Eine unbequeme Wahrheit
22.05.2026 PersönlichSo lautete 2006 der Titel einer Dokumentation zum Klimawandel. Der Streifen hat mich bewegt. Auch wenn alte, mächtige weisse Männer aktuell das Rad der Zeit zurückzudrehen versuchen, die Welt hat grosse Fortschritte gemacht, das Karbonzeitalter zu überwinden.
Was ist ...
So lautete 2006 der Titel einer Dokumentation zum Klimawandel. Der Streifen hat mich bewegt. Auch wenn alte, mächtige weisse Männer aktuell das Rad der Zeit zurückzudrehen versuchen, die Welt hat grosse Fortschritte gemacht, das Karbonzeitalter zu überwinden.
Was ist Wahrheit? Der Römer Pilatus hat dies vor 2000 Jahren Jesus kurz vor dessen Tod gefragt. Für die Wahrheit ist Jesus gestorben – und seit ihm Zehntausende andere. Ja, Wahrheit ist oft unbequem und für viele bedrohlich. Unbequeme Wahrheiten sind Thema mancher Volksabstimmungen. Im Juni geht es um die «10-Millionen-Schweiz». Die Initiative spielt mit unseren Verlustängsten. Auch ich leide unter Stau auf Autobahnen, «Druggete» im Zug. Unsere Söhne zahlen hohe Mieten, weil Nachfrage den Preis treibt.
Die Grenzen des Wachstums wurden bereits 1972 beschrieben, die Welt hat bloss gelacht. Sie ist endlich erwacht. Bloss: Ist echt Zuwanderung unsere Not?
Die unbequeme Wahrheit liegt aus meiner Sicht anderswo. Wir Einheimischen zeugen seit dem Pillenknick 1968 viel zu wenig Kinder, heute nur die Hälfte der für den Fortbestand der Eidgenossenschaft nötigen! Unser Land ist altbacken, was zeitgemässe Familienpolitik betrifft. Kinder sind für zu viele ein Armutsrisiko in einer aktuell ohnehin schon unsicheren Welt. Sie bedeuten Verzicht auf persönliche Unabhängigkeit.
Die unbequeme Wahrheit Teil zwei: unsere Demografie! Wir sind ein rentnerdominierter Staat geworden. Menschen des dritten Lebensabschnitts dominieren Urnen und Abstimmungen. Die dreizehnte AHV lässt grüssen. Viele Betagte bleiben auf Land, grossen Wohnflächen, Privatvermögen sitzen. Und das Rentenreferenzalter 65 scheint tabu. Ich werde bald mit gemischten Gefühlen zum Rentner. Mit mir eine Million weitere Babyboomer. Fazit: Ohne Zuwanderung und Integration von Arbeitswilligen wäre unser Land bereits heute arm dran.
Haben wir nicht die «ars moriendi» verlernt, die Kunst, zur richtigen Zeit zu sterben? Jeder einzelne Mensch hat eine Verantwortung sich selbst, seiner Familie und der Gesellschaft gegenüber. In einer säkular gewordenen Welt fürchten viele ihr Ableben als «totales Aus». Eine Gelassenheit, die aus dem Glauben an Christus, den Auferstandenen, die von der Vorfreude auf ein von ausgezehrten Leibern befreites Leben im Himmel lebt, ist verloren gegangen.
Gleichzeitig arbeitet die Pharma an «longevity» und will unsere (Rentner)-Leben noch mehr verlängern. Wo wird uns das hinführen? Ich hätte gern die 6-Millionen-Schweiz zurück. Die «gute alte Schweiz» ist nicht mehr, 80 Jahre Wohlstandsmehrung, Wachstum, unser Lebensstil haben ihren Preis: Sie ist Geschichte, leider, wie die in unserer Hymne besungenen Firne und Gletscher bald nur Erinnerung sind.
Es bleibt der eidgenössisch viel besungenen liberalen Eigenverantwortung, dem verbleibenden Gemeinsinn aller Generationen überlassen, im persönlichen Leben und Umfeld die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Matthias Plattner wurde 1962 geboren und ist Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Sissach-Wintersingen.

