«Frauen erhalten ein Drittel weniger Rente»
26.06.2026 PersönlichVor 30 Jahren trat das eidgenössische Gleichstellungsgesetz in Kraft. Die Schweiz hat Fortschritte erzielt, sagt Ständerätin Maya Graf. Bei der Lohngleichheit, den Renten und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bestehe noch Handlungsbedarf.
Janis ...
Vor 30 Jahren trat das eidgenössische Gleichstellungsgesetz in Kraft. Die Schweiz hat Fortschritte erzielt, sagt Ständerätin Maya Graf. Bei der Lohngleichheit, den Renten und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bestehe noch Handlungsbedarf.
Janis Erne
Frau Graf, am 1. Juli 1996 trat das eidgenössische Gleichstellungsgesetz in Kraft. Welche Bedeutung hatte dieser Schritt damals?
Maya Graf: Es war ein weiterer gleichstellungspolitischer Meilenstein wie das Frauenstimmrecht 1971, die Gleichstellung von Mann und Frau in der Bundesverfassung 1981 oder das neue Eherecht 1988. Mit dem Gleichstellungsgesetz wurde erstmals gesetzlich der Schutz gegen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts im Erwerbsleben verankert. Dieser gilt etwa bei der Einstellung, dem Lohn, der Beförderung oder der Kündigung. Wesentlich ist die präventive Wirkung des Gleichstellungsgesetzes. Bis heute ist eine Klage ein langer Weg, den nur wenige Frauen gehen.
30 Jahre später: Wie beurteilen Sie den Stand der Gleichstellung von Frauen und Männern im Land?
Unsere Gesellschaft und die Politik haben in der Gleichstellung während der vergangenen 30 Jahre viel aufgeholt: Unsere Töchter und Söhne können sich heute ohne geschlechtertypische Erwartungen entfalten. Leider hinkt aber die Wirtschaft hinterher. Der Grundsatz «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit» wird auch 30 Jahre nach dem Inkrafttreten des Gesetzes nicht vollständig erfüllt und nach wie vor sind Frauen in Führungspositionen stark untervertreten. Dafür leisten sie unverändert zwei Drittel der gesamten unbezahlten Care-Arbeit, was sich dann negativ auf ihre eigene Altersvorsorge auswirkt.
Ist Altersarmut deshalb eher weiblich?
Auch deshalb, ja: Frauen erhalten im Schnitt rund einen Drittel weniger Rente als Männer. Schliesslich sind es auch finanzielle Abhängigkeiten, die es Betroffenen erschweren können, aus gewalttätigen Beziehungen auszubrechen. Mehr als die Hälfte der Tötungsdelikte, nämlich 34, ereigneten sich 2025 im häuslichen Bereich (2024 waren es noch 26 Fälle). Diese zunehmenden Femizide sind inakzeptabel und ein Versagen. Es müsste endlich zur nationalen Aufgabe werden, die Sicherheit von Frauen und Kindern in ihrem eigenen Daheim zu gewährleisten.
In politischen Gremien sind Frauen nach wie vor weniger stark vertreten als Männer. Ein Beispiel ist der fünfköpfige Baselbieter Regierungsrat, in dem nur eine Frau vertreten ist. Welche Faktoren erschweren den Zugang von Frauen zu politischen Ämtern?
Das stimmt aktuell für die Baselbieter Regierung. Doch das wird sich wieder ändern. In Sissach hatten wir auch lange nur eine Frau im siebenköpfigen Gemeinderat, nun wird ab 1. Juli eine Frauenmehrheit Sissach «regieren». Ich freue mich darauf! Und wenn wir in der Region Basel unsere nationale Vertretung in Bundesbern anschauen, dann kommen wir derzeit auf 10 Nationalrätinnen, 2 Ständerätinnen und einen Nationalrat. Diese Vorbildfunktionen sind wichtig, denn sie zeigen jungen Frauen auf, dass es möglich ist (und auch Freude macht), sich zu engagieren. Es braucht immer eine Gruppe, damit es selbstverständlich wird und das Vergleichen zwischen den Geschlechtern aufhört.
Was könnte dazu beitragen, dass mehr Frauen für politische Ämter kandidieren?
