«Fenaco hat eine Scharnierfunktion in der Gesellschaft»
15.01.2026 BaselMichael Feitknecht, Vorsitzender der Geschäftsleitung der grössten schweizerischen Agrargenossenschaft
Die «Volksstimme» spricht mit dem aus dem Tessin stammenden und in Basel wohnhaften Fenaco-Chef über die Bedeutung des landwirtschaftlichen ...
Michael Feitknecht, Vorsitzender der Geschäftsleitung der grössten schweizerischen Agrargenossenschaft
Die «Volksstimme» spricht mit dem aus dem Tessin stammenden und in Basel wohnhaften Fenaco-Chef über die Bedeutung des landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbands für die Region und die Schweiz sowie über die Entfremdung von Stadt und Land.
Thomas Gubler
Herr Feitknecht, Sie sind seit 1. Juli 2025 Chef von Fenaco. Können Sie unseren Leserinnen und Lesern ganz kurz erklären, wer Fenaco ist. Denn diese kennen den Konzern in der Regel bestenfalls durch Volg und Landi?
Michael Feitknecht: Fenaco ist die Abkürzung für «Fédération nationale des coopératives agricoles» und eine führende Agrargenossenschaft, die 1993 als Zusammenschluss von sechs Genossenschaftsverbänden gegründet worden ist. Heute gehören uns 133 örtlichen Landi-Genossenschaften. Wir haben den Auftrag, die Schweizer Landwirtinnen und Landwirte in der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Unternehmen zu unterstützen. Das machen wir, indem wir entlang der ganzen Wertschöpfungskette tätig sind. Die Konsumentinnen und Konsumenten kennen vor allem die Landi-Läden, Volg, Ramseier und Agrola. Aber wir sind ein sehr breit aufgestelltes Unternehmen, zu dem beispielsweise auch Agroline gehört, eine Anbieterin für integrierten Pflanzenschutz mit einem Standort hier in Aesch.
Wir haben es bei Fenaco, obwohl eine Genossenschaft, mit einem Grosskonzern im Bereich Agrarprodukte, Nahrungsmittel, Pflanzenschutzmittel und vielen anderen Sparten zu tun. Wie lässt sich in einem solchen Konzern der Genossenschaftsgedanke noch umsetzen?
Unsere Grösse ist wichtig, damit wir unseren Auftrag optimal erfüllen können – und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum Einen wollen wir in den vorgelagerten Stufen beim Einkauf von Saatgut, Düngemitteln und so weiter möglichst vorteilhafte Konditionen für unsere Mitglieder herausholen. Dafür braucht es a priori eine gewisse Grösse; denn bei unseren Partnern auf der anderen Seite des Verhandlungstisches handelt es sich zum Teil um Weltkonzerne wie beispielsweise Syngenta. Auf der anderen Seite ist es auch wichtig, dass wir bei den Abnehmern unserer Produkte – beispielsweise dem Schweizer Detailhandel – ein gewisses Gewicht haben. Den Genossenschaftsgedanken leben wir, indem wir sehr nahe bei unseren Mitgliedern sind und diese auch die strategische Ausrichtung unseres Unternehmens beeinflussen können. Von 19 Personen im Verwaltungsrat sind zwölf aktive Bäuerinnen und Bauern. Diese Nähe ist wichtig für eine lebendige Genossenschaft.
Lässt sich Fenaco mit dem Raiffeisen-Konzern in Deutschland oder Österreich vergleichen?
In Deutschland und Österreich hat sich die Raiffeisenbewegung neben dem Bankenwesen auch in der Landwirtschaft weiterentwickelt, während sich die beiden Bereiche in der Schweiz getrennt haben. Aber ja, die Situation im Agrarbereich ist vergleichbar. Die Ursprünge sind ähnlich. Und wir pflegen auch einen regen Austausch. In beiden Fällen geht es um Selbsthilfeorganisationen.
Wie bedeutend ist Fenaco heute für die Bauern, in deren Eigentum der Konzern ja schliesslich ist?
Wir haben das mittels einer Umfrage 2025 herauszufinden versucht. Dabei ist herausgekommen, dass 90 Prozent der Schweizer Landwirtinnen und Landwirte der Ansicht sind, dass Genossenschaften für ihren Betrieb wichtig sind. Und 95 Prozent der Befragten wünschen sich für die Zukunft, dass die Genossenschaften ihre gewichtige Stellung halten oder sogar ausbauen. Die Bedeutung der Fenaco und der Landi für unsere Mitglieder ist also gross.
