Eigentlich war es nur noch ein trauriger Rest. Das Glas stand schon eine Weile im Kühlschrank, der Inhalt hatte eine Farbe angenommen, die nicht mehr eindeutig als Rot durchging, und der Geruch liess ebenfalls wenig Hoffnung zu. Also tat ich, was man in solchen Momenten gerne tut: Deckel ...
Eigentlich war es nur noch ein trauriger Rest. Das Glas stand schon eine Weile im Kühlschrank, der Inhalt hatte eine Farbe angenommen, die nicht mehr eindeutig als Rot durchging, und der Geruch liess ebenfalls wenig Hoffnung zu. Also tat ich, was man in solchen Momenten gerne tut: Deckel auf, kurz zögern und dann alles in den Abfluss kippen.
Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Denn diese Tomatensauce war offenbar der Meinung, nicht allein gehen zu wollen. Sie brachte Stücke mit. Viele Stücke. Und irgendwo zwischen meinem optimistischen Nachspülen und meinem naiven Weggehen beschloss das Spülbecken seinerseits, dass es jetzt genug gesehen hatte. Das Wasser blieb stehen. Sehr demonstrativ.
Es folgte der Moment, den niemand gerne erlebt: der Entschluss, den Siphon aufzuschrauben. Wer das noch nie gemacht hat, stellt sich vielleicht vor, dass dort einfach ein bisschen schmutziges Wasser wartet. Eine Art kleiner Rest. Eine harmlose Pfütze. Diese Vorstellung ist ungefähr so realistisch wie die Idee, dass in einem Keller nur ein paar alte Kartons stehen.
Als ich den Siphon öffnete, kam mir zuerst ein Geruch entgegen, der sich nur schwer beschreiben lässt. Er hatte etwas von alter Suppe, nassem Keller und einer Vergangenheit, die eigentlich besser verschlossen geblieben wäre. Dann kam der Inhalt. Und in diesem Moment wurde mir klar: Dieser Abfluss gehört nicht nur mir. Er ist ein Archiv. Ein makabres, stinkendes Museum der Küchenhistorie.
Das Haus, in dem ich wohne, stammt aus den 1960er-Jahren. Seither haben vermutlich viele Menschen in dieser Küche gestanden, gekocht, abgewaschen und Dinge in den Abfluss gekippt, die dort vielleicht nicht unbedingt hingehört hätten. Und irgendwo in diesem Rohr hat sich offenbar eine Art historisches Sammelsurium gebildet.
Zwischen schleimigen Resten und unidentifizierbaren Fragmenten tauchte etwas auf, das aussah wie eine Mischung aus Pilz, Teebeutel und Tampon. Ich bin bis heute nicht sicher, ob ich wirklich wissen möchte, was davon zutraf. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, eine archäologische Ausgrabung durchzuführen – nur ohne Pinsel, dafür mit Küchenpapier, Einweg-Handschuhen und sehr viel innerer Überwindung.
Man denkt ja gerne, der Alltag sei sauber und ordentlich. Wir spülen Dinge weg, drehen den Hahn auf und glauben, damit sei alles erledigt. Doch der Siphon lacht nur still vor sich hin und bewahrt seine Geheimnisse.
Aber irgendwo darunter, im Verborgenen, sammeln sich die Reste vieler Jahre. Und manchmal reicht ein halbes Glas Tomatensauce mit Stückchen, um einen daran zu erinnern, dass selbst der sauberste Alltag seine dunklen, stinkenden Geheimnisse hat.
Luana Güntert, Sportredaktorin «Volksstimme»