Frühling lässt sein blaues Band
10.04.2026 Persönlich«… wieder flattern durch die Lüfte.» Kennt man noch aus der Schule – oder vielleicht auch nicht mehr. Ich erinnere mich jedenfalls an diesen Text von Eduard Mörike aus der Romantik. Ich hatte den Auftrag, ein Frühlingsgedicht zu finden, das mir passt, und in ...
«… wieder flattern durch die Lüfte.» Kennt man noch aus der Schule – oder vielleicht auch nicht mehr. Ich erinnere mich jedenfalls an diesen Text von Eduard Mörike aus der Romantik. Ich hatte den Auftrag, ein Frühlingsgedicht zu finden, das mir passt, und in die Deutschstunde mitzunehmen. Ich ging natürlich schnurstracks zu meinem Vater, der mir wohl ein paar Lyrik-Bände aus seiner unermesslichen Bibliothek hinlegte. Ich war nicht besonders lyrisch unterwegs als Teenager, obwohl ich an Versen und Reimen durchaus Freude hatte. Aber romantische Lyrik …? Jedenfalls suchte ich den erwähnten Mörike-Vers aus, sehr wahrscheinlich, weil der Zauber nach acht Zeilen vorbei ist. So Lehreraufträge haben ja allewyyl einen Hintergedanken, und ich rechnete damit, dass es garantiert ans Auswendiglernen gehen würde. Ob das auch so war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.
Wann fängt denn für Sie der Frühling an? Reicht schon ein Schneeglöckchen oder braucht es dann erst die blühenden Hemmliglünggi dazu? Oder wenn die Schlüsselblüemli gelb leuchten? Bei einigen Leuten geht es ja mehr über die Nase, was im Mörike-Gedicht übrigens auch vorkommt. Dann ist es vielleicht der Duft der Ramsele, der einem entgegenweht auf dem Waldspaziergang.
Man kann sich natürlich auch an den anderen Leuten orientieren. Gerade diese Woche ist die liebste Liebste von der Migros nach Hause gekommen und hat gesagt, es liefen schon Leute in kurzen Hosen, Zeecheschläppli und Spaghettiträgern herum. Ist das Frühling? Oder ist der Frühling dann da, wenn ich mich frage, ob ich meinen Rasen nun doch mal mähen sollte, obwohl doch die Primeli, die Guggerbluemen und das Scharbockskraut gerade eine Augenweide daraus machen? Gut, aus Mitleid mit den Nachbarn begebe ich mich dann mal auf einen Gang übers Gras und köpfe einige Weyefäckte, bevor sich alle in Latärnli verwandelt haben. Die Bienen und Hummeln nehmen’s mir zwar übel, aber es blüht ja noch viel anderes auf meinem Blätz. Zum Beispiel der Günsel, bei dem mir sofort der Vögelipeter selig in den Sinn kommt und der «Berner namens Werner Zünsel». Beim Abfüllen der geköpften Ware stosse ich übrigens auf ein Prachtsexemplar einer Nosferatu-Spinne. Glückseligkeit! Wir haben schon mindestens vier dieser Schönheiten aus dem Haus befördert, denn da gefällt es ihnen bei uns am besten. Aber so einen Brömmer hatte ich noch nie gesehen. 2,3 gemessene Zentimeter vom Kopf bis zum Hintern, und dann kommen ja noch die Peripalpen – das sind die «Boxhandschuhe» vor dem Mund – und die schön gestreiften Beine dazu. Natürlich habe ich das Tier erst mal in ein Glas gezügelt und der ganzen Familie gezeigt. Nicht alle teilten meine Glückseligkeit – selbstredend.
Bei mir war Frühling definitiv am Morgen desselben Tages: Es war – exakt wie letztes Jahr – der 7. April, als ich «meinen» Gartenrotschwanz wieder hörte – zurück aus Afrika. Und damit sind wir wieder bei Mörike: «Frühling, ja du bist’s! Dich hab ich vernommen!»
Kuri Wirz, Gelterkinder von Geburt und aus Passion

