Ein einziger Scherbenhaufen
08.01.2026Nach meinem Weltcup-Unfall Ende November war ich zuversichtlich, dass es sich lediglich um eine Schulterluxation handelte – eine Verletzung, die meine Saison nicht ernsthaft gefährden würde. Mit dieser Überzeugung ging ich an jenem Mittwoch ins MRT. Ich war dankbar für ...
Nach meinem Weltcup-Unfall Ende November war ich zuversichtlich, dass es sich lediglich um eine Schulterluxation handelte – eine Verletzung, die meine Saison nicht ernsthaft gefährden würde. Mit dieser Überzeugung ging ich an jenem Mittwoch ins MRT. Ich war dankbar für meine Begleitung, da ich einarmig erst gar nicht aus dem Haus käme mit dem Rollstuhl. Nach dem MRT wurden wir vom Chefarzt der Rennbahnklinik freundlich empfangen und waren bereit für die Auswertung.
Doch für das, was folgte, waren wir nicht bereit. Wir hörten dem Arzt aufmerksam zu. Es handelte sich bei meiner Verletzung nicht um eine einfache Luxation, sondern um eine komplexe Schulterverletzung. Ich war fassungslos!
Der Arzt machte mir klar, dass eine Operation notwendig sei – und zwar bald. Zudem verkündete er mir, dass meine Saison leider gelaufen sei. «Und was ist mit den Paralympischen Spielen?», fragte ich geschockt. Er tat sich schwer mit der Antwort. Er wollte mir keine grossen Hoffnungen machen, zeitlich gesehen besteht aber eine minimale Chance, meinte er. Wenigstens das, dachte ich. Die Rennbahnklinik reagierte schnell und organisierte mir weitere Termine. Noch am selben Tag durfte ich zum Ultraschall und zum Neurologen. Es zeigte sich, dass Nerven deutlich beschädigt wurden. Es folgten weitere Untersuchungen und die Besprechung für die Operation.
Ich stand täglich mit den Sportverbänden in Kontakt und sprach mit der Team-Ärztin. Es half mir, dass sie das Vorgehen voll und ganz unterstützten. Neben all diesen Telefonaten wollte ich selbstverständlich all meine Sponsoren persönlich informieren, unbedingt noch bevor die Medienmitteilung herausging. Die Reaktionen waren wertvoll und ermutigend. Alle stehen komplett hinter mir.
Es war schön, dass ich vor der Operation noch das Wochenende zu Hause verbringen durfte, bevor ich in meinem Kopf wieder in den «Kampf-Modus» gehen musste.
Mein Mann und ich taten uns schwer mit der Situation – so viel haben wir in den vergangenen Jahren investiert, all unsere Entscheidungen basierten auf meiner Sportkarriere. Es fühlte sich an wie ein riesiger Scherbenhaufen. Doch aufgeben war für uns nie eine Option. Mein kleiner Hoffnungsschimmer gab mir ein Ziel. Die OP war nicht einfach, aber verlief gut. Die Ärzte haben grossartige Arbeit geleistet!
Nun schufte ich in der Rehaklinik für mein Comeback. Ja, es sieht wie ein Scherbenhaufen aus, und doch fühle ich mich insgesamt gesegnet. Ich wünsche auch Ihnen ein gesegnetes neues Jahr.
Romy Tschopp
Vom Rollstuhl aufs Snowboard: Die Sissacherin Romy Tschopp (1993) ist die erste Schweizer Para-Snowboarderin, die an Paralympischen Spielen teilnehmen konnte. Sie wurde 2023 Vizeweltmeisterin im Snowboardcross.

