Familiensaga mit magischen Elementen
20.03.2026 Bezirk LiestalLesung mit Jungautor Nelio Biedermann in der Kantonsbibliothek
Mit «Lázár», der Schilderung des Niedergangs einer ungarischen Adelsdynastie im 20. Jahrhundert, hat der 22-jährige Nelio Biedermann einen internationalen Erfolg gelandet. Die Inspiration für ...
Lesung mit Jungautor Nelio Biedermann in der Kantonsbibliothek
Mit «Lázár», der Schilderung des Niedergangs einer ungarischen Adelsdynastie im 20. Jahrhundert, hat der 22-jährige Nelio Biedermann einen internationalen Erfolg gelandet. Die Inspiration für Inhalt und Form der Geschichte kam aus der eigenen Familie.
Regula Vogt-Kohler
Als die Mutter seines Vaters in die Schweiz kam, war sie 22 und schwanger. Nelio Biedermanns Grosseltern flüchteten nach dem niedergeschlagenen Aufstand in Ungarn in den Westen und versuchten in der Fremde, die Heimat zu bewahren. Seinen Grossvater habe er nie gekannt, aber seine Grossmutter habe viel von früher erzählt. «Es waren schöne und abenteuerliche Geschichten», sagte der junge Schriftsteller am Dienstag im Rahmen einer Lesung in der Kantonsbibliothek Baselland. Die Grossmutter habe «kinderfreundlich» erzählt, er habe eine Weile gebraucht, bis er den realen Hintergrund begriffen habe.
Das dramatische Schicksal seiner Vorfahren väterlicherseits war durch diese Erzählungen stets präsent. Dazu kam das vornehme Ambiente in der Wohnung der Grossmutter, das so gar nicht zum Wohnblock in der Region Zürich passte: dunkle Möbel mit gedrechselten Füssen, Familienporträts an der Wand, Silberbesteck in der Schublade.
Die Grosseltern sind in herrschaftlichen Anwesen in Ungarn aufgewachsen. Er habe immer noch Familie in Budapest. Auf Ausflügen habe er die mittlerweile verfallenen Schlösser, in denen die Grosseltern ihre Kindheit verbrachten, besucht. Das sei komisch gewesen – und habe seine Fantasie angeregt, sagte Biedermann im Gespräch mit der Kulturjournalistin Luzia Stettler. «Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie wirklich dort aufgewachsen sind.»
Die Idee, die Geschichte seiner Familie zu verarbeiten, sei schon früh da gewesen, ihm habe aber das Medium gefehlt. «Dann kam das Schreiben dazu.» Nelio Biedermann war 16, als das Coronavirus den Aktionsradius einschränkte. In der Isolation fand der Gymnasiast zum Schreiben. Er beteiligte sich an einem Schreibwettbewerb seiner Schule und gewann ihn, seine Maturarbeit erhielt eine Auszeichnung, er schrieb einen ersten Roman – und startete dann mit seinem zweiten Werk «Lázár» so richtig durch.
Schatten und Träume
Um Nelio Biedermann, der neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit Germanistik und Filmwissenschaft studiert, ist ein eigentlicher Hype entstanden. Er wird als «Jungstar» und «Wunderkind» gefeiert, mit Nominierungen und Preisen bedacht, mit Lob überschüttet, daneben gibt es auch ein paar kritische Stimmen.
Angesichts des Wirbels wirkte der junge Schriftsteller bei seinem Auftritt in der Kantonsbibliothek in Liestal bemerkenswert bescheiden und geerdet. Er habe für «Lázár» mehrere Anläufe gebraucht, der fünfte Versuch habe dann funktioniert. Seine Grossmutter, die für die Entstehung des Buchs eine zentrale Rolle spielte, habe den Roman leider nicht mehr lesen können. Mit fortschreitender Demenz habe sie Realität und Fiktion immer mehr durcheinandergebracht. Dies habe ihm den Mut gegeben, die Geschichte so zu erzählen, wie sie nun in Buchform erschienen ist.
Es ist eine Saga, die drei Generationen im Zeitraum von circa 1890 bis 1956 umfasst, inspiriert von der Wirklichkeit des Schicksals der eigenen Familie und des geschichtlichen Hintergrunds, angereichert mit Fantasie und magischen Elementen. Titel wie «Schatten» und «Träume» über einzelnen Teilen des rund 330 Seiten starken Werks weisen darauf hin. Nicht alles, was surreal klingt, ist erfunden. Die Liste der Todesarten etwa fand Biedermann im Archiv seines Grossonkels, das ihm als wichtige Quelle diente. Dort habe er gesehen, dass Suizid in der Familie nicht selten war.
Wie geht es weiter nach «Lázár? «Ich will nicht als Autor gelten, der historische Bücher schreibt.» Die Gegenwart reize ihn, und er wolle sich nicht einschränken, sagte Biedermann. Man darf also gespannt sein.

