Für fruchtbare und lebendige Böden
14.01.2025 BaselbietDie Hain-Schnirkelschnecke ist das Tier des Jahres 2025
Mit der Ernennung der Hain-Schnirkelschnecke zum Tier des Jahres 2025 ruft Pro Natura dazu auf, dem Bodenleben mehr Sorge zu tragen. Denn viele Schnecken gelten als Nützlinge und helfen, die Biodiversität zu ...
Die Hain-Schnirkelschnecke ist das Tier des Jahres 2025
Mit der Ernennung der Hain-Schnirkelschnecke zum Tier des Jahres 2025 ruft Pro Natura dazu auf, dem Bodenleben mehr Sorge zu tragen. Denn viele Schnecken gelten als Nützlinge und helfen, die Biodiversität zu fördern.
Brigitt Buser
Kaum naht der Frühling, können wir in unseren Gärten auch schon die ersten Schnecken beobachten, die sich am Austrieb von Stauden und Zwiebelblumen gütlich tun. Schnecken sind ein Dauerthema und waren nach dem letzten nassen Frühjahr kaum bekämpfbar; wir würden manchmal am liebsten alle miteinander eliminieren.
Doch die meisten Schnecken haben es nicht auf unsere achtsam gehegten Pflänzchen abgesehen, sondern gelten als Nützlinge. Sie verzehren die Eier anderer Schneckenarten oder ernähren sich nur von toten oder welken Pflanzenteilen, Pilzen, Moosen und gelegentlich auch von Aas, das sie über ihre raue Raspelzunge aufnehmen. Dazu gehören auch die Hain-Schnirkelschnecke (Cepaea nemoralis) und die besser bekannte Weinbergschnecke, die ebenfalls vor Schneckenkörnern nicht Halt macht. Daher sind Schneckenkörner im naturnahen Garten tabu.
Weit verbreitet
In der ganzen Schweiz heimisch, besiedelt die Hain-Schnirkelschnecke lichte Wälder, vielfältiges Agrarland, Wald- und Bachränder sowie naturnahe Gärten, meidet jedoch Lagen von über 900 Metern über Meer. Bezüglich Lebensraum ist sie nicht besonders anspruchsvoll. Wie alle Schnecken benötigt aber auch sie einen leicht feuchten Unterschlupf, Schattenplätze und genügend totes oder welkes Pflanzenmaterial zum Verzehr. Daher bevorzugt sie vielfältige sowie naturnah gestaltete Gärten und öffentliches Grün. Sind die Voraussetzungen geschaffen, doch die Hain-Schnirkelschnecke hat noch nicht den Weg in das für sie vorbereitete Refugium gefunden, lässt sie sich im Frühling frühmorgens, abends oder an Regentagen leicht umsiedeln.
Hat sie sich einmal angesiedelt, so hält sie den Boden fruchtbar und lebendig, indem sie organisches Material rezykliert. Sie ist daher ein Teil jener enormen Vielfalt an Lebewesen, der organisches Material abbaut und dem Boden zuführt.
Dies nahm Pro Natura zum Anlass, die kleine «Bodenmacherin» zum Tier des Jahres 2025 zu wählen und somit auch für einen respektvollen Umgang mit der Biodiversität unter unseren Füssen und für die Erhaltung unserer Böden zu werben.
Schnecke ist nicht gleich Schnecke
254 Schneckenarten wurden bisher in der Schweiz nachgewiesen, wobei sie nahezu alle Lebensräume wie Grundwasser, Seen und Flüsse und Wälder und Wiesen bis teilweise hinauf ins Hochgebirge besiedeln. Rund 40 Prozent der Schneckenarten in der Schweiz sind bedroht. Zudem sind die meisten Arten sehr klein.
Die Hain-Schnirkelschnecke gehört mit einem Häuschen-Durchmesser von rund 2,5 Zentimetern zu den grösseren einheimischen Schneckenarten. Sie trägt ein schmuckes rechtsgedrehtes Häuschen mit bis zu fünf dunklen Bändern und variiert in den Farben von cremig-weiss bis pastellrot. Von der ihr sehr ähnlichen Garten-Schnirkelschnecke lässt sie sich nur durch den stets dunkel gefärbten Gehäusemund und -nabel unterscheiden. Ihr Gehäuse aus Kalk ist nicht nur der Rückzugsort der Schnecke bei Trockenheit oder Kälte, es enthält auch Herz, Leber, Lunge, Magen und Niere des Tieres.
Zur Paarungszeit im Frühling oder Herbst liebkosen sich die zwittrigen Tiere inklusive Stimulation mit einem Liebespfeil aus Kalk stundenlang, bevor sie ihre Samenpakete austauschen. Später werden einige Dutzend Eier in eine selbst gegrabene Erdhöhle gelegt. Dort schlüpfen die winzigen Jungschnecken nach drei Wochen, wobei sie auch schon ihr Häuschen tragen. Die Fortbewegung bewerkstelligen sie mit ihrem muskulösen Fuss, immer auf dem selbst produzierten Schleimteppich gleitend, wobei sie selbst über Messerschneiden unbeschadet kriechen können. Geschlechtsreif wird die bis zu sechs Jahre alt werdende Art mit drei Jahren.
Schneckenhaus als Mietwohnung
Auch wenn wir Schnecken nicht unbedingt lieben, spielen auch sie eine wichtige Rolle im Kreislauf der Natur. Dass sie Nahrung von Vögeln, Igeln, Kröten und anderen Arten von Schnecken sind, ist allgemein bekannt. Vögel zerhacken und fressen auch gerne Schneckenhäuser, da sie den Kalk zur Produktion der Eier benötigen.
Die Schneckenhaus-Mauerbiene baut ihr Nest in verlassenen Schneckenhäusern, und bei Asseln oder Spinnen sind Schneckenhäuser als schützender Unterschlupf oder Winterquartier gefragt.
Wussten Sie, …
… dass es vereinzelt sogenannte Schneckenkönige gibt, bei denen das Häuschen links- statt rechtsgedreht ist und bei denen auch die Organe im Häuschen spiegelverkehrt angeordnet sind;
… dass Schnecken je nach Bedarf Schleim in unterschiedlichen Zusammensetzungen produzieren: so zum Beispiel als «Reiseteppich», bei der Paarung, als Abwehrmittel, bei Verletzungen;
… dass sich die Hain-Schnirkelschnecke im Winter zurückzieht, ihr Gehäuse mit einem Film aus getrocknetem Schleim verschliesst und so geschützt gegen Trockenheit bei tiefen Temperaturen in eine Winterstarre verfällt?

