Fiebertraum Frachtschiff
05.11.2026 BaselbietWenn ich auf etwas nicht vorbereitet war, als ich die Lehre zur Kapitänin der Binnenschifffahrt antrat, dann auf die wiederkehrende Frage, ob ich denn «so eine Mütze», weiss und marineblau mit goldenem Anker, tragen würde. Die Antwort lautete «ja». Ausserdem ...
Wenn ich auf etwas nicht vorbereitet war, als ich die Lehre zur Kapitänin der Binnenschifffahrt antrat, dann auf die wiederkehrende Frage, ob ich denn «so eine Mütze», weiss und marineblau mit goldenem Anker, tragen würde. Die Antwort lautete «ja». Ausserdem Teil der Arbeitskleidung: Augenklappe, Holzbein, Hakenhand und Papagei. Spass beiseite. Moderne Güterschiffskapitäne arbeiten in gemütlicher Alltagskleidung.
Wobei es anzumerken gilt, dass man als 24-Jährige, die gerade ein geisteswissenschaftliches Studium abgeschlossen hat und vorher keinerlei nennenswerte Berührungspunkte mit der Schifffahrt hatte, nicht direkt in den Steuersessel gesetzt wird. Es wird noch sehr viel Wasser den Rhein hinunterfliessen, bis ich ein 180-Meter-Frachtschiff eigenhändig lenken darf. Vorerst bin ich Leichtmatrosin, und erst noch Süsswasser-Leichtmatrosin – das ist wohl bloss eine Stufe über der Landratte.
Das Güterschiff, auf dem ich meine Lehre absolviere, heisst «Alsace» – und meine erste Schicht darauf ist ein absoluter Fiebertraum. Es ist mir bis anhin nicht oft passiert, dass ich um zwei Uhr morgens mit lautem Gehämmer gegen mein Fenster geweckt werde, weil ich einkaufen muss. Grössere Rheinschiffe fahren 24 Stunden am Tag – wenn man mitten in der Nacht an der Bunkerstation vorbeifährt, zu der man Lebensmittel bestellt hat, werden mitten in der Nacht Einkäufe in die Schiffsküche geräumt.
Das Niedrigwasser macht es uns derzeit unmöglich, ganz Deutschland zu durchqueren, also entladen wir das Schiff in Duisburg und machen rechtsumkehrt in Richtung Niederlande. In Rotterdam riecht es nach Meer. Während wir Kohle laden, schwirren unzählige Quallen um die «Alsace» herum. Die mächtigen Seeschiffe aus aller Welt lassen unseres winzig klein erscheinen.
Kräne mit riesigen Schaufeln befördern das Schüttgut zu Tausenden von Tonnen in unseren Laderaum. Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Wir beobachten den Kranführer mit dem Feldstecher und bemerken, dass er eingeschlafen ist. Nach einer halben Stunde erwacht er und es geht weiter. Manchmal transportieren wir rotes Eisenerz. Wenn wir Matrosinnen und Steuermänner danach das Deck waschen und rote Bäche das Gangbord hinunterrinnen, gleicht das einem Blutbad.
Am besten gefallen mir die Reisetage. Wir fahren durch dicke Nebelschwaden in Sonnenauf- und -untergänge, die malerischen Landschaften versüssen jede Arbeit. Wildgänse fliegen schnatternd in V-Formation über uns hinweg und am Ufer stehen Kühe bis zu den Knien im Wasser. Tank-, Frachtund Containerschiffe fahren vorbei, luxuriöse Kabinenschiffe für amerikanische Touristen und hin und wieder ein Disco-Boot mit feierfreudigen Passagieren.
Am vorletzten Tag heisst es: «Heute laden wir ausnahmsweise in Amsterdam», und ehe ich mich versehe, fahren wir mitten durch die niederländische Hauptstadt, unmittelbar am Zentralbahnhof vorbei. Am Ende der Schicht mache ich mich mit dem Zug in Spijk an der deutschen Grenze auf den Weg nach Hause, wohlwissend, dass ich mich für 14 Tage wieder unter die Landratten mischen werde. Es ist das erste Mal seit zwei Wochen, dass ich festen Boden unter den Füssen habe.
Raja Breig (2002) ist in Gelterkinden aufgewachsen und hat in Fribourg studiert. Zwischen Basel und Rotterdam absolviert die ehemalige «Volksstimme»-Praktikantin eine Lehre zur Kapitänin der Binnenschifffahrt.

