«Ein Kulturgut von weltweiter Bedeutung»
08.01.2026 Kultur, RegionMonika Koch, Präsidentin Nordwestschweizerischer Jodlerverband
Nach dem Jodlerfest in Reigoldswil von 2025 blickt Monika Koch, Präsidentin des Nordwestschweizerischen Jodlerverbands (NWSJV), mit grosser Vorfreude auf das Eidgenössische Jodlerfest, das im Juni in Basel ...
Monika Koch, Präsidentin Nordwestschweizerischer Jodlerverband
Nach dem Jodlerfest in Reigoldswil von 2025 blickt Monika Koch, Präsidentin des Nordwestschweizerischen Jodlerverbands (NWSJV), mit grosser Vorfreude auf das Eidgenössische Jodlerfest, das im Juni in Basel stattfinden wird.
Brigitte Keller
Frau Koch, wenige Tage vor diesem Interview wurde das Jodeln in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Was heisst das fürs Jodeln?
Monika Koch: Die Aufnahme ist für uns eine grosse Anerkennung. Sie zeigt, dass Jodeln nicht nur ein lokales Brauchtum ist, sondern ein Kulturgut von weltweiter Bedeutung. Denn damit wird unsere uralte Klangsprache offiziell als weltbedeutsamer Schatz anerkannt – ein lebendiges Band zwischen Tradition, Identität und Zukunft.
Ist die Auszeichnung auch eine Art Verpflichtung?
Das ist so. Es ist unsere Verantwortung, diese Tradition lebendig zu halten, durch Nachwuchsförderung, durch offene Angebote für alle Jodlerinnen und Jodler, auch ausserhalb der Vereine, und durch neue Formen, die den Geist des Jodelns weitertragen in Workshops, an Musikschulen, in Projekten, aber natürlich auch im Eidgenössischen Jodlerverband und in seinen Jodelklubs.
Wie sind Sie seinerzeit zum Jodeln gekommen?
Vor zehn Jahren, mit 50, habe ich mir eine Liste gemacht mit Dingen, die ich unbedingt noch machen wollte. Und zuoberst stand: Jodeln lernen. Und diesen langgehegten Herzenswunsch habe ich mir dann erfüllt. Gesungen hatte ich immer schon sehr gerne, in verschiedenen Chören, und natürlich auch immer mit den Kindern im Kindergarten und in der Schule. Die Suche nach einem geeigneten Jodelchor führte mich dann nach Mellingen – und mit Mellingen ist es so eine Sache: Wenn man reinschaut, bleibt man hängen, weil es so ein herzlicher Verein ist, wo man sich sehr willkommen fühlt. Jodeln macht mir sehr viel Freude und auch das Vereinsleben schätze ich sehr.
Wie schwierig oder einfach ist es, mit 50 Jodeln zu lernen?
Wenn man etwas will … ein gutes Basiswissen hatte ich ja schon, und dann habe ich Unterricht genommen und die ersten Jahre sehr viel geübt und in das Hobby investiert. Das Schöne beim Jodeln sind auch die Möglichkeiten der Liedgestaltung, wie dies beispielsweise beim Singen im Duett mit meinem Jodelpartner möglich ist.
Sie sind nach dem überraschenden Rücktritt Ihrer Vorgängerin in die Bresche gesprungen und präsidieren den Verband offiziell seit Februar 2025. Nur vier Monate später fand das «Nordwestschweizerische» in statt, und im kommenden Juni geht das Eidgenössische Jodlerfest in Basel über die Bühne. Ein happiges Startprogramm …
Es ist tatsächlich eine aussergewöhnliche Phase, wie sie turnusmässig nur etwa alle 15 Jahre vorkommt. Die Zeit war und ist intensiv, aber auch sehr bereichernd. In Reigoldswil war ich als Präsidentin des Nordwestschweizerischen Jodlerverbands ganz nahe beim Organisationskomitee (OK), da wir gemeinsam für das Fest gearbeitet haben. Das bedeutete viele Aufgaben, die neu waren für mich, und eine enge Begleitung für die offiziellen Festanlässe – eine schöne, aber auch fordernde Verantwortung. Beim Eidgenössischen Jodlerfest in Basel ist die Situation anders, dort liegt die Hauptverantwortung bei der Eidgenössischen Präsidentin und ich wirke als Teil des OKs und als Vertretung meines Unterverbands mehr im Hintergrund mit. Das ist für mich deutlich weniger belastend, aber nicht minder spannend.
