Energiewende aus dem Untergrund
12.06.2026 BaselbietChristoph Plattner (AUE) sieht zwischen Liestal und Ormalingen grosses Potenzial für Geothermie
Wird die Energiewende im Oberbaselbiet tief unter unseren Füssen entschieden? Geologen sehen im heissen Wasser aus bis zu 2000 Metern Tiefe grosses Potenzial für Erdwärme. ...
Christoph Plattner (AUE) sieht zwischen Liestal und Ormalingen grosses Potenzial für Geothermie
Wird die Energiewende im Oberbaselbiet tief unter unseren Füssen entschieden? Geologen sehen im heissen Wasser aus bis zu 2000 Metern Tiefe grosses Potenzial für Erdwärme. Christoph Plattner vom Amt für Umweltschutz und Energie gibt Auskunft.
Interview Jo Krebs
Herr Plattner, eine neue Potenzialstudie zeichnet ein äusserst positives Bild unseres Untergrunds.
Wie realistisch ist es, dass wir im Baselbiet in absehbarer Zeit massgeblich von der Tiefen-Erdwärme profitieren? Oder bleibt das vorerst eine Wunschvorstellung?
Christoph Plattner: Das ist sehr realistisch. Die Studie basiert auf allen öffentlich verfügbaren soliden geologischen Daten und unseren bisherigen positiven Erfahrungen in der Region. Bereits heute werden im Kanton rund 3000 Wohngebäude mit Wärme aus dem Untergrund beheizt. Praxisbeispiele für eine erfolgreiche tiefere Nutzung sind die Anlage in Riehen, wo aus 1500 Metern Tiefe 60 bis 65 Grad heisses Wasser gefördert wird, oder die etwas weniger tiefe Anlage in Itingen, die auf rund 400 Metern Tiefe 20 bis 25 Grad warmes Wasser nutzt. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass auch noch an anderen Orten im Baselbiet mit ähnlichen geologischen Formationen beziehungsweise mit heissem Wasser gerechnet werden kann. Nun gilt es, weitere Untersuchungen durchzuführen, um die Zweckmässigkeit einer späteren Bohrung schrittweise besser einschätzen zu können.
Die Studie nennt Sissach als den idealen Pilotstandort. Was macht unseren Untergrund im Ergolztal geologisch so wertvoll?
Vorab: Die angesprochene Studie weist interessante Untersuchungsgebiete, aber noch keine konkreten Bohrstandorte aus. Dafür ist es derzeit noch viel zu früh. Dass Sissach in einem geologischen Querschnitt namentlich erwähnt wurde, ist Zufall und diente rein der Illustration. Generell eignet sich die Talsohle zwischen Liestal, Lausen und Ormalingen sehr gut, weil dort günstige geologische Bruchstrukturen im Untergrund direkt mit einem dichten Siedlungsgebiet und einem entsprechenden Wärmebedarf zusammenfallen. Zudem könnte es sogar Standorte geben, bei denen von einem einzigen Bohrplatz aus gleich mehrere potenziell wasserführende Gesteinsschichten in unterschiedlichen Tiefen vorhanden sein könnten und die Erfolgsaussichten entsprechend besser sind.
Es ist von einem Potenzial die Rede, das 10 bis über 100 Prozent des kantonalen Wohn-Wärmebedarfs decken könnte. Mit wie heissem Wasser wird gerechnet und welche Mengen würden benötigt?
Je nach Bohrtiefe rechnen wir im Oberbaselbiet mit Temperaturen zwischen 20 und 90 Grad, was sich ideal für Raumwärme und Warmwasser eignet. Zur Veranschaulichung: Wenn wir etwa 20 Liter Wasser pro Sekunde mit einer Temperatur von 35 Grad fördern, reicht das aus, um rund zehn grosse Mehrfamilienhäuser zu beheizen. Die Technologie bietet sich daher besonders für Wärmenetze und Quartiere mit Mehrfamilienhäusern an. Bei erfolgreichen Probebohrungen könnte das heisse Wasser künftig einen beachtlichen Teil des dicht besiedelten Oberbaselbiets mit sauberer Wärme versorgen.
Lange Leitungswege verteuern Wärmeprojekte. Wo genau im Ergolztal wären solche Bohrungen geplant?
