Er
14.04.2026 Persönlich«Beginne beim Hier und Heute, nicht bei Adam und Eva!» Diesen Satz bekommen Volontäre oft um die Ohren geschlagen, mehr noch als die Bitte, für ihren Text einen kürzeren, knackigeren Titel zu suchen. Das gilt sowohl für die Redaktionsstube in Sissach als auch ...
«Beginne beim Hier und Heute, nicht bei Adam und Eva!» Diesen Satz bekommen Volontäre oft um die Ohren geschlagen, mehr noch als die Bitte, für ihren Text einen kürzeren, knackigeren Titel zu suchen. Das gilt sowohl für die Redaktionsstube in Sissach als auch für den Rest der Welt. Doch hier und heute müssen wir für einmal bei Adam und Eva beginnen. Die beiden hatten genau genommen gar keine Vornamen nötig. Ihnen reichten die beiden Urwörter, das Du und das Ich. Bei Sonderwünschen vielleicht mit einem «Schätzli» garniert.
Aus dem Alltag sind diese beiden Pronomen seither nicht mehr wegzudenken. So liegt es auf der Hand, dass sie in den Sprachen, die uns umgeben, nur aus zwei oder drei Buchstaben bestehen. Das reicht. Im Englischen, dem deutschen Dialekt, der es trotz des Wallisers Infantino in der Welt am weitesten gebracht hat, zeichnet sich das «Ich» gleich durch drei Besonderheiten aus. Es ist das einzige Wort, das nur aus einem Buchstaben besteht, das einzige, das ausser den Eigennamen grossgeschrieben wird, und das einzige, das, abgesehen von Importen wie taxi und rabbi, mit einem i endet.
Doch zurück ins Paradies. Kompliziert wurde es erst, als die Knaben kamen. «Ich finde, du solltest ein Machtwort sprechen, wenn wir heute essen», könnte Eva zu Adam gesagt haben, als sie ihm Apfelmus schöpfte, «sie gifteln sich ständig an. Vor allem er.» «Wer?», könnte der Ehemann zurückgefragt haben. Dabei merkte er: kein Name. So nannten sie ihn Kain, den anderen Abel. Wie das englische Wort für «ich» weist auch Kain neben dem Kains- noch ein weiteres Merkmal auf, eines der schlimmsten Sorte. Er tötete auf einen Schlag einen Viertel der Menschheit.
So entstanden erst die Ruf- oder Vornamen und, als sich die Menschheit auf 10 Millionen zu bewegte, die Nachnamen. Meist wurde dem Rufnamen eine Berufsbezeichnung angehängt, Müller, Schneider und die Fussballer Tschudin. Die Meier waren Gutsverwalter und Anführer. Ihr Name geht auf das lateinische «maior» zurück.
In kleinen Dörfern mit nur wenigen Geschlechtsnamen reichte das bald nicht mehr aus, zumal das Arsenal an Vornamen lange sehr beschränkt war. So entstanden zu Vorund Nach- auch noch die Dorfnamen. Zum Beispiel der Grändelimiggel in Rothenfluh, der 103 Jahre alt wurde und, was kaum jemand wusste, eigentlich Emil Erny hiess. Oder der noch berühmtere Namensvetter Bottebrächts Miggel. In Lausen hiess eine Vertreterin aus der Sippe des jetzigen Landratspräsidenten offiziell Bethli Tschudin, man kannte sie aber nur als Räschtebethli.
Doch wir katapultieren uns auch in diesem Bereich rasant zurück in Richtung Adam und Eva, in die Steinzeit der Namensgebung. Seit geraumer Zeit taucht ein Name täglich mehrfach in den Schlagzeilen der Zeitungen und zwar in allen Ressorts auf, garniert mit einem Bild mit einem Stich ins Orange. Deshalb gingen die Redaktionen dazu über, seinen Namen im Titel durch ein «Er» zu ersetzen. Immerhin wird so die Überschrift um drei Buchstaben kürzer.
Jürg Gohl ist Autor «Volksstimme» und Kulturpreisträger des Kantons Baselland 2025