Das «Eidgenössische» findet nach 102 Jahren wieder in Basel statt. Ursprünglich war es für 2020 geplant, dann wegen Corona auf 2021 verschoben und schliesslich abgesagt. Nach Zug 2023 kommt Basel nun doch zum Handkuss. Was bedeutet Ihnen das?
Die Freude ist riesig, dass das «Eidgenössische» im dritten Anlauf tatsächlich in Basel stattfinden wird. Vor allem für das OK war diese Zeit eine enorme Herausforderung. Ein verschobenes und dann sogar abgesagtes Jodlerfest bedeutet einen riesigen organisatorischen Kraftakt und verlangt von allen Beteiligten einen unglaublichen Durchhaltewillen. Sponsoringgelder mussten immer wieder neu erarbeitet werden, Absagen neu ergänzt und vieles mehrfach aufgestellt werden. Gerade deshalb ist die Vorfreude jetzt besonders gross. Es ist ein starkes Zeichen der Beharrlichkeit und der Leidenschaft für unsere Tradition, dass wir nach all diesen Hürden gemeinsam auf dieses Fest in Basel hinsteuern können.
Was hat Basel von so einem Anlass?
Für Basel bedeutet dieser Entscheid eine grosse Chance: Nach über 100 Jahren kann die Stadt wieder Gastgeberin eines Eidgenössischen Jodlerfestes sein. Damit geben wir Basel ein Stück kulturelle Heimat zurück und die Möglichkeit, die Vielfalt unserer Tradition mitten in einem urbanen Umfeld sichtbar zu machen.
Das Basler Motto wird lauten «Stadt und Land mitenand». Ist das ein Wunsch oder bereits gelebte Realität in Ihrer Region?
Es ist beides: In der Nordwestschweiz funktioniert vieles bereits sehr gut, und es findet ein aktiver Austausch zwischen Stadt und Land statt. Gleichzeitig will das OK mit dem Motto bewusst zeigen, wie wichtig dieses Miteinander für die ganze Schweiz ist. Gerade Basel bietet dafür eine ideale Bühne: Hier treffen urbane Vielfalt und ländliche Traditionen aufeinander, und genau diese Begegnung macht das Eidgenössische Jodlerfest so besonders. Wir möchten sichtbar machen, dass Stadt und Land voneinander profitieren, sei es durch kulturelle Inspiration, durch gemeinsames Feiern oder durch das Bewusstsein, dass unsere Traditionen überall ihren Platz haben.
In Basel-Stadt gibt es heute nur noch zwei Jodlergruppen, früher waren es rund 20. Wie erklärt sich dieser drastische Rückgang – und kann ein Fest wie das Eidgenössische daran etwas ändern?
Der Rückgang hat verschiedene Gründe. Die gesellschaftlichen Strukturen haben sich stark verändert, viele Traditionen, die früher selbstverständlich waren, haben heute weniger Platz im Alltag. Der Rückgang betrifft nicht nur die Jodelszene, sondern das Vereinsleben insgesamt. Ein Fest wie das «Eidgenössische» kann diesen Trend nicht allein umkehren, aber es kann Interesse und Neugier wecken und das Jodeln vielleicht auch etwas entstigmatisieren.
Im Baselbiet sieht es besser aus: Rund 17 Jodelvereine sind dort aktiv. Wie stark ist Basel bei diesem Fest mit 12 000 Aktiven, 1000 Vorträgen und 200 000 erwarteten Besucherinnen und Besuchern auf die Unterstützung aus dem Baselbiet und den umliegenden Regionen angewiesen?
Die Unterstützung aus dem Baselbiet und den umliegenden Regionen ist enorm wichtig. Das Baselbiet verfügt über eine starke, lebendige Jodelszene, und viele engagieren sich auch für das Fest in Basel. Ein Anlass dieser Grösse lässt sich nur gemeinsam stemmen.
