Tunnelgeschichten» aus 55 Jahren von Aernschd Born
Der Autor von Mundartkolumnen in der «Volksstimme» (siehe Seite 16) ist ein unermüdlicher Kreativkopf. Sein jüngster Streich ist ein illustriertes Buch mit Texten im Kurzformat, die anregen, amüsieren ...
«Tunnelgeschichten» aus 55 Jahren von Aernschd Born
Der Autor von Mundartkolumnen in der «Volksstimme» (siehe Seite 16) ist ein unermüdlicher Kreativkopf. Sein jüngster Streich ist ein illustriertes Buch mit Texten im Kurzformat, die anregen, amüsieren und einen auf andere Gedanken bringen.
Anna Wegelin
Der Tunnel hat einen Anfang und ein Ende. Drinnen ist es dunkel, und am Ende des Tunnels ist wieder das Licht. Mit dem Tunnel hat Aernschd Born, der seit vier Jahren Kolumnen für die «Volksstimme» verfasst, ein treffendes Leitmotiv gewählt für seine 126 «Kurzund Kürzestgeschichten», wie ein Blick in das soeben erschienene Werk zeigt.
Die «Tunnelgeschichten» umfassen 55 Jahre seines künstlerisch-kreativen Schaffens. Die frühsten Texte entstanden im Jahr 1971, als der junge Born als frisch ausgebildeter Reproduktionsfotograf von daheim auszieht, um eine Zeit lang in Mailand (Italien) zu arbeiten. Wenige Jahre später singt und spielt er Lieder gegen die Atomkraft. Gemeinsam mit Tausenden besorgter Bürgerinnen und Bürger bekundet er auf friedliche Weise das grosse Unbehagen gegen die Kernenergie und wird über die Region hinaus bekannt – bis zum heutigen Tag.
Rund ein Drittel der Texte im Buch stammen aus diesem Jahr: Aernschd Born, 77 und geschwächt durch Parkinson und Long Covid, sprüht vor künstlerischem Antrieb wie eh und je. «Ich lebe von der Kreativität, sie ist meine DNA», erzählt der Autor, den die «Volksstimme» wenige Tage vor der Buchvernissage bei ihm zu Hause in Reinach besucht.
Die «Tunnelgeschichten» sind mit einem wertschätzenden Vorwort von Autor Bänz Friedli versehen, werden aufgelockert mit den schwungvollen Illustrationen von Domo Löw und wurden umsichtig lektoriert durch Markus B. Christ (Sissach). Den Rahmen bilden zwei Kurzgeschichten, verfasst mit 55 Jahren Abstand zwischen 1971 und 2026. Sie spielen beide im Eisenbahntunnel, und ein Mann im Spiegel ist der Kunstgriff. «Das finde ich sehr gelungen», freut sich Aernschd Born.
Witzig, schräg, grotesk
Ohne die kurzen und knackigen Geschichten über einen Kamm scheren und einordnen zu wollen, lässt sich zusammenfassend sagen: Sie sind witzig und skurril, menschenfreundlich und gesellschaftskritisch, ironisch und schräg – und manchmal auch bissig und grotesk.
Sie beginnen mit «Es war einmal», einem neugierig machenden Satz («Das Mädchen blies stundenlang Seifenblasen in die Luft.») oder werfen die Leserin oder den Leser ins kalte Wasser beziehungsweise in eine reale, fantasievolle oder zwischendurch auch bedrohliche Situation. Viele Eindrücke in einem Buch.
Warum erzählt uns Aernschd Born diese Geschichten? Will der Baselbieter Autor uns wachrütteln und zum (Nach-)Denken anregen?
«Eher zum Spielen», meint er, «zum Gedankenspiel. Es ist der Leser oder die Leserin, welche die Geschichte fertig machen», erklärt Born. Tatsächlich macht auch die Autorin dieses Zeitungsartikels die Erfahrung, dass die Geschichten im vorliegenden Buch nicht auf dem Silbertablett serviert werden. Es empfiehlt sich vielmehr, zum Beispiel jeden Abend einen Text als «Bettmümpfeli» zu lesen, in Borns eigenen Worten ein «Praliné» aus der Eigenkreation und häufig mit einer überraschenden Geschmacksnote versehen.
Wir reden über viele weitere Themen an diesem verregneten Nachmittag in der warmen Stube von Aernschd Born und seiner Frau Barbara Preusler, mit der er nicht nur in Liebe verbunden ist, sondern auch künstlerisch seit Jahrzehnten ein Duo bildet. Es geht um grundsätzliche Dinge: Wie Born damit klarkommt, dass er aus gesundheitlichen Gründen keine Live-Auftritte als Musiker und Wortkünstler mehr bestreiten kann. Dass Ludwig van Beethoven, John Coltrane und John Lennon sein «musikalisches Dreigestirn» seien. Warum die «Schnitzelbängg» es ihm angetan haben. Dass die Welt seiner Jugend einfacher gewesen sei (gut und böse, wir und die anderen) und er sich grosse Sorgen mache um die atomare Aufrüstung, Diktatoren, das Erstarken der Rechten, den Klimawandel und die Kriege und Konflikte im Nahen Osten, in Sudan und in der Ukraine.
Leeres Buch als Geschenk
Nach diesem umfangreichen Austausch sind wir durchaus etwas überrascht, dass Aernschd Born wenig anfangen kann mit Fragen zu seiner Vergangenheit: «Darüber habe ich mir noch nicht viele Gedanken gemacht», meint er dazu.
Aber dann erzählt er doch, dass ihm sein Vater als Kind einmal ein Buch voller leerer Blätter schenkte, in das der kleine Ernst seine ersten Verse hineingekritzelt hatte; dass seine Mutter im Geheimen Zweizeiler dichtete und dass sie einmal als Familie während fünf Tagen von Basel nach La-Chaux-de-Fonds wanderten und der Vater der Familie auf dem Weg die ganze Schweizer Geschichte erzählte – vom Rütlischwur bis zum Zweiten Weltkrieg.
Aber eben, er blicke eigentlich nicht zurück, so Born: «Die Gegenwart ist viel spannender, da kann ich etwas machen und verändern.» Er habe «mindestens fünf Leben gelebt in seinem bisherigen Leben, die sehr unterschiedlich gewesen seien, erzählt der vielseitig Begabte gegen Ende unseres Gesprächs.
Der Liedermacher, der Punk-Rock-Jazz-Musiker oder der Vater. All das und mehr sei er, so Aernschd Born. Und schliesst mit fast schon philosophischen Worten ab: «Als Kind wollte ich Erfinder werden, jetzt erfinde ich Geschichten.»
Vernissage «Tunnelgeschichten»: Sonntag, 25. Oktober, 11 Uhr, Reinach. Mit Vorleser Renato Salvi und den Musikern Jan Herzog, Robi Schweizer, Roland Fischer. Um Anmeldung per E-Mail an kulturduo@gmail.com wird gebeten.


