Einblicke in ein umworbenes Land
31.10.2023 SissachVortrag über das Leben und die Kriegsgefahr in Taiwan
China droht unverhohlen, Taiwan zu annektieren. Ein Krieg mit der Insel, die von den USA militärisch unterstützt wird, hätte auch für die Schweizer Wirtschaft dramatische Folgen. Wie die Taiwanesen mit der ...
Vortrag über das Leben und die Kriegsgefahr in Taiwan
China droht unverhohlen, Taiwan zu annektieren. Ein Krieg mit der Insel, die von den USA militärisch unterstützt wird, hätte auch für die Schweizer Wirtschaft dramatische Folgen. Wie die Taiwanesen mit der Kriegsgefahr umgehen, erzählte eine Austauschstudentin in Sissach.
Janis Erne
Wie aktuell im Nahen Osten oder in der Ukraine könnte es dereinst auch in Ostasien zu einem Krieg kommen. Im Brennpunkt steht dort Taiwan. Seit Längerem spricht China davon, die Insel notfalls mit Gewalt ins «Mutterland» zurückzuholen. Eine Mehrheit der taiwanesischen Bevölkerung hingegen ist laut Umfragen für die Unabhängigkeit. Militärische Unterstützung erhält Taiwan dabei von den USA.
Seine Wurzeln hat der Konflikt im chinesischen Bürgerkrieg. Dieser endete 1949 mit dem Sieg der Kommunisten, die seither das Festland beherrschen, und der Niederlage der Nationalisten, die auf die 225 Kilometer entfernte Insel Taiwan geflüchtet sind. Dort hat sich mittlerweile eine fortschrittliche Demokratie etabliert, während in China ein autoritärer Herrscher das Sagen hat.
Auch deshalb stand Taiwan am Freitagabend im Zentrum einer Veranstaltung im Sissacher «ChinaHouse». Betreiber Xian Chu Kong hatte mit Laura Schwab eine ehemalige Studentin der Universität Basel eingeladen, die 2020 ein Austauschsemester an der «National Taiwan University» absolviert hatte. Die 25-Jährige teilte Eindrücke von einem «mehr als umworbenen Land», das sich stark gegen Westen orientiere. Einleitend präsentierte China-Kenner Christian Walsoe einige Fakten zur Geografie, Bevölkerung, Geschichte, Politik und Wirtschaft.
Er betonte, dass ein Krieg um Taiwan auch der Schweiz erheblich schaden würde. Grund dafür ist die Halbleitertechnologie, ohne die viele elektronische Geräte nicht funktionieren. In nahezu allen Handys und Computern sind Chips der taiwanesischen Firma TSMC verbaut. Denn 90 Prozent der modernsten Mikrochips werden in Taiwan hergestellt. «Würden die Produktionsstätten zerstört, stände sozusagen die ganze Welt still», sagte Walsoe.
Stark westlich orientiert
Ein Krieg mit China sei eine ständige Bedrohung und in den Köpfen der Taiwanesen verankert, erzählte Laura Schwab. «Die Menschen sprechen offen darüber und äussern ihren Wunsch, eigenständig zu sein.» Auch Staatspräsidentin Tsai Ing-wen sprach sich öffentlich für die Unabhängigkeit aus. «Es gibt viele kritische Stimmen gegenüber China», so Schwab. Gleichzeitig würden sich die Taiwanesen stets mit der Volksrepublik vergleichen: «Sie wollen besser sein als ihre grosse Nachbarin.»
Weiter berichtete die Wirtschaftswissenschaftlerin, die mittlerweile an ihrer Dissertation zu nachhaltiger Mobilität arbeitet, dass viele junge Taiwanesen mit dem Auswandern liebäugeln: «Die USA und Europa gelten als Sehnsuchtsorte.» Deshalb – aber auch, weil chinesische Namen schwieriger zu merken seien – würden sich junge Taiwanesen englischsprachige Zweitnamen geben, so Schwab. Generell sei Englischunterricht sehr populär.
Doch sie betonte auch, dass es Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gebieten gebe. Während gerade in der Hauptstadt Taipeh (2,7 Millionen Einwohner) viele Menschen westlich orientiert sind und zum Beispiel Kleider europäischer und amerikanischer Marken tragen, sprechen auf dem Land viele Menschen nur chinesisch. «Dort sind die Menschen tendenziell älter und sie leben traditioneller.»
Los entscheidet über Hüttenplätze
Taiwan, das von 1895 bis 1945 eine japanische Kolonie war, ist heute ein hochentwickeltes Land. Davon zeugt das Bruttoinlandprodukt pro Kopf, das mit 69 US-Dollar ungefähr demjenigen der Niederlande entspricht. Wie fortschrittlich das Land ist, zeigt sich beim Zugnetz. Hochgeschwindigkeitszüge verbinden die grossen Städte. Laura Schwab nutzte sie regelmässig, «um den engen Verhältnissen in Taipeh zu entfliehen».
Mit dem Zug erreichte die Baslerin innert weniger Stunden die sechs Nationalparks, die es auf der Insel gibt. «Landschaft und Natur sind wunderschön.» In Taiwan gibt es viele Berge, die mehr als 3000 Meter hoch sind. Der höchste Berg ist der Yushan mit 3952 Metern. Um ihn zu erklimmen, muss man in einer Hütte übernachten – wobei die Plätze wegen der grossen Nachfrage per Losentscheid vergeben werden. «Eine geniale Sache», meinte die Wirtschaftswissenschaftlerin.
Nächste Veranstaltungen im «ChinaHouse» in Sissach an der Hauptstrasse 120:
Samstag, 11. November, ab 17 Uhr: «China 1867» – Referat von Dr. Xian Chu Kong.
Freitag, 24. November, ab 18.30 Uhr: «Warum gerade die Provinz Henan? Facts & News zur Partnerin des Kantons Baselland in China» – Referat von Dr. Xian Chu Kong.
Jeweils mit chinesischem 3-Gänge-Menü, Anmeldung unter info@wakong.ch oder 062 922 44 55.