Gartenmelde ist gerüstet für Hitze und Dürre
13.10.2026 BaselbietÜber Samen, die sofort keimen – und solche, die sehr lange warten
Manche Pflanzen bilden an ein und demselben Blütenstand unterschiedliche Samen. Der Fachbegriff für dieses Phänomen heisst Heterokarpie. Diese Samen haben unterschiedliche Eigenschaften, und das ...
Über Samen, die sofort keimen – und solche, die sehr lange warten
Manche Pflanzen bilden an ein und demselben Blütenstand unterschiedliche Samen. Der Fachbegriff für dieses Phänomen heisst Heterokarpie. Diese Samen haben unterschiedliche Eigenschaften, und das hilft den Pflanzen dabei, Klimaextreme zu überstehen.
Heinz Döbeli
Das Jahr 2026 gilt als das heisseste und als eines der trockensten Jahre seit Messbeginn 1864. Nicht nur Menschen haben gelitten, sondern auch die Pflanzen. Die Szenarien der Klimawissenschaftler sind eingetroffen und ihre Prognosen, dass weitere heisse und trockene Sommer auftreten werden, sind glaubwürdig.
Viele Pflanzen werden das zu erwartende Klima nicht überleben. Sowohl die Landwirtschaft als auch private Gärten müssen sich anpassen. Landwirte experimentieren mit Linsen, Lein, Ackerbohnen und Kichererbsen. Auch in Gärten müssen Lösungen gefunden werden.
Die Gartenmelde ist eine Alternative. Diese Pflanze heisst auch «Alter Spinat von Monthey» oder wissenschaftlich Atriplex hortensis und war in vielen Gärten anzutreffen, bevor sie vom echten Spinat (Spinacia oleracea) verdrängt wurde. Der echte Spinat verträgt die Hitze schlecht, er beginnt zu schiessen und die Blätter werden bitter. Die Gartenmelde verträgt sowohl Frost als auch Hitze.
Alte Nutzpflanzen
Die Stiftung Pro Specie Rara hat zum Zweck, alte Nutzpflanzen zu erhalten. Freiwillige bauen diese Pflanzen in ihren Gärten an und geben die Samen kostenlos an Gönner dieser Stiftung weiter. So entsteht ein Netzwerk an Gärten, in denen diese Pflanzen von Jahr zu Jahr angebaut werden. Der Vorteil gegenüber Samenbanken ist, dass sich die Pflanzen laufend an Klimaveränderungen anpassen.
Ich bin Sortenbetreuer für die Grüne Gartenmelde. Beim Überreichen der Samen (mit Erntejahr 2016) wurde ich darauf hingewiesen, dass man zwei Typen von Samen findet, wenn man diese aus den Valven (Hüllblättern) herausschält: grosse beige und kleine schwarze. Sie hätten etwas zu tun mit unterschiedlicher Keimfähigkeit.
Das wollte ich genau wissen. Ab 2019 begann ich, die Keimfähigkeiten grosser und kleiner Samen zu vergleichen. Jedes Jahr kam ein weiterer Jahrgang dazu. Am Schluss, also 2026, hatte ich 1065 grosse und 1080 kleine Samen aus ihren Valven geklaubt, sortiert und analysiert.
Dabei zeigte sich, dass grosse Samen in den ersten Jahren besser keimten als kleine, aber nach fünf Jahren ihre Keimfähigkeit vollständig einbüssten. Im Gegensatz dazu keimten kleine Samen im ersten Jahr weniger gut, erreichten aber nach sechs Jahren ein Maximum. Nach zehn Jahren waren sie immer noch keimfähig.
Dieses Phänomen wird in der Botanik als Heterokarpie (Verschiedenfrüchtigkeit) bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine Überlebensstrategie. Kleine Samen ruhen über Jahre im Boden. Das mindert das Risiko des Scheiterns in einer unvorhersehbaren Umwelt. Und unvorhersehbar ist unser Klima zurzeit.
Geeignet für faule Gärtner
Die Gartenmelde ist sehr einfach im Anbau, und sie steckt sowohl Frost als auch Hitze und Dürre problemlos weg. Diese Pflanze ist geeignet für faule Gärtner (wie ich einer bin). Sie ist ähnlich keimfreudig und wüchsig wie Unkraut und setzt sich gegen dieses meist erfolgreich durch. Wenn sie einmal im Garten angesiedelt ist, muss diese Pflanze gar nicht mehr angebaut werden, sie kommt von selbst.
In der Küche kann Gartenmelde ähnlich verwendet werden wie echter Spinat. Ein Vorteil der Gartenmelde ist der viel niedrigere Gehalt an Oxalsäure. Dieser Unterschied ist wichtig für Menschen, die zu Nierensteinen neigen.