Besonders sichtbar wird das durch die Trägervereine, die das Eidgenössische Jodlerfest in Basel mittragen: Das 1. Frauen-Jodel-Chörli Basel, der Jodlerklub Echo Basel, der Jodlerklub Farnsburg Gelterkinden, der Jodlerklub Muttenz sowie die Alphornvereinigung Nordwestschweiz und die Fahnenschwinger-Vereinigung Nordwestschweiz. Sie stehen stellvertretend für die vielen aktiven Vereine in der Region und sind das Fundament, auf welches das OK zählen darf.
In Reigoldswil haben sich die Vereine aus Ihrem Verband für Basel qualifiziert. Mit welchen Erwartungen gehen Sie als Verbandspräsidentin ins «Heimspiel»?
Die Anmeldefrist läuft sicher bis Ende Februar, deshalb liegen noch keine Zahlen vor. Als Verband freuen wir uns sehr auf dieses besondere «Heimspiel». Unsere Erwartungen sind nicht primär wettkampforientiert. Viel wichtiger ist uns, dass unsere Formationen ihre vorbereiteten Lieder präsentieren können, dass sie die Gemeinschaft in der Jodelfamilie erleben, ein Fest feiern und die Nordwestschweiz durch ihre Vielfalt vertreten ist.
Was braucht es heute, um junge Menschen für die Vereinsarbeit und das Jodeln zu begeistern? Reicht die Freude am Singen oder muss man als Verein mehr bieten: Social Media, Events, moderne Arrangements?
Die Freude am Singen ist die Basis – ohne Begeisterung für die eigene Stimme funktioniert gar nichts. Aber heute braucht es mehr. Soziale Medien spielen eine grosse Rolle: Wenn die jungen Menschen dort sehen, dass Jodeln nicht verstaubt, sondern lebendig und kreativ ist, entsteht Neugier. Besonders wichtig ist heute die Vernetzung der jungen Jodlerinnen und Jodler über die Kantons- und Verbandsgrenzen hinaus. Die Projekt-Jugendjodelchöre des Nordwestschweizerischen (NWSJV) und des Nordostschweizerischen Jodlerverbands (NOSJV) proben nicht nur ab und zu gemeinsam, sondern treten auch gemeinsam auf, etwa beim grossen Umzug des Eidgenössischen Jodlerfestes.
Lässt sich das Jodeln auch ausserhalb des klassischen Vereins lernen oder vertiefen?
Wir sehen heute, dass junge Jodlerinnen und Jodler nicht nur in Vereinen aktiv sind, sondern auch an Hochschulen eine fundierte Ausbildung erhalten können – etwa im Fachbereich Volksmusik an der Hochschule Luzern. Das gibt ihnen die Möglichkeit, Jodeln auf professionellem Niveau zu erlernen, zu reflektieren und mit anderen Musikrichtungen zu verbinden. Tradition ist kein Museum, sondern etwas Lebendiges. Damit sie überlebt, muss sie sich wandeln dürfen, sonst erstarrt sie und verliert ihre Kraft.
Die Arbeit wird Ihnen bei all Ihren Verpflichtungen – Chor, Verband und Familie – nicht so schnell ausgehen.
Bleibt Ihnen noch Zeit zum Jodeln?
Die Freude am Jodeln selbst bleibt für mich unverzichtbar. Wenn ich singe, kann ich alles Administrative beiseitelegen und spüre die Kraft, die im Jodellied steckt und wie viel Freude mir das Singen macht. Diese Momente geben mir Energie und erinnern mich daran, warum ich mich überhaupt engagiere.
Zur Person
bke. Monika Koch (60), aufgewachsen in Aarau und Möriken, war beruflich als Kindergärtnerin und Primarlehrerin tätig. Sie ist verheiratet, lebt in Aarau, hat drei erwachsene Kinder und einen 18 Monate alten Enkel.
Als Familienfrau übernahm sie regelmässig Pensen und Stellvertretungen an Kindergärten und Schulen und war während zehn Jahren ehrenamtlich für das Jugendprojekt «World Robot Olympiad Schweiz» tätig. Sie ist Präsidentin des Jodelchors Mellingen und seit Februar 2025 Präsidentin des Nordwestschweizerischen Jodlerverbands.