Ein exakter Standort steht heute noch nicht fest. Dieser muss im nächsten Schritt durch detaillierte Voruntersuchungen, insbesondere durch seismische Messungen, evaluiert werden. Bevor gebohrt wird, muss die Schichtung im Untergrund mithilfe von Reflexionsseismik – einer Art Ultraschall für den Boden – genauer kartiert werden. Dabei senden Spezialfahrzeuge Schallwellen in die Erde. Aus den reflektierten Signalen entsteht schliesslich ein präzises Bild der Gesteinsschichten und der für eine Nutzung interessanten Klüfte und Bruchstrukturen.
Was passiert logistisch auf so einem Bohrplatz? Droht den Anwohnenden eine 24-Stunden-Baustelle mit massivem Lärm?
Um klar zu sein: Eine Bohrung wird grundsätzlich nur dann zum Thema, wenn die vorgelagerten geophysikalischen Untersuchungen Erfolg versprechend verlaufen. Die eigentliche Bohrphase dauert dann in der Regel nur wenige Wochen pro Bohrung. In dieser Zeit läuft der Betrieb üblicherweise tagsüber. Im strengen Bewilligungsverfahren werden dafür zwingende Auflagen erteilt, wie etwa die Errichtung von Lärmschutzwänden oder die Vermeidung von nächtlichen Lichtemissionen. Ab einer gewissen Grösse ist zudem eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorgeschrieben. Sobald die Bohrung erfolgreich abgeschlossen ist, nimmt man die Anlage an der Oberfläche optisch und akustisch kaum noch wahr. Es bleibt im Grunde nur ein unscheinbarer Betonoder Metalldeckel im Boden zurück, wie man am Praxisbeispiel in Riehen gut sehen kann.
Beim Wort Geothermie denken viele sofort an die Erdbeben in Basel 2006. Warum soll das seismische Risiko bei uns laut der Studie «sehr gering bis null» sein?
Das Verfahren im Oberbaselbiet ist ein komplett anderes. In Basel bohrte man damals fünf Kilometer tief ins harte Kristallin und versuchte, das Gestein mit enormem Wasserdruck künstlich aufzusprengen, um Strom zu produzieren. Wir hingegen suchen gezielt nach Schichten, in denen bereits von Natur aus heisses Wasser in bestehenden Gesteinsklüften zirkuliert. Weil das Gestein dabei nicht künstlich aufgebrochen werden muss, ist das Risiko von Erdbeben sehr klein.
Wem «gehört» eigentlich die Erdwärme tief unter unseren Häusern?
Gemäss der Gesetzgebung gehört der Untergrund bis in eine Tiefe von rund 400 Metern dem jeweiligen Grundeigentümer. Alles, was tiefer liegt, ist Staatssache und fällt unter das kantonale Bergregal. Das bedeutet, dass Ressourcen aus grosser Tiefe, wie das heisse Thermalwasser, dem Kanton gehören. Wer diese nutzen will, benötigt eine Konzession und eine Bewilligung des Kantons.
Wie hoch sind die Kosten für eine Tiefenbohrung, und wer zahlt die Millionenrechnung, falls bei einer Bohrung kein Wasser gefunden wird?
Für eine Schätzung der Kosten ist es derzeit noch zu früh. Diese hängen sehr stark von Bohrtiefe, Geologie und Projektgrösse ab. Die grösste finanzielle Herausforderung bei solchen Pilotprojekten ist in der Tat das sogenannte Fündigkeitsrisiko – also die Gefahr, dass man nicht ausreichend heisses Wasser findet und das investierte Geld verloren ist. Grundsätzlich muss dieses Risiko von den Projektträgern oder Investoren getragen werden, die sich aus verschiedensten Partnern zusammensetzen werden.
Welchen konkreten praktischen Nutzen bietet die Tiefenwärme den Bürgern, um den geforderten Ausstieg von fossilen Ölheizungen finanziell zu erleichtern?
Die Bürgerinnen und Bürger profitieren von einer saison- und witterungsunabhängigen, sehr verlässlichen, regionalen und vor allem preisstabilen Energiequelle. Die Preise für Tiefenwärme sind konkurrenzfähig und attraktiv, wie die bestehenden Beispiele in Itingen und Riehen zeigen.
Realistisch gefragt: Wenn meine Ölheizung in den nächsten drei Jahren irreparabel kaputtgeht – kann ich dann im Ergolztal schon mit der Tiefenwärme rechnen?
