Ein Urteil wird zur Wahrheit
04.09.2026 BaselbietRebekka Salm erzählt in «Metzina» von einer Frau, die zur Hexe gemacht wurde
In der neuen Erzählung «Metzina» von Rebekka Salm geht es um die Geschichte der im Mittelalter in Olten lebenden Hebamme Metzina Wächter. Die Geschichte zeigt, wie schnell einer ...
Rebekka Salm erzählt in «Metzina» von einer Frau, die zur Hexe gemacht wurde
In der neuen Erzählung «Metzina» von Rebekka Salm geht es um die Geschichte der im Mittelalter in Olten lebenden Hebamme Metzina Wächter. Die Geschichte zeigt, wie schnell einer Frau damals ihr eigenes Wissen zum Verhängnis werden konnte.
Lea Wieser
Der Hebamme Metzina Wächter wird ihr eigenes Wissen zur Gefahr und macht sie schliesslich zum Sündenbock. Rebekka Salms im mittelalterlichen Olten handelnde Erzählung «Metzina» dreht sich nicht primär um Hexerei, sondern darum, wie eine Gesellschaft Hexen konstruiert.
Damit beginnt auch die Geschichte: Metzina erzählt, wie sie, bereits schuldig gesprochen, im Gefängnis im Wachtturm Solothurns sitzt und darauf wartet, zum Scheiterhaufen geführt zu werden. Neben diesem Handlungsstrang taucht man zu unterschiedlichen Zeitpunkten in ihre Vergangenheit ein. Im ersten dieser Rückblicke erfährt man vom tragischen Schicksal des kleinen Heinrichs, den Metzina ihren Sohn nennt. Bei einem Hochwasser des Flüsschens Dünnern kommt er ums Leben. Welche Bedeutung Heinrichs Tod tatsächlich für Metzinas Geschichte hat, offenbart sich allerdings erst später im Buch und sorgt gegen Ende für eine unerwartete Wendung.
Generell ist die Konstruktion der Geschichte interessant. Salm baut die Spannung nicht über die Frage auf, was mit Metzina passieren wird. Von Anfang an ist klar: Sie wartet als verurteilte Hexe auf ihre Hinrichtung. Vielmehr entsteht der Spannungsbogen durch die Frage, wie es so weit kommen konnte. Stück für Stück setzen die Rückblicke zusammen, was geschehen ist. Dadurch verändert sich auch unsere Wahrnehmung dessen, was am Anfang als feststehende Wahrheit präsentiert wird.
Das Buch zeigt, wie schnell aus Wissen Verdacht und aus Verdacht vermeintliche Wahrheit werden kann. Metzina muss gar nichts Übernatürliches tun. Es genügt, dass andere ihre Fähigkeiten entsprechend deuten. Das Buch spielt mit der Frage, wer die Macht besitzt, zu bestimmen, was wahr ist.
Drei kurze Sätze kehren dabei immer wieder: «Ein wichtiger Mann. Ein mächtiger Mann. Ein Mann.» Sie bringen das Machtgefälle, das Metzinas Lebensrealität prägt, gut auf den Punkt. Ein mächtiger Mann hat sie zur Hexe erklärt – und diese Zuschreibung wird zur gesellschaftlichen Realität. Männer sitzen im Rat und bestimmen, wessen Geschichte geschrieben wird. Metzina hingegen mag zwar über Wissen und Erfahrung verfügen, die Macht darüber besitzt sie jedoch nicht.
Von der Trauer zur Hexerei
Nach Heinrichs Tod verändert sich Metzina. Von Schuldgefühlen getrieben, zieht sie sich zurück und beginnt, sich obsessiv mit dem Wetter auseinanderzusetzen. Als eine von ihr verlangte, schicksalsverändernde Wettervorhersage eintrifft, wird aus der Beobachtung in den Augen ihrer Mitmenschen eine Zauberei. Metzina wird beschuldigt, mithilfe finsterer Mächte für das Unwetter verantwortlich zu sein. Dass ausgerechnet sie dafür herhalten muss, ist kein Zufall. Autorin Salm lässt Metzina schon früh feststellen: «Wo der Mensch einen Sündenbock sucht, findet er eine Geiss.»
Damit erzählt «Metzina» aber nicht nur, wie Gerüchte entstehen, sondern auch, wie Geschichte entsteht. Besonders eindrücklich wird das, als Metzina über ihr eigenes Urteil nachdenkt. Es sei angeordnet worden, im Protokoll festzuhalten, dass sie eine Hexe ist. Für Metzina liegt darin eine beängstigende Macht: «Denn was geschrieben steht, wird erinnert. Und was erinnert wird, ist wahr.» Salm dreht dieses Prinzip um: Sie gibt der Frau, über die andere Geschichte geschrieben haben, eine eigene Stimme und erfindet literarisch das, was über ihr Leben nicht überliefert ist.
Metzina ist dabei keine sanfte, sympathische Märtyrerin. Sie flucht, urteilt über andere, ist trotzig und manchmal ziemlich gemein. Gleichzeitig ist sie verletzlich. Das zeigt sich im Gefängnis besonders gut. Sie behauptet, keine Angst vor dem Tod zu haben, obwohl sie sich vor dem, was auf sie zukommt, fürchtet. Dazu kommt Salms bildliche Sprache: Blut, Geburten, Ausscheidungen, Gestank. Als Leserin meint man teilweise fast, es riechen zu können.
Die Geschichte ist düster und von Leid geprägt. Metzinas trockene Art verhindert jedoch, dass daraus ein durchgehend schweres, historisches Drama wird. Stattdessen stellt Salm Tragik und schwarzen Humor einander immer wieder gegenüber.
Während sich die Erzählung im Mittelalter abspielt, wirkt Metzinas Denkweise teilweise auffällig modern. Einerseits macht das die Figur für heutige Lesende zugänglicher. Andererseits wird dadurch sichtbar, dass hier aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts eine Frau aus dem Mittelalter literarisch ausgestaltet wurde.
Daneben überrascht die unerwartete Wendung am Schluss zwar, wirkt aber, als wäre sie konstruiert worden, um für Metzinas Geschichte ein glückliches Ende zu garantieren.
Fremde Zeit, vertraute Landschaft
Während die Lebensrealität keine ist, mit der man sich heute gross identifizieren kann – oder will –, spielt sich Metzinas Geschichte geografisch erstaunlich nahe ab: Sie kommt aus der Balsthaler Klus, zieht nach Olten und wandert entlang der Dünnern und der Aare. Besonders deutlich wird diese Nähe in kleinen Beobachtungen wie dem «Schnee auf der Belchenflue».
Für Lesende aus der Region verleiht das einen besonderen Reiz. Salm erzählt eine mehr als 600 Jahre zurückliegende Geschichte an Orten, die noch heute vor der eigenen Haustür liegen.
Die 1979 geborene Schriftstellerin Rebekka Salm ist in Bubendorf aufgewachsen und schreibt regelmässig Kolumnen für die «Volksstimme».
Rebekka Salm, «Metzina», Knapp Verlag, 128 Seiten.


