Eintauchen in die Gefühlswelt zweier Jungen
06.01.2026 BöcktenNach Seitenhieb liest Charles Brauer Texte von Carson McCullers vor
Charles Brauer hat am Sonntag die inzwischen mehr als 30 Jahre alte Tradition zu Neujahr in seiner Wohngemeinde fortgesetzt. Vorgestern trug er im Gemeindezentrum Weiermatt zwei Erzählungen der Amerikanerin Carson ...
Nach Seitenhieb liest Charles Brauer Texte von Carson McCullers vor
Charles Brauer hat am Sonntag die inzwischen mehr als 30 Jahre alte Tradition zu Neujahr in seiner Wohngemeinde fortgesetzt. Vorgestern trug er im Gemeindezentrum Weiermatt zwei Erzählungen der Amerikanerin Carson McCullers vor.
Jürg Gohl
Er habe für sich nachgerechnet, sagt Charles Brauer bei der Begrüssung, die Premiere müsse 1995 erfolgt sein. So lange liest er zugunsten von Kultur Böckten jeweils am ersten Sonntag eines neuen Jahres Texte vor. Seine Frau, die Künstlerin Lilot Hegi, und er selber treffen jeweils die Wahl. Vorgestern fiel sie auf zwei Erzählungen der amerikanischen Schriftstellerin Carson McCullers, die immer mit gesundheitlichen Problemen gekämpft habe, so Brauer, und 1967 im Alter von 50 Jahren verstarb. Eine Blitzumfrage im Saal ergab, dass ein stattlicher Teil der Anwesenden mit der Autorin, von der etliche Romane mit namhaften Schauspielern verfilmt wurden, vertraut war.
Das erste Werk trägt den Titel «Der Marsch» und erzählt von einem Jungen namens Joe. Joe nimmt in Amerika an einem ereignisreichen Protestmarsch gegen den tief verankerten und institutionalisierten Rassismus teil. «Der Text ist im Original und unverändert», warnte Brauer vorgängig, weil darin auch das heute nicht mehr salonfähige N-Wort mehrfach auftaucht. Nach der Pause – Brauer selbst trieb das Publikum auf die Stühle zurück – folgte der Text «Der verfolgte Junge», in welchem ebenfalls ein Heranwachsender mit seiner Gefühlswelt geschildert wird.
Publikum gefesselt
Es ist nicht alleine das Verdienst der Schriftstellerin, dass sich das Publikum sogleich in diese beiden Protagonisten hineinversetzen kann, sondern auch das von Charles Brauer. Der Wahl-Baselbieter, der im vergangenen Sommer seinen 90. Geburtstag gefeiert hat, schlägt mit seiner sonoren Stimme und den verschiedenen Kunstgriffen alle rund 70 Besucherinnen und Besucher für die Dauer eines Fussballspiels in seinen Bann. Im Saal herrscht Ruhe.
Erst als ihm einmal «Gedicht» statt «Gesicht» über die Lippen huschte (und er dann kurz über sich selber lachte), realisierte man, wie makellos seine Lesungen sind. Roland Bauhofer vom veranstaltenden örtlichen Kulturverein umschrieb dieses Können in seiner Dankesrede mit einem Novalis-Zitat, wonach ein guter Vorleser sinngemäss zum Mitautor werde.
Flügel gesucht
Die Wahl von Carson McCullers hänge auch mit einer «Leerstelle» zusammen, erklärte Brauer einleitend, wies mit dem Kopf in eine Ecke des Saals und sagte: «Dort stand einmal ein Flügel.» Ursprünglich bestand der Plan, dass der Schauspieler aus «Der kleine Prinz» vorliest und ihn dabei Danny Exnar am Flügel begleitet. Mit Exnar, dem in Basel wohnenden und in Itingen aufgewachsenen Film- und Bühnenschauspieler und Pianisten, ist Brauer im November in Hamburg ein weiteres Mal im Zweipersonenstück «Dienstags bei Morrie» auf der Bühne gestanden. In diesem Werk jazzt Exnar ebenfalls regelmässig auf einem Flügel.
Gemäss Brauer hat die Gemeinde aber das ihr einst geschenkte Musikinstrument an die regionale Musikschule weitergegeben. Er verspricht, dass «Der kleine Prinz», Danny Exnar und er in Böckten zu hören sein werden, falls die erwähnte Leerstelle einmal behoben sein wird.
Auch im Gedenken an Lisi Mangold
jg. Dass an der Lesung eine eher gedrückte Stimmung herrschte und an diesem Abend nur verhalten gelacht wurde, lag nicht alleine an den tragischen Ereignissen in Crans-Montana. Bevor Charles Brauer den ersten Text vortrug, gedachte er seiner früheren Lebenspartnerin Lisi Mangold.
Der Todestag der Schauspielerin aus Böckten, zu der Brauer einst in seine aktuelle Wohngemeinde zog, jährte sich am ersten Sonntag dieses Jahres zum 40. Mal. Lisi Mangold verstarb im Alter von 35 Jahren. Sie spielte in München verschiedene grosse Hauptrollen.

