Er wurde nie der «reiche Onkel aus Indien»
12.05.2026 Bezirk LiestalLiestal | Eine Biografie aus dem Bericht «Koloniale Vergangenheit von Baselbieter Persönlichkeiten»
Im kürzlich erschienenen Bericht über die kolonialen Verflechtungen von Baselbieterinnen und Baselbietern wird der aus Liestal stammende Adolf ...
Liestal | Eine Biografie aus dem Bericht «Koloniale Vergangenheit von Baselbieter Persönlichkeiten»
Im kürzlich erschienenen Bericht über die kolonialen Verflechtungen von Baselbieterinnen und Baselbietern wird der aus Liestal stammende Adolf Spitteler vom Historiker Andreas Zangger prominent beschrieben. Über den Bruder des Baselbieter Nobelpreisträgers war bisher wenig bekannt.
vs. Anfang April ist der Bericht «Koloniale Vergangenheit von Baselbieter Persönlichkeiten» vorgestellt worden. Darin sind zahlreiche Baselbieter Persönlichkeiten beschrieben, die im Kolonialismus eine Rolle spielten. Dabei geht es nicht ausschliesslich um Persönlichkeiten, die beispielsweise im Sklavenhandel tätig waren. Hier aus der Studie eine leicht gekürzte Fassung des Artikels über Adolf Spitteler, der einst in Indien gewirkt hatte. Über die Biografie des Bruders von Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler war bisher wenig bekannt:
Der 1846 in Liestal geborene Adolf Spitteler verbrachte zwischen 1865 und 1893 mit einigen Unterbrechungen sein Leben in Indien. Unter anderem leitete er in Cochin (heute Kochi in Kerala, Indien) die Filiale der Gebrüder Volkart und wirkte als Unternehmer, Stadtrat und deutscher Konsul. Zudem hatte er drei Kinder mit einer vermutlich anglo-indischen Frau, wodurch er auch über sein Privatleben mit der britisch-indischen Gesellschaft verbunden war. In der Schweiz verschwieg er diese Familie.
Adolf Spitteler absolvierte eine Kaufmannslehre bei Gebrüder Volkart. Die 1851 gegründete Firma entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte von einem kleinen Handelshaus zum global bedeutenden Baumwoll- und später Kaffeehändler, der bis zu 10 Prozent der indischen Baumwolle nach Europa exportierte. 1857 eröffnete Volkart Filialen in Cochin und Colombo (Ceylon, heute Sri Lanka): Das Fürstentum Cochin stand unter britischem Protektorat, während Colombo zur britischen Kolonie Ceylon gehörte. Durch die neuen Filialen war die Firma weniger auf Zwischenhändler in Bombay angewiesen und konnte die Geschäfte näher vor Ort abwickeln. Als Teilhaber und Leiter der Geschäfte in Indien ernannte Johann Georg Volkart zunächst Adolf Spittelers Onkel, Henry (Heinrich) Leonhard Brodbeck. Dieser hatte 1857 Sophie Brodbeck-Ernst (1836 – 1911) aus Winterthur geheiratet, die mit ihm nach Indien zog. Henry Brodbeck verstarb bereits 1859 in Indien aufgrund einer Krankheit. (…)
Leiter einiger Kaffeeplantagen
Adolf Spitteler selbst leitete ab 1866 die Niederlassung der Brüder Volkart in Cochin. (…) Für die Filiale in Colombo auf Ceylon übernahm Spitteler die Leitung einiger Kaffeeplantagen in Cochin. 1869 machte Salomon Volkart ihn für Verluste verantwortlich und warf ihm unsorgfältige Geschäftsführung, falsche Kalkulationen und mangelhafte Buchführung vor. Die Probleme gefährdeten die Partner der Firma, da Manager zwar Gewinnbeteiligungen erhielten, doch nur die Teilhaber die Verluste trugen.