Das heisst, der Gedanke der Selbsthilfe ist nach wie vor lebendig?
Davon bin ich überzeugt. Und angesichts unserer Herausforderungen in den nächsten Jahren wird er eher noch an Bedeutung gewinnen.
Wir befinden uns hier in der Nordwestschweiz, in einer Region, die einerseits stark urban, anderseits aber auch wiederum sehr ländlich geprägt ist. Welche Bedeutung hat die Fenaco in der Nordwestschweiz?
Wir haben in der Nordwestschweiz viele verschiedene Aktivitäten. Zu uns gehört die Landi Reba mit vier Standorten, und wir betreiben 15 Volg-Läden, die für die Versorgung in den Dörfern sehr wichtig sind. Mit dem Unternehmen Gebrüder Marksteiner beliefern wir die Gastronomie in der Grossregion Basel. Am Basler Auhafen sichert uns die Düngemittelspezialistin Landor den Zugang zum Rhein, die einzige Eintrittspforte der Schweiz für Dünger. Zudem betreibt die Fenaco dort mit GOF (Getreide, Ölsaaten und Futtermittel) eine Umschlagsplattform für den Getreidehandel. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit in der Schweiz. Und wir produzieren bei Agroline in Aesch Nützlinge für den Pflanzenschutz. Die Fenaco ist in der Nordwestschweiz stark verankert.
Sie haben den Zugang zum Wasser im Auhafen erwähnt. Wie leben heute wieder in relativ unsicheren Zeiten. Welche Bedeutung hat Fenaco für den Bereich Ernährungssicherheit der Schweiz?
Der Bund verfolgt das Ziel von mindestens 50 Prozent Selbstversorgung. Im Moment liegt der Wert bei gerade mal bei 42 Prozent. Grund dafür sind die unsicheren Erträge im Pflanzenbau. Für die Ernährungssicherheit in der Schweiz ist die inländische Produktion sehr wichtig. Und da spielen wir als Fenaco eine zentrale Rolle, indem wir zum Beispiel dazu beitragen, die Ertragssicherheit zu verbessern.
Zweitens halten wir im Auftrag des Bundes Pflichtlager. Die dritte Komponente ist die internationale Vernetzung, damit unsere Lieferketten möglichst resilient sind. Unser Fokus liegt aber primär auf der Stärkung der produzierenden Landwirtschaft in der Schweiz.
Was unterscheidet Fenaco grundsätzlich von anderen Grosskonzernen im Bereich Ernährung wie Migros und Coop, bei denen es sich ja auch um Genossenschaften handelt?
Wir sind eine Agrargenossenschaft. Etwa jeder zweite Landwirtschaftsbetrieb der Schweiz ist via die örtliche Landi-Genossenschaft bei uns Mitglied. Unser Verwaltungsratspräsident ist ein aktiver Landwirt. Ich glaube, die Zusammenarbeit zwischen der Genossenschaft und ihren Mitgliedern ist bei der Fenaco wesentlich enger als bei anderen grösseren Genossenschaften.
Fenaco ist auch Mitglied des Schweizerischen Bauernverbands. Wie harmonisch ist dieses Verhältnis? Sie müssen ja in erster Linie vermarkten, sprich via Landi, Volg oder dem Fleischverarbeiter Ernst Sutter den Konsumenten dienen?
Wir ergänzen uns in unseren Rollen. Die Aufgabe des Bauernverbands ist die politische Interessenvertretung, und wir sehen unsere Aufgabe in der wirtschaftlichen Entwicklung der Landwirtschaft. Diese beiden Funktionen koordinieren wir in einer sehr konstruktiven Zusammenarbeit.
Sie dürften aber wohl kaum mit
Bauernverbandsdirektor Martin Rufer immer gleicher Meinung sein?
Das muss auch nicht so sein. Wichtig ist, dass wir im Dialog stehen und die Interessen der Landwirtschaft in den Vordergrund stellen.
Sie stehen wie kaum eine andere Organisation an der Schnittstelle zwischen Produzenten und Konsumenten. Ist vor diesem Hintergrund auch Ihr Stadt-Land-Monitor vom vergangenen Jahr 2025, der eine zunehmende Entfremdung von Stadt und Land zutage gefördert hat, entstanden?
