Erfinderin mit 26 Buchstaben
24.07.2026 BaselbietSandra Hughes präsentiert ihren letzten Krimi mit Arisdörfer Polizistin
Sandra Hughes liebt es, wenn uns beim Lesen das Lachen im Hals stecken bleibt. Seit 20 Jahren erkundet die preisgekrönte Baselbieter Autorin abwegige und düstere Seiten. Gnadenlos, leidenschaftlich ...
Sandra Hughes präsentiert ihren letzten Krimi mit Arisdörfer Polizistin
Sandra Hughes liebt es, wenn uns beim Lesen das Lachen im Hals stecken bleibt. Seit 20 Jahren erkundet die preisgekrönte Baselbieter Autorin abwegige und düstere Seiten. Gnadenlos, leidenschaftlich und aus Liebe zu den Menschen.
Anna Wegelin
Abschied tut weh. Ende Mai ist der Kriminalroman «Tessiner Verdammnis» von Sandra Hughes erschienen. Nun macht die Autorin Schluss mit ihrer temperamentvollen Krimiheldin, Emma Tschopp aus Arisdorf, und ihrem Partner Marco Bianchi, «der Mann fürs Feine». Angesagt ist durchatmen und Platz für Neues machen. «Aber die Krimireihe beerdigen heisst nicht, dass ich jetzt nicht mehr schreibe», erklärt Hughes. Sie gönnt sich zwar eine kleine Kreativpause – und geht dafür in die Kommunalpolitik.
Aber eins nach dem anderen: Hughes, gebürtige Luzernerin mit Jahrgang 1966, kam mit knapp 20 für das Studium der Kunstgeschichte nach Basel und arbeitet heute als Fachverantwortliche Kulturvermittlung beim Kanton Basel-Stadt. Vor dreieinhalb Jahren zog sie mit ihrem Mann, der Zweiter Landschreiber des Kantons Baselland ist, nach Burg im Leimental. Dort, umgeben von der Natur, ist ihr wohl. Dort kann sie konzentriert an Sprache, Plot und Figuren feilen.
Seit 20 Jahren schreibt Hughes Romane, weil sie nicht anders kann. «Ich wende mich dem zu, was mich berührt oder wütend macht», sagt sie. Ihr Weg als Autorin begann so: Im Sommer 1998 setzte sich Hughes zwischen zwei Jobs vor den Computer und schrieb eine Erzählung über ihre Vatersuche. Hughes wuchs in einem Frauenhaushalt auf. Ihr Vater, ein US-Amerikaner, war abgehauen, als die Tochter zwei war.
Die Erzählung ist zwar nie veröffentlicht worden, aber der Funke hatte gezündet. Ein paar Jahre später, als Hughes mit ihrer Familie in Allschwil wohnte und ihr Sohn in die Spielgruppe kam, nahm sie diesen kreativen roten Faden wieder auf zwischen Job, Familie und Haushalt. Und dieses Mal klappte es – und wie! Mit ihrem Erstling, dem Schelmenroman «Lee Gustavo» von 2006, landete Hughes einen Coup: «Ich entdeckte mit dem Schreiben mein Ding.»
Vielfältige Ideen
Mittlerweile hat sie neun Romane für Erwachsene geschrieben, auch Kinderbücher gehören zum Repertoire. Im Jahr 2013 erhielt Hughes den Kulturpreis des Kantons Baselland in der Sparte Literatur. Dass das Schreiben «viel einsames Schaffen» bedeutet, nimmt sie in Kauf. «Es treibt mich um, was wir Menschen uns antun, im ganz Kleinen wie im Grossen.»
Hughes erzählt Geschichten, die in der realen und in einer Fantasiewelt spielen. Auslöser des Geschehens kann ein Gedankenspiel, ein Experiment oder eine reale Begebenheit sein – ein Stück Meteorit, das im Joggeli einschlägt («Lee Gustavo»); ein potenzieller Amokläufer im Basler Neubadquartier («Maus im Kopf», 2009 veröffentlicht); eine Mutter, deren 15-jähriger Sohn von einem Hirnschlag getroffen wird («Fallen», 2016 veröffentlicht).
«Das Glück beim Schreiben ist für mich, mit 26 Buchstaben alles neu zu erfinden», sagt sie. Zum Beispiel einen Schrottplatz in England oder ungleiche Zwillingsbrüder in Brasilien («Lee Gustavo») oder die Vorhölle, die eine Teufelin regiert («Zimmer 307», 2012 veröffentlicht). «Einzig beim Experiment Krimi war klar: Meine Hauptfigur muss eine Baselbieter Polizistin sein.»
Vom Baselbiet ins Tessin
Emma Tschopp, schwarzer Lockenkopf und völlig uneitel, wollte schon als Kind Kriminalkommissarin werden, «um die Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen». Im ersten Fall vor sieben Jahren muss Emma, Anfang 50 und «Feldwebel mbA bei der Kriminalpolizei Basel-Landschaft», Überstunden abbauen. Da fährt sie kurzerhand in ihrem gelben VW-Bus mit Labrador Rubio ins Südtessin. Als dort im Kühlraum der Pastamanufaktur der Familie Savelli eine tote junge Frau aus Oberwil entdeckt wird, wird Emma von Marco Bianchi, Commissario in Lugano, zum Fall hinzugezogen. Bianchi ist klug und bedachtsam – das perfekte Pendant zur leidenschaftlichen Emma, die ihren Wohnsitz dann ganz ins Ticino verlegt.
Im fünften und letzten Fall «Tessiner Verdammnis» haben Emma und Marco eine gemeinsame private Detektei und sind endlich ein Liebespaar. Die unheilvolle Geschichte beginnt mit drei anonymen Briefen an Emma und der Einladung zum lukrativen «Spiel» mit einer mysteriösen Frau namens Lydia Lettore. Spielort ist ausgerechnet die Pastamanufaktur aus dem ersten Fall.
«In den Abgrund schauen», das tut Hughes einmal mehr mit ihrer Emma. Diese kennt sich zwar aus mit allerlei Gräueltaten. «Aber das hier» bringt sie an die Grenze des Erträglichen – und uns als Leserinnen und Leser auch. Zum Glück gibt es die Wut, die aus der totalen Ohnmacht zurück ins Leben führt. Als Lydia Lettore mit einer «Gang» von Frauen zum Vollmond-Zeichnen auf den Monte Malino aufbricht, startet der Rachefeldzug.
«Das Konzept der Rache leuchtet mir ein, auch wenn ich es nicht legitimiere», sagt Sandra Hughes, die Emma auch im finalen Fall gnadenlos aufräumen lässt mit abwegigen Normen (laute Männergesellschaften, die keinen Platz neben sich lassen) und traurigen Gepflogenheiten («Best-Agers» in der Luxusresidenz, die vom ewigen Leben träumen).
Und nun müssen wir uns also verabschieden von unserer liebgewonnenen Freundin Emma. Was hat die Autorin als Nächstes vor? Das will sie nicht sagen. Sicher ist jedoch, dass sie sich ab nächstem Jahr bis zum Sommer 2028 in der Kommunalpolitik engagiert.
Im April wurde sie in den Gemeinderat von Burg gewählt für die verbleibende Amtszeit. «Ich wurde angefragt, habe es mir sehr gut überlegt und entschied dann, dass ich mich zur Verfügung stelle.» Niemand im Gemeinderat sei Mitglied einer Partei, betont sie. Deshalb komme das Amt für sie überhaupt infrage. Autorin Sandra Hughes: «Parteien und Ideologien interessieren mich nicht. Es geht ums gemeinsame Schaffen für unser Zusammenleben im Dorf.»


