Essen, Trinken und Schwatzen
25.04.2025 BaselbietEINFACH LEBEN
Christa Dettwiler
Das wichtigste Kochutensil in Chile ist ganz eindeutig der Grill. Allerdings hat Grillieren hier nichts zu tun mit Hightech und «Tsch Tsch». Jeder Haushalt und jedes Ferienhäuschen hat mindestens ...
EINFACH LEBEN
Christa Dettwiler
Das wichtigste Kochutensil in Chile ist ganz eindeutig der Grill. Allerdings hat Grillieren hier nichts zu tun mit Hightech und «Tsch Tsch». Jeder Haushalt und jedes Ferienhäuschen hat mindestens einen Grill, in der Regel Marke Eigenbau. Vom halbierten Ölfass mit Drehspiess bis zum Gitter aus Armierungseisen (unser Grill ist ein umgebauter Bus-Kompressor mit angeschweisstem Kamin), dient jede Form dazu, rohes Fleisch in ein verführerisches Mahl zu verwandeln, strikt ohne «Chichi» und selbst bei stürmischem Wetter.
Fleisch wird weder mariniert noch anderweitig gepimpt, einzig grobes Salz kommt zum Einsatz, und das Resultat ist fantastisch. Das mag damit zu tun haben, dass hier meist eigene Tiere auf den Grill kommen: Rinder, Schafe, Hühner, seltener Schweine, die ihr Leben auf der Weide verbracht haben. Und wenn gegrillt wird, gibt es wahre Berge von Fleisch und Würsten. Vegetarier haben hier einen schweren Stand.
Überhaupt ist Essen ein zentraler Teil der hiesigen Kultur. Das merkt man spätestens, wenn man zu Besuch ist. Ohne Essen kommt man nicht davon. Wenn wir in die Stadt fahren, kaufen wir in der Regel auch für unsere autofreien Nachbarn ein. Das endet jedes Mal mit einer Einladung ins Haus, wo aufgetischt wird, was immer gerade da ist. In ihrer geräumigen Küche wuselt die bald 80-jährige Señora Elia zwischen uraltem Holzherd, Küchenschrank und Tisch hin und her, schenkt Pulverkaffe ein oder Kräutertee, und findet stets Neues, was sie noch anbieten kann. Warme Brötchen frisch aus dem Ofen mit Schälchen voller scharfer Salsas (gehackte Tomaten, Zwiebeln, Chilischoten, Koriander und Knoblauch) oder zerrissene Unterhosen (frittiertes Schmalzgebäck mit Puderzucker), dazu gibt’s selbst gemachte Brombeerkonfi und Buttenmost.
Beim letzten Besuch bei den Vorbesitzern unseres Grundstücks wurden wir gleich aufs Sofa hinterm Esstisch gequetscht und mit süssem und salzigem Pastel de Choclo verwöhnt (Gratin aus geraffelten Maiskolben mit Fleisch, Oliven, hart gekochten Eiern oder mit Fleisch, Sultaninen und Zucker). Ich war überzeugt – das war eigentlich ihr vorbereitetes Abendessen.
Einwände, man habe keinen Hunger oder schaue doch nur auf einen Sprung herein, werden ganz einfach ignoriert. Gäste werden verwöhnt wie Freunde. Gastfreundschaft eben. Arbeiten werden unterbrochen, man versammelt sich um den Esstisch, dann wird getafelt und geschwatzt. Die Menschen sind neugierig und scheuen sich nicht, direkte Fragen zu stellen. Etwa warum jemand freiwillig ein so wunderschönes, reiches Land wie die Schweiz verlässt, um sich im chilenischen Campo niederzulassen. Wenn wir dann von Freiraum, von unberührter Natur und liebenswerten Menschen reden, strahlen nicht nur die Gäste.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.