Seine Position bei Volkart verhalf Spitteler zunächst zum gesellschaftlichen Aufstieg. 1871 wurde er zum Mitglied des Stadtrats ernannt, 1874 zum Konsul für Deutschland in Cochin. Ein Bericht beschreibt seine Aufgaben als Stadtrat: Spitteler verbesserte die städtische Infrastruktur, indem er Strassen, Beleuchtung und Bewässerung überwachte. Er setzte sich für die Verbesserung von Hygiene und Gesundheit sowie für die Bildung ein und initiierte unter anderem die Errichtung einer städtischen Schule. Spitteler «widerstand entschieden jedem Versuch geiziger Landeigentümer, die hie und da Stücke der Strasse für ihre eigenen Besitzungen in Anspruch nahmen», verbot das als stossend empfundene Baden der «Eingeborenen» an den am stärksten den Blicken ausgesetzten Flussabschnitten und ging gegen das Glücksspiel auf den Strassen vor. Über seine Rolle bei der Bekämpfung der «Reiskrankheit», die eine Untersuchung und seinen vorzeitigen Rücktritt nach sich zog, ist leider nichts weiter bekannt. Demnach hatte Spitteler jedoch nur kurz als Stadtrat gewirkt.
Im August 1874 wurde er deutscher Honorarkonsul für «die Westküste Ostindiens, von Cap Comorin nördlich bis zum Endpunkt der Präsidentschaft von Madras, einschliesslich der Eingeborenen-Staaten in Cochin». In einem Protokoll vom 8. Mai 1873 wird die Errichtung eines Konsulats in Cochin befürwortet und Spitteler empfohlen: «Der Chef des sehr geachteten und angesehenen Hauses Volkart Broth, A. Spitteler, aus der deutschen Schweiz gebürtig, ist eine sehr ehrenwerthe Persönlichkeit und sowohl, was seine sociale und commercielle Stellung, als seine Fähigkeit betrifft, als sehr geeignet für den Posten zu bezeichnen.» Doch im Jahr nach seiner Ernennung verliess Spitteler Cochin – das Amt des Konsuls hat er faktisch kaum ausgeübt.
Verluste und Entlassung
Mitte der 1870er wurde Spitteler nämlich erneut für Verluste in Cochin verantwortlich gemacht. Ohne Wissen der Firma hatte er einem lokalen Kaffeehändler namens Markar Vorschüsse gewährt. Dieser konnte sein Handelsversprechen jedoch nicht einhalten. Die Lage war ohnehin angespannt: 1872/73 fiel der Kaffeepreis auf den lokalen Märkten und erholte sich in der Folge nicht. Mitverantwortlich war die Wirtschaftskrise, die 1873 in den USA ihren Anfang nahm und sich nach Europa, Indien und Fernost ausbreitete. Volkart erlitt erhebliche Verluste und schickte 1874 einen Verantwortlichen aus Winterthur nach Indien, um diese Angelegenheit zu regeln.
Adolf Spitteler wurde darauf entlassen, wogegen er klagte. Aus Angst, dass «durch einen oeffentlichen Prozess dem Publikum ein Einblick in die innersten Privatverhaeltnisse seines Cochingeschaeftes» gegeben würde, zahlte Salomon Volkart eine Abfindung – wie sein Sohn Georg Gottfried Volkart in einem Brief von 1874 schrieb. Spitteler habe Dokumente zum Geschäft in Cochin gesammelt und Volkart damit erpresst.
Die Auseinandersetzung mit der Firma Volkart schien seiner Stellung nur beschränkt geschadet zu haben. Der «Markar-Fall» gelangte 1877 vor ein britisches Gericht, wobei Spitteler nur als Beteiligter erscheint. Markar wurde verurteilt. Er zog das Verfahren in London weiter, jedoch ohne Erfolg, woraufhin er bankrottging.
Nach seiner Rückkehr nach Indien war Spitteler an einer Kaffeeplantage beteiligt. Seinem Bruder schildert er in einem Brief am 2. September 1878, dass er die Plantage wegen Verlusten und fehlender Reserven aufgeben musste. Sie werde von der Kaffee-Kompanie weitergeführt, woraus ihm noch ein halber Anteil zufalle. Zwar sei ab 1880/81 mit Gewinn zu rechnen, bis dahin müsse er aber mit knappen Mitteln auskommen. Seinen Unterhalt verdiene er zurzeit dadurch, dass er für ein geringes Salär die Plantage versorge. Die Zinsen auf seine Schulden würden durch die Rente, die ihm die Kompanie als Grundeigentümer auszahle, ausgeglichen. Es sei ihm unmöglich, in den nächsten Jahren in die Schweiz zu kommen – und sei es auch nur zu Besuch. Zudem wisse er nicht, ob er die Beiträge für die Mutter leisten könne, und bat deshalb seinen Bruder, zu ihr zu ziehen. Trotz Rückschlägen habe er «weder unaufrichtig noch moralisch unrichtig» gehandelt und hoffe, doch noch der «reiche Onkel aus Indien» zu werden. Er habe nun seine «Verhältnisse in Kürze klar dargelegt».