Ja, das ist so. In den vergangenen Jahren fanden verschiedene Abstimmungen über agrarpolitische Themen statt, die meistens sehr emotional geführt wurden. Sich diesen Debatten zu stellen hat unsere Mitglieder viel Kraft gekostet. Und wir haben teilweise sehr verhärtete Fronten angetroffen. Dieser Entwicklung, beziehungsweise dieser spürbaren Entfremdung zwischen Stadt und Land wollen wir entgegenwirken. Um wieder näher zu rücken, braucht es den Dialog. Die Fenaco will dabei vor allem ihre gesellschaftliche Scharnierfunktion zwischen Konsumenten und Produzenten wahrnehmen. Etwa 60 Prozent unserer Arbeitsplätze sind im ländlichen Raum, und gleichzeitig haben wir viele Konsumentinnen und Konsumenten im urbanen oder nahurbanen Gebiet. Wir sind also in einer guten Position für eine Vermittlerrolle.
Beunruhigt Sie diese vom Monitor zutage geförderte Entfremdung? Und worauf führen Sie sie zurück?
Es wäre sicher keine gute Nachricht für die Schweiz, wenn diese Pole noch weiter auseinanderrücken würden. Dieses Land lebt doch eigentlich davon, dass man Stadt und Land für wichtige Entscheide immer wieder zusammenbringt. Die Umfrage zeigt, dass die Leute den Eindruck haben, ihre Anliegen fänden bei der jeweils anderen Seite immer weniger Gehör. Hier müssen wir ansetzen.
Als Bauernsohn aus Cadenazzo, das zwischen den Städten Bellinzona und Locarno liegt, brächten Sie herkunftsmässig beste Voraussetzungen zum Brückenbauer mit sich, zumal Sie jetzt in Basel wohnen und die Region bestens kennen. Sehen Sie sich als solchen?
Ich wohne in Basel, ja, und ich arbeite oft in Bern. Gleichzeitig sind mein Netzwerk und meine Wurzeln sehr ländlich geprägt. Ich befinde mich also mitten in diesem Spannungsfeld und habe viel Verständnis für die Stadt-Land-Meinungsverschiedenheiten. Dabei muss auch die ländliche Seite gewisse Bedürfnisse der Stadt verstehen. Schliesslich müssen die Produzentinnen und Produzenten wissen, was die Konsumentinnen und Konsumenten wollen. Umso mehr möchte ich mich dafür einsetzen, die beiden Seiten einander wieder näher zu bringen.
Wie kann Fenaco ganz konkret den Dialog zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen fördern?
Wir haben der Stiftung für eine nachhaltige Ernährung durch die schweizerische Landwirtschaft 10 Millionen Franken gesprochen. Neben uns ist der Schweizer Bauernverband an dieser Stiftung beteiligt. Sie finanziert Projekte, die den Dialog zwischen Stadt und Land fördern. Zudem haben wir die Ausstellung «Von Heugabeln und Drohnen: Landwirtschaft heute» mit alljährlichen «Farming Days» im Verkehrshaus der Schweiz lanciert. Diese wird 2027 fünf Jahre alt und wurde jüngst bis 2032 verlängert. Dort wird die moderne Landwirtschaft erklärt und die ganze Produktionskette «de la terre à la table» auf spielerische Art einem jüngeren, nicht bäuerlichen Publikum näher gebracht.
Sehen Sie Möglichkeiten, welche die bäuerliche Bevölkerung selbst hat, um das gegenseitige Verständnis zu fördern?
Ich erlebe die Bauernfamilien als sehr offen. Es gibt viele Betriebe, die Anlässe organisieren oder Hofläden betreiben und im Rahmen dieser Aktivitäten das Gespräch mit dem nicht bäuerlichen Publikum aufnehmen. Da geschieht bereits viel.
Ein etwas belastetes Thema ist in jüngerer Zeit der Einsatz von Hilfsstoffen im Pflanzenschutz, der in weiten Teilen der Bevölkerung als problematisch wahrgenommen wird. Sie kommen aus dem Sektor Pflanzenschutz. Können Sie das gleichwohl nachvollziehen?