«Helvetiaruft!», das überparteiliche Frauennetzwerk für mehr Frauen in der Politik von «alliance F», dem Bund Schweizerischer Frauenorganisationen, hat seit 2018 viel erreicht. Wir haben im Bundesparlament einen neuen Höchststand von 40 Prozent Frauen. «Helvetiaruft!» ermutigt und befähigt nicht nur Kandidatinnen für Wahlen, sie nimmt auch die Parteien in die Pflicht, Frauen gezielt zu fördern und auf gute Listenplätze zu setzen. Es freut mich, dass diese Mobilisierung und Vernetzung über Parteigrenzen hinweg uns auch bei politischen Geschäften zum Erfolg verhilft. Für die Wahlen 2027 wird Helvetia wieder rufen. Die Kampagne startet am 16. September 2026 in Bern.
Gemäss den neuesten Zahlen des Bundesamts für Statistik verdienen Frauen in der Schweiz im Schnitt 8,4 Prozent weniger als Männer. Warum diese Lohnlücke?
Diesen hartnäckigen, nicht erklärbaren Lohnunterschied würde ich zusammengefasst als «Schere im Kopf» bezeichnen: Wir alle haben noch immer Geschlechterklischees intus, nach welchen wir unbewusst Frauen und Männer unterschiedlich beurteilen. Das spielt auch bei Anstellungen mit. Er ist aber auch auf fehlende Kinderbetreuung für Familien zurückzuführen. Hinzu kommt der sogenannte «Motherhood-Penalty-Effekt»: Ines Hartmann, die Direktorin des Competence Center for Diversity, Disability and Inclusion der Universität St. Gallen (HSG), vermutet, dass vor allem die Familiengründung und damit zusammenhängende Aspekte die Gehaltsunterschiede bei Müttern im späteren Alter vergrössern. Gründe dafür sind Teilzeitarbeit, Erwerbsunterbrüche und Vorurteile, Frauen mit Kindern strebten keine Karriere an.
Die Lohnunterschiede sind bei Kaderstellen stärker ausgeprägt als bei «normalen» Jobs.
Wie erklären Sie sich das?
Löhne in «normalen» Jobs sind gegenüber Kaderpositionen stärker standardisiert, etwa über Lohnbänder, GAV und vergleichbare Funktionen. Dadurch sind ähnliche Tätigkeiten besser vergleichbar. In Kaderpositionen sind die Aufgabenprofile dagegen meist individueller ausgestaltet. Je höher die berufliche Position, desto dünner wird die Luft. Die Konkurrenz wird härter und die Rollenklischees ausgeprägter. Das ändert sich erst, wenn genau gleich viele Frauen wie Männer selbstverständlich in Kaderpositionen am Tisch sitzen.
Was möchten Sie in Bezug auf die Gleichstellung in Bundesbern noch erreichen?
Es macht mir Freude, im Bundeshaus parteiübergreifend Gleichstellungsanliegen zum Erfolg zu bringen. Das Ja zur Individualbesteuerung war gleichstellungspolitisch ein wichtiger Schritt. Ebenso das Ja zum Kita-Gesetz, das nun endlich Familien bei der externen Kinderbetreuung hilft. Jetzt sind wir im Sammel-Endspurt für die Familienzeit-Initiative, welche eine Elternzeit von je 18 Wochen paritätisch für beide Elternteile verlangt – ein weiteres Puzzleteil für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, welche uns alle weiterbringt; mehr finanzielle Unabhängigkeit und eine bessere Altersvorsorge für Frauen und mehr Fachkräfte für die Wirtschaft. Je mehr Gleichstellung und Vielfalt, desto gerechter die Gesellschaft.
Das Interview wurde schriftlich geführt.
Zur Person je. Die Gleichstellung der Geschlechter gehört zu den wichtigsten politischen Anliegen von Maya Graf (64). Die Baselbieter Ständerätin, die seit 2019 in der kleinen Kammer sitzt und zuvor im National- und Landrat politisierte, setzt sich dafür nicht nur im Parlament ein, sondern auch als Co-Präsidentin von «alliance F», dem grössten Frauendachverband der Schweiz. Zudem ist die Grüne aus Sissach Mitglied des «Sounding Board Geschlechtergleichstellung BL», einer Kommission, die den Baselbieter Regierungsrat berät.

