Flüssiges Gold
30.10.2026 PersönlichIn meinem Vorratsschrank stapeln sich Honiggläser. Zusammengerechnet sind es 2 Kilo. Darunter ein Blütenhonig von der Winterhalde in Lostorf und einer vom Hof Grütsch in Niederdorf. Dann ein flüssiger Honig aus Erlenbach am Zürichsee und ein Sommerhonig aus ...
In meinem Vorratsschrank stapeln sich Honiggläser. Zusammengerechnet sind es 2 Kilo. Darunter ein Blütenhonig von der Winterhalde in Lostorf und einer vom Hof Grütsch in Niederdorf. Dann ein flüssiger Honig aus Erlenbach am Zürichsee und ein Sommerhonig aus Kleinbösingen, irgendwo zwischen Murten und Bern. Vier Gläser Honig sind jetzt nicht die Welt. Letzten Sommer aber waren es zwölf. Ich kam mir vor wie Pu der Bär – mit dem einzigen Unterschied, dass ich Honig gar nicht so schampar gerne habe. Auch sonst isst bei mir zu Hause niemand mit Vorliebe Honig-Schnittli. Hoch im Kurs stehen Konfitüren. Oder Nutella. Wieso also hamstere ich kiloweise Honig?
Die Antwort hat mit meinem Beruf zu tun. Und mit der Entlöhnung. In der Schweiz reden wir ja nicht gerne über Geld. Wie hoch unser Einkommen ist, weiss oft nicht einmal der Partner oder die Partnerin so genau. Das soll sich nun ändern. Falls Sie also schon immer mal wissen wollten, was Schriftstellerinnen und Schriftsteller verdienen, hier ist die Antwort: Mit Buchverkäufen wird man nicht unbedingt reich. Beim Verkauf eines Hardcovers, das im Handel 25 Franken kostet, bekomme ich gerade einmal 10 Prozent – also 2.50 Franken. Bei 1000 verkauften Exemplaren sind das 2500 Franken. Natürlich ein schöner Batzen. Wenn man allerdings bedenkt, dass ich an einem Buch zwei bis drei Jahre schreibe, ist der Stundenlohn gar nicht mal so berauschend. Und wer jetzt sagt: «Jä, dann musst du halt mehr Bücher verkaufen», dem sage ich: Gute Idee! Allerdings ist dieses Glück nicht allen beschieden.
In der Schweiz können nur wenige allein vom Bücherschreiben leben. Ein Martin Suter bestimmt. Eine Milena Moser vielleicht auch. Und was ist mit den anderen? Den literarischen B-Promis? Dort sieht’s deutlich weniger rosig aus. Als Beispiel sei der Bieler Literaturverlag «die brotsuppe» genannt. Gerade mal 300 bis 400 Exemplare verkauft der Verlag pro Titel, wie Verlegerin Ursi Anna Aeschbacher gegenüber der WOZ erklärte. Was das für das Portemonnaie der Künstlerinnen und Künstler bedeutet, können Sie sich ja selbst ausrechnen.
Was deutlich mehr einschenkt, sind Lesungen. Der Verein Autorinnen und Autoren der Schweiz empfiehlt ein Honorar von mindestens 600 Franken pro Veranstaltung. Wer es also schafft, 20 oder 30 Lesungen im Jahr zu bestreiten, kann wenigstens einen Teil seines Lebensunterhalts mit der Literatur verdienen. Dazu gibt es nicht selten kleine Präsente der Veranstaltenden. Manchmal ist es eine Schachtel Pralinen. Meist aber ist es Honig. Natürlich: Honig ist ein schönes Geschenk. Wertig, lange haltbar und erst noch typisch für die jeweilige Gegend.
Daraus ergibt sich folgende Regel: Wer viele Lesungen hat, hat mehr Geld auf dem Konto. Und definitiv mehr Honig im Vorratsschrank. Bleibt nur eine Frage offen: Worauf sollen wir Autorinnen und Autoren den ganzen Honig eigentlich streichen? Gilt doch die Schriftstellerei als brotlose Kunst.
Die Schriftstellerin Rebekka Salm wurde 1979 geboren und ist in Bubendorf aufgewachsen. Sie ist Mutter einer Tochter und wohnt seit 2014 in Olten.