Landwirtschaft ist immer ein Eingriff in die Natur. Und ohne Pflanzenschutz im weiteren Sinne ist es gar nicht möglich, etwas zu produzieren. Das weiss jeder, der zu Hause einen Garten hat. Die Kritik aus der Bevölkerung kommt häufig aufgrund falscher Vorstellungen darüber, was Pflanzenschutz überhaupt ist. Und da gehört es zu unseren Aufgaben, zu zeigen, welche Fortschritte in den vergangenen Jahren in diesem Bereich erzielt wurden und wie viel hier investiert wird, um noch nachhaltiger produzieren zu können.
Ist der Vorwurf an die Adresse der Landwirtschaft, sie würde die Böden und die Gewässer vergiften, somit unberechtigt?
Aus meiner Perspektive schon. Die Politik und die Landwirtschaft haben sich darauf verständigt, dass die Risiken, die mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln einhergehen, bis 2027 um 50 Prozent reduziert werden müssen. Schon heute werden 55 Prozent der Schweizer Ackerfläche ohne Insektizide und Fungizide bewirtschaftet. Der Agrarbericht 2025 bestätigt, dass wir gut unterwegs sind. Das gilt übrigens auch im Nährstoffbereich. So wurde in den vergangenen zehn Jahren der Mineraldüngereinsatz um 30 Prozent reduziert. Die Landwirtschaft macht im Bereich Hilfsstoffeinsatz grosse Fortschritte. Damit wir auch in Zukunft weiterkommen, braucht es keine zusätzlichen administrativen Auflagen und Regulatorien, sondern vor allem Offenheit für neue Technologien und die Innovation.
Befinden Sie sich da als Fenaco-Konzernchef nicht in einem gewissen Dilemma: Zum einen müssen Sie den Konsumentinnen und Konsumenten gesunde Lebensmittel verkaufen, zum anderen beliefern Sie die Produzenten mit Pflanzenschutzmitteln?
Landwirtinnen und Landwirte setzen Pflanzenschutzmittel ein, um stabile Erträge zu erzielen. Und diese brauchen wir, um den Selbstversorgungsgrad zu erhalten. Darin liegt der Wert des Pflanzenschutzes. Die Fenaco erzielt weniger als ein Prozent ihres Umsatzes mit Pflanzenschutzmitteln. Wenn wir aber die Bedeutung des Pflanzenschutzes für die Wertschöpfung mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen betrachten, so ist diese riesig – für die Landwirtschaft, aber auch für die nachgelagerten Stufen. Ohne stabile Erträge ist auch die einheimische Verarbeitung der Produkte nicht mehr gewährleistet. Von einem Dilemma kann also nicht die Rede sein.
Welche Perspektive sehen Sie für die schweizerische Landwirtschaft einerseits und für die Fenaco anderseits aus heutiger Sicht?
Ich bin zuversichtlich für die schweizerische Landwirtschaft. Wir haben günstige klimatische Bedingungen im Vergleich mit anderen Ländern. Zudem ist die Schweiz führend in der Agrarforschung, und unsere Bäuerinnen und Bauern sind dank hervorragender Ausbildung sehr gut auf neue Situationen und Herausforderungen vorbereitet. Schliesslich sorgt auch das Modell des Familienbetriebs für Stabilität in der hiesigen Landwirtschaft. Dieses ist auch deshalb wichtig und erhaltenswert, weil es in der Schweizer Bevölkerung eine hohe Akzeptanz geniesst. Die Bevölkerung vertraut den Landwirtinnen und Landwirten. Sie konsumiert gerne regionale Produkte. Für Familienbetriebe sind Genossenschaften besonders wichtig. Sie übernehmen Aufgaben, die ein einzelner Betrieb nicht leisten kann. Darum bin ich überzeugt, dass es die Fenaco und die Landi auch in Zukunft braucht.
Zur Person
gu. Der 42-jährige Michael Feitknecht ist auf einem Bauernhof in Cadenazzo (TI) aufgewachsen. Er hat an der ETH Zürich Agrarwirtschaft studiert und war anschliessend in verschiedenen Funktionen für Syngenta in Spanien und Südamerika tätig. 2018 kam er zur Fenaco, erst als Leiter des Geschäftsbereichs Pflanzenschutz, später als Chef des Departements Pflanzenbau. Seit dem 1. Juli vergangenen Jahres ist er Konzernchef der Fenaco. Michael Feitknecht ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und wohnt in Basel.

