Entsetzen, Angst, Wut und tote Fische
30.10.2026 BaselbietVor 40 Jahren versetzte ein Grossbrand der Sandoz die Region Basel in Schockzustand
Am 1. November 1986 brannten in Schweizerhalle 1350 Tonnen giftige Chemikalien. Das abfliessende Löschwasser tötete alle Fische im Oberrhein. Für das Schweizer Fernsehen berichtete ich live ...
Vor 40 Jahren versetzte ein Grossbrand der Sandoz die Region Basel in Schockzustand
Am 1. November 1986 brannten in Schweizerhalle 1350 Tonnen giftige Chemikalien. Das abfliessende Löschwasser tötete alle Fische im Oberrhein. Für das Schweizer Fernsehen berichtete ich live vom Brandplatz, unter anderem in einer Sondersendung bereits am Vormittag.
Andreas Bitterlin
Es war die Nacht, als die Menschen in der Umgebung von Schweizerhalle erstmals seit dem 2. Weltkrieg durch Sirenenalarm geweckt wurden. Per Radio wurden sie aufgefordert, die Fenster zu schliessen und ihre Wohnungen und Häuser nicht zu verlassen. Später wurde bekannt gegeben, dass in Schulen kein Unterricht stattfinden werde und eben auch die Kinder zu Hause bleiben sollen. Der Grund war die mit Abstand grösste Feuersbrunst in der Geschichte der Basler Chemie in der Sandoz in Schweizerhalle.
Brandherd war die Lagerhalle 956, in der rund 1350 Tonnen Chemikalien, darunter Pestizide, Herbizide, Insektizide und Quecksilberverbindungen, gelagert waren. Giftige Gaswolken entwichen beim Löschen in die Luft, das Löschwasser floss vergiftet in den Rhein. Tiere verendeten zuhauf, zum Glück mussten keine toten und schwer verletzten Menschen beklagt werden.
Als für die Region Basel zuständiger Korrespondent des Schweizer Fernsehens stapfte ich von den frühen Morgenstunden bis in die Nacht auf dem Firmenareal durch rotes Löschwasser am Boden in einem beissenden Gestank, der auch die Umgebung der Schweizerhalle übel belästigte. Rund 200 Feuerwehrleute waren im Einsatz, teils mit, teils ohne Gasmasken. Ausgebrannte Gebäudeskelette vermittelten eine gespenstische Atmosphäre. Die Menschen auf dem Areal zeigten sich erschüttert. Auf Schritt und Tritt trafen sich Journalisten verschiedener Medien und Personal der Hilfskräfte auf der Suche nach gesicherten Informationen, allerdings mit wenig Erfolg, weil es sie eben noch nicht gab.
«Für Fische nicht gefährlich …»
Falschmeldungen wurden kolportiert, und gemachte Aussagen mussten dementiert werden, weil sich die Ereignisse und aktuellen Erkenntnisse laufend überschlugen. So erklärte mir ein Kadermitglied der Sandoz am Vormittag, die in den Rhein geflossene rote Löschwasserbrühe sei für die Fische nicht gefährlich, da es sich beim Rot um einen harmlosen Farbstoff handle.
Gleichzeitig aber filmte unsere Kameraequipe viele verendete Fische im Rhein. Nicht nur «harmlose» rote Farbe war Bestandteil des Löschwassers, sondern auch Gift, welches über mehrere hundert Kilometer eben doch gefährlich – tödlich – war für die Fische. Um das Informationsbedürfnis der Bevölkerung so gut wie möglich zu befriedigen, sendete SRF um 10 Uhr eine Sonderausgabe der «Tagesschau» mit Bildern vom Löschen und meinem Livebericht über die aktuelle Situation mit dem begründeten Zwischenfazit, dass die Sandoz an jenem Vormittag das Ausmass trotz anderslautender Beteuerung von Firmenvertretern nicht im Griff hatte.
Diese Tatsache akzentuierte sich im weiteren Verlauf der Zeit. Die «Basler Zeitung» produzierte und verteilte gleichentags ein Extrablatt mit dem Titel «Eine Region hält den Atem an». Nicht alle Frauen und Männer hielten nur den Atem an. Zahlreiche Menschen flohen aus Angst in ihren Autos, gemäss «BaZ» mit dem Ziel «nur schnell weit weg von der Region Basel!».