Da müssen wir ehrlich sein: Nein. Die Tiefenwärme ist eine mittel- bis langfristige Lösung für die Wärmewende und kein kurzfristiger Ersatz. Solche grossen Infrastrukturprojekte brauchen Zeit. Von den allerersten Seismik-Tests über die Bohrbewilligung bis hin zum Bau des Wärmenetzes benötigen wir realistischerweise einen Planungshorizont von mehreren Jahren.
Die Studie bringt die Lithiumgewinnung aus dem Warmwasser ins Spiel. Liefert der Oberbaselbieter Untergrund künftig neben Wärme auch Lithium für E-Auto-Batterien?
Das ist in der Tat ein äusserst spannender Nebenaspekt. Die Tiefenwässer in unserer Region weisen oft interessante Konzentrationen an gelösten Mineralien auf, darunter auch Lithium. Unser primäres Ziel ist und bleibt zwar klar die Wärme. Sollte sich bei den Bohrungen jedoch zeigen, dass das Wasser ausreichend hohe Konzentrationen an Lithium enthält und eine Extraktion wirtschaftlich sinnvoll sowie umweltverträglich ist, könnte man den Rohstoff herausfiltern, bevor das Wasser wieder in den Boden geleitet wird.
Ein abschliessender Blick auf das grosse Ganze: Wie lautet Ihr Fazit zur generellen Wärmetransformation im Kanton – sind wir auf Kurs für diese Mammutaufgabe?
Wir sind insgesamt auf einem guten Weg. Erfreulicherweise stelle ich fest, dass die Aktivitäten der Gemeinden, des Kantons, des Bundes und der Energieversorger zunehmend besser ineinandergreifen. Die Wärmewende und speziell die Tiefenwärme kommen im Kanton deshalb so gut voran, weil auf allen Ebenen – von der Kantonsregierung über das Parlament bis zu den Gemeinden und den ausführenden Energieversorgern – ein gemeinsamer Wille herrscht, zusammenzuarbeiten und die Projekte koordiniert voranzutreiben.
Zur Person
jk. Christoph Plattner leitet seit dem 1. November 2020 das Ressort Energie beim Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) des Kantons Baselland und ist Mitglied der Geschäftsleitung. Er war bereits zuvor in leitenden Funktionen für den Kanton tätig und blickt zudem auf berufliche Stationen beim Bundesamt für Energie und der Credit Suisse zurück. Mit seinem Team fungiert er als zentraler Architekt der Baselbieter Energiewende. Zu seinen fachlichen Schwerpunkten gehören die Wärmewende im Gebäudebereich sowie die Erschliessung erneuerbarer Energiequellen, einschliesslich der Geothermie.
Für dicht besiedelte Gebiete geeignet
jk. Tiefenwärme könnte zur tragenden Säule der Baselbieter Wärmewende werden. Dabei setzt der Kanton auf den sicheren hydrothermalen Ansatz, da der Untergrund zahlreiche für die Geothermie interessante geologische Formationen in unterschiedlichen Tiefen aufweist. Statt Gestein unter Hochdruck künstlich aufzusprengen – wie noch 2006 in Basel –, wird gezielt nach natürlichen, wasserführenden Gesteinsklüften gesucht. Dieses heisse Thermalwasser soll künftig regionale Wärmenetze in dicht besiedelten Gebieten wie dem Ergolztal mit CO2freier Energie speisen. Um finanzielle Risiken zu minimieren, geht der Kanton stufenweise vor. Den Anfang machen kostengünstigere Sondierbohrungen in 500 bis 600 Metern Tiefe. Erst bei nachgewiesener Ergiebigkeit wird schrittweise in tiefere Schichten bis auf 2000 Meter gebohrt. Da konsequent auf künstlichen Wasserdruck verzichtet wird, gilt das Erdbebenrisiko laut Experten als sehr gering. Die grösste Hürde bleibt das «Fündigkeitsrisiko». Der Erfolg des Projekts hängt massgeblich davon ab, bei der Bohrung exakt jene Störzonen zu treffen, die ausreichend heisses Wasser für eine dauerhafte und preisstabile Wärmeversorgung liefern.
Details auf www.baselland.ch, unter mitteltiefe-und-tiefe-geothermie


