Fangen, Treiben und Handeln
04.11.2025 GesellschaftChrista Dettwiler
Der Frühling kommt nur zögerlich. Als wäre er erschrocken, sich zu früh aus der Deckung gewagt zu haben, hat er sich hinter kühles und regnerisches Wetter zurückgezogen. Deshalb blieben drei unserer Kühe auf den ...
Christa Dettwiler
Der Frühling kommt nur zögerlich. Als wäre er erschrocken, sich zu früh aus der Deckung gewagt zu haben, hat er sich hinter kühles und regnerisches Wetter zurückgezogen. Deshalb blieben drei unserer Kühe auf den Bergwiesen, um sich am Colihue satt zu fressen. Als Johnny letzte Woche nach ihnen sehen wollte, waren es plötzlich vier: Prosperina hat still und leise ein wunderhübsches Kälbchen geboren.
Trotzdem wollte die störrische Mutter partout nicht herunterkommen. Ihr Kalb musste also am Berg ausharren, bis der Nachbar Zeit hatte, Johnny zu helfen. Wir machten uns Sorgen, der Puma könnte in Versuchung kommen, sich diesen Leckerbissen zu holen. Zwar leben die wilden Katzen gewöhnlich weiter oben, doch bei so einem zarten Kälbchen läuft ihnen gewiss der Sabber im Maul zusammen. Nun sind Mutter und Tochter aber gesund und munter herabgestiegen und vergnügen sich mit den beiden anderen kürzlich geborenen Kälbern.
Dafür ist es auf der unteren Weide still geworden. Johnny hat die beiden Jungstiere Sigi und Bully Boy verkauft. Mauricio, der an unserer Scheune mit baut, hatte schon länger ein Auge auf Bully geworfen. Als er letzte Woche mit einem Seil vorbeikam, um ihn mitzunehmen, beschied er uns plötzlich, er könnte ja auch gleich beide nehmen. Wäre doch schade, die Brüder zu trennen.
So kamen wir, mitsamt dem Chnöpperli, in den Genuss eines wahren Rodeos. Zwar brauchte Mauricio jeweils nur einen Seilwurf, doch der anschliessende Tanz der Stiere war ein echtes Spektakel. Es war schieres Glück, dass Tiere und Menschen ohne Blessuren davongekommen sind. Jetzt leben Sigi und Bully bei Mauricio weiter, auf saftiger Weide, mit der frohen Aussicht, zu gegebener Zeit eine Handvoll knackiger Kuhdamen beglücken zu dürfen.
Wir haben nicht nur Wertvolles übers Einfangen und Treiben von bockigen Stieren gelernt, sondern auch eine neue Lektion im chilenischen Handeln erhalten. Während Mauricio Johnny ein Bündel Noten in die Hand drückt, erwähnt er wie nebenbei, er habe noch 50 Heuballen zu einem sehr guten Preis zu verkaufen. Kurzes Kopfkratzen, Johnny nickt und reicht ihm ein paar Scheine zurück.
Sie treiben die Tiere etwa eine halbe Stunde bis zu Mauricios Weide, kommen zurück, um den Pick-up für den Heutransport zu holen. Nach der ersten Ladung meint Mauricio – erneut wie nebenbei – er brauche selbst auch noch 50 Ballen, habe aber kein entsprechendes Fahrzeug, ob Johnny vielleicht …?
Der Handel wird mit reichlich Bier begossen, ein entscheidendes Element in hiesiger Verhandlungsführung. Mittlerweile haben wir gelernt, dass viele (Um-) Wege von A nach B führen. Aber es sind genau diese Umwege, die den Charme des Ganzen ausmachen. Wenn sie jedoch einmal zu lang werden, muss man mit ebenso viel Charme Nein sagen können.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.