Über die Brandursache wurde ausgiebig spekuliert. Zur Diskussion standen etwa Brandstiftung oder Fahrlässigkeit. Bis heute fehlt eine gesicherte, beweisbare Erklärung, unter anderem auch, weil die Halle abgebrannt ist und keine ausgiebigen forensischen Untersuchungen durchgeführt werden konnten. Als wahrscheinliche Brandursache gilt heute aufgrund der Untersuchungen ein Glimmbrand, der beim Verpacken von Berliner Blau, einem Pigment, ausgelöst wurde.
Krisenkommunikation mangelhaft
Zur schwierigen Bewältigung der Folgen des Brands gehörte der Umgang mit der Bevölkerung. Erschrockene und aufgebrachte Menschen verlangten sofort und teils lauthals transparente und faktenbasierte Erklärungen zur Katastrophe ohne Ausflüchte und Beschönigungen. Es gelang den Verantwortlichen der Sandoz aber nur mangelhaft, die richtigen Worte zu finden.
An einer Medienorientierung der Sandoz am 4. November ging das Konzernleitungsmitglied Hans Winkler auf die Abertausenden verendeten Fische ein: «Ganz ehrlich gesagt und jetzt nur hier: Es ist eine ausserordentlich empfindliche Fischsorte zu Schaden gekommen, es ist die Äsche.» Kopfschütteln und teils höhnisches Gelächter waren Reaktionen auf die spezielle Art der Schuldzuweisung der Empfindlichkeit an die Äschen. Dann wurde die Frage nach dem durch das Gift im Oberrhein ausgerotteten Aal gestellt – dazu gab es keinen Kommentar und kein Bedauern.
Mehr als 10 000 Menschen brachten eine Woche nach dem Brand an einer Kundgebung in der Basler Innenstadt ihr Entsetzen, ihre Wut und ihre Angst zum Ausdruck. «Unser Tod ist im grossen Geschäft einkalkuliert», hiess es auf einem der Spruchbänder. Dazu wurde Trauermusik gespielt.
Am 9. November 1986 stellten sich Sandoz- und Regierungsvertretungen dem Publikum an einer öffentlichen Diskussion im Stadttheater. Das Podium und die Zuhörenden redeten aneinander vorbei. Die Fachleute gewährten technische Auskünfte, das Publikum wünschte menschliche Zugeständnisse, so wie eine Frau, die sich erhob und die Verantwortlichen von Sandoz und Regierung ruhig und bewegt aufforderte: «Warum verteidigen Sie sich immer noch? Warum entschuldigen Sie sich nicht in aller Form und ziehen die Konsequenzen, weil Sie das Vertrauen verloren haben?» Schliesslich überschüttete eine Gruppe aus dem Publikum die Redner auf dem Podium mit Rheinwasser und bewarf sie mit toten Fischen. Die Referenten verliessen im Tumult die Bühne fluchtartig durch den Hinterausgang.
Endlich: Sandoz-CEO spricht!
Nach dem Brand zögerte Sandoz-CEO und -Verwaltungsratspräsident Marc Moret lange, sich der Öffentlichkeit zu stellen. Erst drei Wochen nach dem Brand trat er vor die Kamera und gewährte mir sein erstes Fernsehinterview zum 1. November 1986. Moret gestand im sehr spät erfolgten Interview auf meine Frage zu seiner Gefühlswelt ein: «Ja, ich hatte Angst.»
Politiker liessen sich zu unterschiedlichen Zukunftsaussichten animieren. Der Basler Regierungsrat Hans-Rudolf Striebel stellte nach dem Brand im Grossen Rat fest, dass das «Vertrauen in die Sicherheit der Chemie zutiefst erschüttert» ist, und prophezeite: «Das Ansehen von Basel wird wohl auf Jahre hinaus darunter leiden.» Bundesrat Alphons Egli wiegelte im österreichischen Fernsehen ab: «Das Image der Schweiz wird momentan leiden, aber ich weiss, wie schnell solche Vorfälle vom Publikum vergessen werden.» Als Begründung verwies er auf die Giftkatastrophe einer Roche-Tochter in Seveso, als 1976 hochgiftiges Dioxin in die Umwelt entwich. Bundesrat Egli im ORF: «Zu Beginn meiner Amtszeit als Bundesrat hatte ich mit den Sevesofässern zu tun und jetzt am Schluss noch mit dem Sandozbrand – und wer redet heute noch von den Sevesofässern!» Wider diese Prophezeiung gibt es Menschen, für die Schweizerhalle noch heute ein Mahnmal ist.



