Ende eines Gourmet-Abenteuers
01.02.2024 ZeglingenSpitzenkoch Vittorio Conte gibt das «Rössli» auf
Vittorio Conte hatte sich in der «Osteria Tre» in Bubendorf einen «Michelin»-Stern erkocht. Vor knapp einem Jahr wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und übernahm das ...
Spitzenkoch Vittorio Conte gibt das «Rössli» auf
Vittorio Conte hatte sich in der «Osteria Tre» in Bubendorf einen «Michelin»-Stern erkocht. Vor knapp einem Jahr wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und übernahm das «Rössli» in Zeglingen. Dort ist der Ofen nun aber bereits wieder aus: Sein Konzept funktionierte nicht.
David Thommen
Ende 2023 hat Gourmetkoch Vittorio Conte mit seinem Team dem Zeglinger «Gasthof zum Rössli by Vittorio Conte» den Rücken gekehrt: Das Restaurant ist geschlossen. Dies nach nur zehn Monaten – und einem von den Medien viel beachteten und recht furiosen Start: Conte hatte im März 2023 als Pächter begonnen und ist für seine italienische Küche bereits im September 2023 vom Gastroführer Gault-Millau mit 14 Punkten geadelt worden. Alles deutete darauf hin, dass hier in Zeglingen etwas Grosses entstehen würde. Doch der Schein trügte. Lediglich die nach wie vor aufgeschaltete Internetseite des Restaurants suggeriert, dass alles weiterläuft wie gehabt.
Herr Conte, was hat im «Rössli» nicht funktioniert? «Fast alles …», antwortet der Sternekoch am Telefon – und lacht. Ganz offensichtlich sei sein Konzept an diesem Ort nicht aufgegangen: «Ich kann nicht einmal sagen, wo genau das Problem lag.» Jedenfalls seien nach einem Schub zu Beginn immer weniger Leute gekommen. Vielleicht habe es daran gelegen, dass das «Rössli» den Gourmet-Gästen aus den städtischen Gebieten zu weit entfernt liege. Vielleicht sei auch hinzugekommen, dass sein Restaurant bei den Gästen im oberen Kantonsteil bald den Ruf hatte, recht teuer zu sein, auch wenn er probiert habe, einfachere Menüs anzubieten. Bewertungen wie diejenige des Gastroführers Gault-Millau mögen das Ihre dazu beigetragen haben. Dort ist unter anderem zu lesen: «Die Preisgestaltung ist ziemlich ambitioniert: Ein Fünfgänger für 140 Franken liegt auch in dieser Qualitätsklasse an der oberen Grenze.» Oder auf der Bewertungsplattform «TripAdvisor» kommentierte ein Gast: «Exzellente Küche, wenn auch sauteuer für über Mittag. Da gibt es Besseres günstiger, selbst auf ‹Michelin›-Sterne-Level.»
Nächste Aufgabe
«Wie auch immer», sagt Vittorio Conte ohne Bitterkeit, «jetzt ist es vorbei, und das macht auch nichts.» Auf ihn warte die nächste Aufgabe: Ab kommender Woche steht er zusammen mit seinem bisherigen Sous-Chef im Schloss Binningen am Herd. Zu verteidigen gibt es dort 15 «Gault-Millau»-Punkte. Ja, es reize ihn, weiterhin auf höchstem Niveau zu kochen, sagt er – auch wenn er seinen Gang nach Zeglingen damals mit seinen knapp mehr als 30 Jahren damit begründet hatte, dem täglichen Druck in einer Sterneküche wie der «Osteria Tre» entkommen und im beschaulichen Oberbaselbiet seine eigene Küchenphilosophie leben zu wollen.
In Zeglingen selbst kommt der Abgang Contes trotz nur kurzem Gastspiel für viele nicht besonders überraschend: «Es hat sich abgezeichnet. Das war eine Gourmet- und keine Dorfbeiz mehr, wie wir uns das gewünscht hätten», sagt ein Einheimischer. Und ein anderer: Die Mitglieder der Vereine hätten sich dort nicht besonders wohl- und willkommen gefühlt. Conte habe den von ihm angekündigten Spagat zwischen Punkteküche und Dorfbeiz nicht geschafft.
Judith Gysin, mit ihrer Familie Besitzerin des traditionellen, 1792 erbauten Gasthofs zum Rössli, sagt auf Anfrage, dass Conte ein angenehmer Pächter gewesen sei und sie immer ein gutes Einvernehmen mit ihm pflegte. Auch sie sagt: «Contes Konzept hat für das ‹Rössli› einfach nicht ganz funktioniert.» Einen Vorwurf wolle sie niemandem machen. Gysin selbst stand bis September 2021 in der Küche des bekannten Restaurants, das hauptsächlich für Schnitzel und Forelle bekannt war. Als sich Gysin aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen musste, war die Suche nach einem Pächter aufgrund der Corona-Pandemie alles andere als einfach: Die einzige Beiz in Zeglingen blieb für längere Zeit geschlossen.
Neue Pächter in Aussicht
Und jetzt? «Ich bin zuversichtlich, dass es bald weitergeht», sagt Judith Gysin. Sie sei mit einem erfahrenen Pächterpaar im Gespräch, das lange Jahre ein Restaurant auf dem Land mit grossem Erfolg geführt habe. Unterschrieben sei zwar noch nichts, doch sie sei guter Dinge, dass bereits ab Mai im «Rössli» wieder Betrieb einkehren wird. Die Ausrichtung werde gutbürgerlich sein. Auch Judith Gysin selbst ist voller Tatendrang: Die Ausbildung zur Käsesommelière hat sie 2022 erfolgreich abgeschlossen, jetzt darf sie sich bald auch noch «Schweizer Weinsommelière» nennen. Der Abschluss ihrer Ausbildung an der Hotelfachschule Zürich steht kurz bevor, sagt sie. Denkbar sei, dass sie im «Rössli» als Nischenprodukt immer wieder einmal Events in Sachen Wein und Käse veranstalten werde.
Conte ist gegangen, geniessen soll man in Zeglingen nach der Wiedereröffnung des traditionsreichen Restaurants aber weiterhin können.