Fünf Seen und eine Selbstüberschätzung
01.09.2026 PersönlichIch weiss nicht, was ich mir unter einer «mittelschweren Wanderung» vorgestellt hatte. Vielleicht etwas im Sinne von: «Es geht schon ordentlich bergauf, aber zwischendurch bleibt noch genügend Luft, um sich über die schöne Aussicht zu unterhalten.» Nicht: ...
Ich weiss nicht, was ich mir unter einer «mittelschweren Wanderung» vorgestellt hatte. Vielleicht etwas im Sinne von: «Es geht schon ordentlich bergauf, aber zwischendurch bleibt noch genügend Luft, um sich über die schöne Aussicht zu unterhalten.» Nicht: «Ich krieche mit zehn Kilogramm Gepäck beinahe auf allen vieren einen Berg hoch und verfluche dabei meinen Rucksack.»
Aber von vorne: Mit warmer Kleidung, Schlafsack, «Isomätteli» und genügend Essen und Trinken für zwei Tage zog es meine Kollegin und mich in den Kanton St. Gallen. Mit der Gondel ging es von Wangs nach Furt, danach über Gaffia hinauf zur Pizolhütte auf gut 2200 Metern. Dort empfingen uns Nebel, Wind und eine Kälte, die wenig mit dem Hochsommer im Tal zu tun hatte. Wolken zogen wie Wasser über die Bergflanken. Innerhalb von fünf Minuten konnte die Aussicht komplett verschwinden – und genauso schnell wieder auftauchen.
Die 5-Seen-Wanderung ist rund elf Kilometer lang und führt über gut 550 Höhenmeter hinauf und 900 wieder hinunter. «Mittelschwer», heisst es. Als Wanderamateurinnen hatten wir durchaus mit Anstrengung gerechnet. Dass wir stellenweise über Geröll so steil hinaufsteigen würden, dass auch die Hände zum Einsatz kamen, eher weniger. Entsprechend häufig sass ich mit rotem Kopf am Wegrand, streifte meinen Rucksack ab und schimpfte. Währenddessen zogen Senioren munter an uns vorbei. Teilweise lächelnd. Manche grüssten freundlich. Ich beneidete sie. Wobei diese Strecke bei ihnen vermutlich zum täglichen Spaziergang gehört. Das zumindest war ein Trost.
Oben wartete dafür der Wildsee. Türkisblau zwischen grauen Felsen. Unser Nachtlager wollten wir beim Schwarzsee aufschlagen. Als wir endlich oberhalb des Gewässers ankamen, waren die Beine schwer und mein Kopf schmerzte. Trotzdem waren wir euphorisch: Wurfzelt hinter einen Felsen, «Znacht» essen, sämtliche warmen Kleider anziehen und ab in den Schlafsack. Ein hervorragender Plan. Für ungefähr zwei Stunden. Die Isomatte war hart und durch ein kleines Belüftungsfenster blies uns kalte Luft entgegen. Also stopften wir es kurzerhand zu. Dass dieses Fenster einen Sinn hatte, merkten wir erst, als sich Kondenswasser an den Zeltwänden sammelte und die Luft dünn wurde. Schlafen? Keine Chance.
Also verbrachten wir den Rest der Nacht draussen. Unter einem Sternenhimmel, so klar, dass wir die Milchstrasse sehen konnten. Wir suchten Sternbilder, hüpften gegen die Kälte an und lachten über unsere Leichtsinnigkeit. Ich hatte mich Stunden später noch nie so über die Sonne gefreut.
Ohne Schlaf begann der Abstieg. Vorbei am Schwarz- und Baschalvasee durch grüne Wiesen. Mit jedem Höhenmeter liessen meine Kopfschmerzen nach. Dafür meldeten sich Waden, Rücken und Füsse. Die Wanderung würde ich trotzdem wieder machen. Vielleicht mit weniger Gepäck. Und einem vernünftigeren Schlafplatz. Im Zug gab es erst einmal eine heisse Schokolade.
Melanie Frei, Redaktorin «Volksstimme»

