Gebete um Regen
18.09.2026 PersönlichÜbermorgen ist Dank-, Buss- und Bettag. Seit 1832 ist er von Bund und Kantonen verordnet. Damals waren wir ein christliches Land, die «gute, alte Schweiz» – wir hatten jedoch noch kaum (Freiheits-)Rechte, um etwa über unsere Konfession zu bestimmen.
Sie erinnern ...
Übermorgen ist Dank-, Buss- und Bettag. Seit 1832 ist er von Bund und Kantonen verordnet. Damals waren wir ein christliches Land, die «gute, alte Schweiz» – wir hatten jedoch noch kaum (Freiheits-)Rechte, um etwa über unsere Konfession zu bestimmen.
Sie erinnern sich? Anfang Juli habe ich meine Kolumne als vorgezogene 1.-August-Rede gestaltet – über die erste Hitzewelle. Ein Vierteljahr ist vergangen – meine rhetorische Bemerkung, ob es noch zwei, drei Hitzewellen in diesem Sommer braucht, damit der kollektive Fünfer fällt, hat sich – zu meinem Erschrecken – erfüllt. Drei Monate lang hat unser Land geächzt und unser Baselbiet keinen Regen bekommen.
Auf Baustellen blieb das Arbeiten eingeschränkt. Landwirte durften nicht wässern. Das Land wurde zur Savanne. Vieh musste Notquartiere in den Alpen beziehen, damit es nicht verdurstet und verhungert. Aus Bächen wurden Wadis, wie man in Afrika sagt. Unsere Kinder brutzelten nach den Sommerferien weiterhin in schlecht isolierten Schulhäusern. Dass Gesundheitsdirektion und Schulärzte sie nicht um 12 Uhr heimgeschickt haben, erstaunt mich.
Mehrfach wurde ich darauf angesprochen, ob man sich in der Kirche nicht, wie im Süden üblich, regelmässig zum Gebet um Regen versammeln möchte. Die ernst gemeinte Frage hat mich ratlos gemacht. Klar kenne ich das stille Gebet um Bewahrung der Schöpfung, und ebenso taucht die Bitte um Regen und Entlastung von der Trockenheit aktuell in sonntäglichen Fürbitten im ganzen Land auf. Aber separate Gebetsfeiern um Regen?
Der Sonntag als Bettag bietet die Gelegenheit, uns unsere eigenen Gedanken zu machen. Und Gott um Regen-Segen, um Weg-Weisung und Hilfe zu bitten, egal ob wir unseren persönlichen Gott als Christus oder anderswie bekennen. Allerdings gehört vor die Bitte laut Regierung die Busse, wie es der Name des Tages korrekt listet: Vor 45 Jahren haben wir im Gymnasium von unseren Lehrerinnen und Lehrern gehört, dass das Klima sich bald und schnell wandeln wird – und man müsse sich bis im Jahr 2000 darauf vorbereiten. Global, national, regional – und mir persönlich war alles andere wichtig.
Die sogenannt «Grünen», die damals entstanden sind und die mit der Wissenschaft seither das Thema präsent halten, wurden als linke, lebensstilvermiesende und realitätsferne Freaks belächelt und meist ignoriert. Fast 100 Tage lang hat Europa geschwitzt – und viele haben wohl inzwischen innerlich Busse geleistet. Wenn Gott uns Gutes tun will, benötigt er nicht nur das Vertrauen, Zutrauen und den guten Willen von uns Menschen, sondern auch unsere Kooperation. Seine Hände sind unsere. Seine Füsse sind unsere.
Es gilt, Lebensstil und Prioritäten ehrlich zu analysieren und das Richtige und Notwendige zu tun, damit wir und unsere Kinder und Enkel mit veränderten Bedingungen des Sommers klarkommen: als mündige, gebildete und freie Menschen, eigenverantwortlich und zum ureigensten Wohl. Technik, Fortschritt und hoffentlich die Politik unterstützen uns dabei.
Matthias Plattner wurde 1962 geboren und ist Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Sissach-Wintersingen.