Beziehung mit Makel
In dieser Schilderung fehlt jedoch ein wichtiges Element: Spitteler hatte zu jener Zeit bereits Familie in Indien. Mit einer vermutlich anglo-indischen Frau, Grace Theresa Preston, hatte er drei Kinder. Diese erwähnte er in den Briefen an seinen Bruder, die im Schweizerischen Literaturarchiv aufbewahrt sind, mit keinem Wort.
Beziehungen von Europäern mit indischen Frauen waren keine Seltenheit. Anfangs toleriert, untergruben diese Beziehungen zunehmend die Trennung von europäisch und indisch. Sie wurden zunehmend reguliert und häufig verschwiegen. Das Schicksal der Frauen und ihrer Kinder war stark von der britischen Kolonialherrschaft abhängig; letztere fanden ihre gesellschaftliche Stellung häufig im Dienst derselben. Eine rechtliche Anerkennung blieb den meisten jedoch verwehrt. Gesellschaftlich galten angloindische Verbindungen als Makel.
Adolf Spittelers drei Söhne trugen seinen Nachnamen. Die Kinder Alfred (1872 – 1954), Charles (1873 – 1962) und John (?) wurden geboren, als seine finanziellen Probleme bei Volkart begannen. Wie manche andere Eurasier fanden die Söhne Stellungen im kolonialen Dienst. Sie bewegten sich zwischen England und Indien, teils in britischen Diensten, einige schlugen militärische Laufbahnen ein. (…)
Adolf Spitteler blieb noch bis 1893 in Indien. Er gründete in Cochin eine Kokosmattenfabrik. Nach krankheitsbedingter Rückkehr 1884 reiste er 1885 erneut nach Indien, wo er acht Jahre lang die Niederlassung einer schottischen Papierfabrik in Nordindien leitete. Daneben betrieb er eine Sodafabrik. Die Soda-Herstellung aus Reh (indisch für Salpeter) liess er patentieren. Nach seiner endgültigen Rückkehr nach Europa wirkte er in Berlin als «Redaktor eines Fachblattes». Nach seiner Rückkehr in die Schweiz widmete er sich der Chemie und gilt als Erfinder von Galalith, eines frühen Kunststoffs, dessen Patente er 1900 veräusserte.
1896 heiratete Spitteler Wilhelmine Karolina Augustine Bock, von der er sich 1905 wieder trennte. Darauf liess er sich zum Kunstmaler ausbilden. 1908 zog er nach Zürich und lebte dort mit seiner vormaligen Haushälterin. 1936 schrieb die «NZZ» anlässlich seines 90. Geburtstags, dass er immer noch «mit leidenschaftlichem Interesse an den indischen Problemen Anteil» nehme.
Unter dem Namen «Sahib» verfasste er verschiedene Artikel zu Themen wie Minenspekulation, Heimarbeit und Landwirtschaft, Bezahlung der Soldaten oder das Strandbad. «Sahib» war eine Anrede für europäische Männer in Indien und meinte fast immer einen britischen Offizier, Beamten, Pflanzer oder Kaufmann.
Durch Adolf Spitteler ist auch im Baselbiet ein Stück Britisch-Indien erhalten geblieben: Dem Baselbieter Museum schenkte sein Vater 1873 den Schädel und Beinknochen eines durch ihn geschossenen Elefanten, worüber damals mehrere Zeitungen berichteten.
Der Name Spitteler ist im Baselbiet untrennbar mit dem Schweizerischen Nobelpreisträger Carl Spitteler verknüpft, dem in Liestal im Park neben dem Berri-Gut ein Denkmal gesetzt wurde. Gleichzeitig verbreitete sich der Name Spitteler durch seinen Bruder auf der Welt. Diese Geschichte verschwieg Adolf Spitteler und ist bis heute weitgehend unbekannt. Über die Beweggründe, seine Familie in Indien zu verschweigen, wissen wir leider nichts.
Dieser leicht gekürzte Text (...) stammt aus Forschungsbericht «Koloniale Vergangenheit von Baselbieter Persönlichkeiten» (2026) von Andreas Zangger. Der 130 Seiten starke Bericht wurde im Auftrag von Regierung und Landrat des Kantons Baselland erstellt und kann auf www.bl.ch im Original heruntergeladen werden.

