Eine heisse Sache
24.07.2026 PersönlichDie Bretagne, dieser Garant für verregnete, kalte Sommer, für endloses Windgeheul und eiskaltes Meerwasser, hat mich in diesem Jahr komplett im Stich gelassen. Bestimmt habe ich schon an anderer Stelle erwähnt, dass mein Körper ab einer Temperatur von 28 Grad alle Systeme auf ...
Die Bretagne, dieser Garant für verregnete, kalte Sommer, für endloses Windgeheul und eiskaltes Meerwasser, hat mich in diesem Jahr komplett im Stich gelassen. Bestimmt habe ich schon an anderer Stelle erwähnt, dass mein Körper ab einer Temperatur von 28 Grad alle Systeme auf Standby stellt. Und ab 30 Grad selektiv entscheidet, was wann und wie funktioniert.
Meine Reiseziele sind im Sommer darum nicht das Mittelmeer, die Ägäis oder die Adria, sondern der kalte Atlantik. Kühle Destinationen wie Island, Norwegen oder Schottland sind mir zu weit weg, und ausserdem mückenverseucht. Die Bretagne hingegen ist in etwa 12 Stunden Fahrzeit erreicht und berühmt dafür, ihren Besuchern wettermässig den Urlaub zu vermiesen.
Was ich Anfang Juni jedoch nicht wusste, war, dass den Bretonen kein normaler Sommer bevorstand, und ich geradewegs ins Hitzeverderben fuhr. Die «Canicule» (französisch für Hitzewelle) folgte mir auf den Fersen.
21. Juni, Nantes, 44 Grad. Mein Camper stand drei Tage auf einem Parkplatz am Flughafen. Ich war in dieser Zeit in der Schweiz. Bei der Rückkehr ist das Fahrzeug ein Glutofen. Alle meine Pflanzen sind nur noch Stroh. Der Kühlschrank ist ausgestiegen, weil die Bordbatterie sich bei seinem Dauerbetrieb entleert hat. Die Butter hat sich gleichmässig über den Inhalt verteilt. Die Schokokekse sind zu einem Klumpen zusammengepappt und aus den zwei Flaschen Eistee ist Heisstee geworden.
Ich fahre mit offenen Fenstern Richtung Meer. Nur schnell weg aus dem Inland an die Küste, wo es einige Grade kühler sein soll. Die Klimaanlage hat schon vorher nur noch ein laues Lüftchen von sich gegeben. Jetzt röchelt sie mir heisse Luft ins Gesicht. Der Fahrtwind fühlt sich an, als stünde jemand mit einem grossen Föhn vor dem Fenster. Ich halte an und wickle mir ein klatschnasses Handtuch wie einen Turban um den Kopf. Auf die Arme drapiere ich nasse Waschlappen, die ich von Zeit zu Zeit wie Pfannkuchen wende. Um 20 Uhr abends zeigt das Thermometer immer noch 40 Grad. Mittlerweile stehe ich auf einem Autobahnrastplatz zwischen Lastwagen, deren Kühlaggregate einen Heidenlärm machen. Ich fächle mir mit einem nassen Geschirrtuch Luft ins Gesicht. Mein Kreislauf macht schlapp, mir wird schwindelig. Ich lege mich ins Bett, Beine hoch und denke, jetzt hat dein letztes Stündchen geschlagen. Das war’s also. Zu blöd, dass ich nicht noch den Kühlschrank geputzt habe. Was werden die denken, wenn sie mich hier rausholen und die Sauerei sehen?
Zwei Stunden später wache ich auf. Ich habe bei offenen Fenstern und Schiebetüre geschlafen. Es ist 22 Uhr und immerhin nur noch 30 Grad. Jetzt ein kühler Eistee und der Tag endet erfreulicher, als er begonnen hat. Ich öffne die Kühlschranktüre, höre ein Brechen und die Türe fällt mir mitsamt den Seitenfächern vor die Füsse. Der Plastikrahmen ist am Scharnier gebrochen. Auf die Schnelle ist das nicht zu reparieren. Ich gebe mich geschlagen, hole den Campingstuhl hervor, giesse mir ein Glas Rotwein ein und geniesse den ersten Glühwein des Jahres.
Yvonne Zollinger ist ehemalige «Volksstimme»- Redaktorin und lebt in ihrem Wohnmobil.

