Ein Film mit Herz und Kampfgeist
07.02.2025 BaselbietAnimationsfilm «Sauvages» ruft zum Schutz des Regenwaldes auf
Der mehrfach ausgezeichnete Westschweizer Regisseur Claude Barras war am Sonntag mit seinem neuen Animationsfilm «Sauvages» und zwei Puppen zu Gast im ausverkauften Liestaler Kino Sputnik. Zur Vorpremiere ...
Animationsfilm «Sauvages» ruft zum Schutz des Regenwaldes auf
Der mehrfach ausgezeichnete Westschweizer Regisseur Claude Barras war am Sonntag mit seinem neuen Animationsfilm «Sauvages» und zwei Puppen zu Gast im ausverkauften Liestaler Kino Sputnik. Zur Vorpremiere eingeladen hatte der Bruno Manser Fonds.
Marianne Ingold
Sägen kreischen, Bäume fallen, Schüsse knallen, ein Bagger zerstört eine Hütte, Einheimische werden mit Gewehren bedroht: Das sind Szenen aus dem neuen Animationsfilm «Sauvages» von Claude Barras, der im Regenwald auf der Insel Borneo spielt. Dort holzen Unternehmen den Dschungel ab, um Platz für Palmölplantagen zu schaffen, und zerstören dadurch den Lebensraum der Orang-Utans und des indigenen Penan-Volkes. Der Film zeigt aber auch wunderschöne Urwaldbilder und herzerweichende Szenen mit dem Orang-Utan-Waisenbaby Oshi.
Die Hauptfigur des Films, das Mädchen Kéria, wächst bei ihrem Vater in der Stadt auf. Sie trägt eine Schuluniform, hat lackierte Fingernägel, ein pinkes Handy und ist nicht auf den Mund gefallen. Zusammen mit ihren Freundinnen macht sie sich über ihren Cousin Selaï lustig, der mit seiner Familie im Wald gelebt hat und sich in der Stadt nicht gleich zurechtfindet. Doch als Kéria Selaï und Oshi in den Dschungel folgt, ist sie ohne Hilfe völlig aufgeschmissen und muss die traditionelle Lebensweise ihrer Vorfahren erst wieder kennenlernen.
«Sauvages» ist im besten Sinne des Wortes ein Familienfilm: Es geht um die Weitergabe von Traditionen, Zusammengehörigkeitsgefühl, den Verlust von Eltern, Mitgefühl, Solidarität und Widerstand. Manche Szenen sind traurig und stimmen nachdenklich, manche sorgen für Nervenkitzel, und es gibt immer wieder Grund zum Lachen – so zum Beispiel, als Kéria mit Hilfe ihres Navigationssystems den Weg aus dem Dschungel sucht oder als ihr Grossvater zum Klingelton von «Eye of the Tiger» ein Handy aus dem Rattanbeutel zieht.
Aufwendige Produktion
Claude Barras, dessen erster Langspielfilm «Mein Leben als Zucchini» zahlreiche Filmpreise gewann und für einen Oscar nominiert war, hatte 2016 die Idee für einen Film über Orang-Utans. Diese Tiere hätten ihn immer schon fasziniert, sagt er, weil sie den Menschen so ähnlich seien. Gleichzeitig wollte er den Verlust der traditionellen Lebensweise im Einklang mit der Natur thematisieren – einer Lebensweise, die er als Enkel und Sohn von Bauern und Winzern im Wallis selber noch miterlebt hatte.
2018 reiste Barras für mehrere Wochen nach Sumatra und Borneo, besuchte eine Orang-Utan-Station und ein Dorf der Penan. Die Geschichte und ihre Figuren nahmen Form an und wurden zu einer schweizerisch-französisch-belgischen Koproduktion mit einem Budget von 13 Millionen Franken, an der über 100 Personen beteiligt waren. Die Kulissen wurden in der Bretagne hergestellt, die Puppen mit übergrossen Köpfen und ausdrucksstarken Augen in der Nähe von Genf. Der Soundtrack, der in Belgien entstand, enthält Originalaufnahmen aus dem Dschungel, Stimmen und Gesänge der Penan.
Gedreht wurde «Sauvages» 2023 in einer Fabrikhalle in Martigny mit der Stop-Motion-Technik. Dabei werden die Puppen fotografiert und bei jeder Aufnahme ein wenig bewegt. 12 Bilder ergeben eine Sekunde Film. Dieser lange und stark analoge Prozess sei in der immer schnelllebigeren Welt wichtig, so Barras.
«Sauvages» wurde 2024 am Filmfestival Locarno mit dem «Kids Award» ausgezeichnet und ist unter anderem für den César und für den Schweizer Filmpreis 2025 nominiert.
Film mit Botschaft
An der Vorpremiere anwesend waren auch Lukas Straumann, der Geschäftsführer des Bruno Manser Fonds (BMF), und Melina Erdin von der Organisation PanEco, die auf Sumatra ein Orang-Utan-Schutzprogramm betreibt. Straumann und Erdin wuchsen beide in Liestal auf. Moderiert und übersetzt wurde das Gespräch von Sandrine Charlot Zinsli.
Der BMF ermöglichte den Kontakt von Barras und seinem Team mit dem Volk der Penan und ist eine der Nonprofit-Organisationen, die den Film und seine Botschaft unterstützen. Straumann betonte, der BMF arbeite strikt gewaltfrei, doch die Menschen vor Ort müssten selber entscheiden, mit welchen Mitteln sie Widerstand leisten wollten. Dass da gelegentlich ein Bagger nicht mehr funktioniere, komme deshalb vor. Auch wenn die Geschichte von «Sauvages» erfunden sei, so Straumann, erzähle sie die Wahrheit über den von Abholzung bedrohten Lebensraum. Das habe eine Penan-Delegation an der Filmpremiere in Cannes im letzten Sommer bestätigt.
Melina Erdin schilderte, wie junge Orang-Utans, deren Mütter getötet worden seien, oft via Schwarzhandel verkauft würden. Nur mit Glück würde das gemeldet und die Tiere könnten in eine Auffangstation gebracht werden.
Claude Barras sagte, er werde oft gefragt, wie die Abholzung des Regenwalds gestoppt werden könne. Sein Rat: Menschen, welche die Umwelt zerstören, kein Geld geben und die eigene Macht beim Einkaufen nutzen. Im Film tönt das so: «Ohne Verbraucher kein Palmöl!» Barras selbst hat dank «Sauvages» einiges verändert: Er wohnt mit seiner Familie nicht mehr in Genf, sondern in einem Walliser Dorf, fährt Velo, pflegt einen Garten – und singt seiner Tochter ein Lied in der Sprache der Penan vor.
«Sauvages» läuft seit gestern in der Deutschschweiz und wird in Liestal, Gelterkinden und Sissach gezeigt.
Infos unter www.sauvages-lefilm.com und www.bmf.ch


